Mitgliederzahlen rückläufig Sportvereine in Bremen und Niedersachsen in Gefahr

Seit 2013 ist die Mitgliederzahl des Landessportbundes Bremen (LSB) kontinuierlich rückläufig. Auch in Niedersachsen ist dieser Trend zu verzeichnen. Eine einfache Erklärung gibt es jedoch nicht.
26.12.2018, 18:43
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Sportvereine in Bremen und Niedersachsen in Gefahr
Von Jörg Niemeyer

Bremens LSB-Präsident Andreas Vroom ist zwar überzeugt, dass der organisierte Sport in Deutschland eine sichere Zukunft hat, ist sich dabei der anstehenden Probleme aber bewusst: „Die Gefahr, dass der Sport ins Hintertreffen gerät, ist gegeben.“ Wie groß diese Gefahr ist und wie in Bremer und niedersächsischen Vereinen um die Existenz allmählich aussterbender Sportarten gekämpft wird, beleuchtet der ­WESER-KURIER in einer neuen Serie.

Hatte der Dachverband der bremischen Sportverbände und -vereine vor fünf Jahren noch 163.300 Mitglieder in 423 Vereinen, sind es 2018 nur noch 150.792 in 387 Klubs. In Niedersachsen ist die Zahl sogar seit 2002 jährlich zurückgegangen – vom absoluten Höchststand, 2.886.425 Mitglieder, auf 2.634.245.

Eine einfache Erklärung für sinkende Mitgliederzahlen in den Landessportbünden Bremen und Niedersachsen gibt es nicht. Der niedersächsische Verband, so dessen Pressesprecherin Katharina Kümpel, sieht „generell ein Ursachenbündel für diese Entwicklung“ und verweist auf einen Zusammenhang mit der zurückgehenden Bevölkerungszahl. LSB-Geschäftsführerin Karoline Müller präzisiert die Gründe für Bremen. Neben schlechten Sportstätten und kommerzieller Konkurrenz seien das ein Mangel an Übungsleitern, nicht zuletzt wegen der Abschaffung des Studiengangs Sport an der Uni Bremen, und Probleme wegen der Ganztagsschule. Manche Kinder seien viel zu erschöpft, um spätnachmittags noch in einen Sportverein zu gehen. Ein Pluspunkt von Fitnessstudios ist deren zeitliche Flexibilität: keine fest terminierte Übungsstunde, sondern mancherorts sogar ein 24-Stunden-Betrieb.

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Im Gegensatz zu Bremen und Niedersachsen ist die Entwicklung in Deutschland positiv. Zwar hat auch der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) seinen Allzeit-Höchststand aus dem Jahr 2013 (27.992.386) nicht mehr erreichen können, doch immerhin verzeichnete er 2018 ein leichtes Plus von 27.701 auf jetzt 27.430.682 Mitglieder in 92.433 Vereinen. „Der gemeinwohlorientierte Sport ist immer noch die größte Personenvereinigung unserer Gesellschaft“, sagt Christian Siegel, der im DOSB für Grundsatzfragen und Strategieentwicklung zuständig und seit vielen Jahren Experte für den Sportentwicklungsbericht ist.

„Den Sportverein wird es auch noch in 100 Jahren geben“, behauptet Siegel, „er bietet ein großes Angebot zu unfassbar kleinen Preisen.“ Siegel sieht aber wie Vroom belastende Einflüsse, die von außen auf die Klubs einwirken. Dazu zählen: die demografische Entwicklung mit älter werdenden Menschen und weniger Geburten, die veränderte Schullandschaft mit Angeboten weit in den Nachmittag hinein und die zunehmende Problematik, Ehrenamtliche und Freiwillige zu finden.

Laut Befragung für den jüngsten erstellten Sportentwicklungsbericht (2015/2016) sehen die deutschen Vereine die Bindung und die Gewinnung von ehrenamtlichen Funktionsträgern als das für sie größte existenzbedrohende Problem an. Schon seit Jahren weist der LSB die Sportvereine darauf hin, dass sie sich mit neuen Angeboten den veränderten gesellschaftlichen Bedingungen anpassen müssen, um dauerhaft existieren zu können.

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Die Vereine brauchen, wie Vroom immer wieder fordert, auch mehr finanzielle Unterstützung durch die Kommunen. Hilfe kann direkt erfolgen durch höhere Fördergelder, aber auch indirekt. Christian Siegel denkt an ein Projekt wie den Parksport – ein niederschwelliges und von der Kommune bezahltes Angebot für jedermann, an dem Vereine beteiligt sind. „Wenn so ein Projekt in der warmen Jahreszeit gut war“, sagt Siegel, „gehen die Sportler im Winter auch in den Verein.“

Um Sportarten oder Klubs vor dem Aus zu retten, passen manche Fachverbände die Wettkampfregeln an. Die Volley- oder Handballer haben vor Jahren den Strand und damit neue Spielformen für sich entdeckt. Die Fußballer spielen schon mal in kleineren Mannschaften um Punkte, wenn Vereine Schwierigkeiten haben, elf Mann aufbieten zu können. Kleinere, schon bald vielleicht ausgestorbene Sportarten wie Kegeln oder die Turnspiele Faust-, Prell- und Korbball sind möglicherweise nicht mehr attraktiv genug, um dauerhaft Menschen zu begeistern. Dennoch gibt es in Bremen und dem Umland engagierte Übungsleiter, die sich mit aller Kraft gegen das Aus stemmen. Auch davon zeugt die neue Serie des WESER-KURIER.

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