Das Virus und die Armut Verschärft Corona die soziale Ungleichheit in Delmenhorst?

Corona gilt als Brennglas für soziale Ungleichheiten – die Pandemie trifft arme Menschen mit doppelter Härte. Im Delmenhorster Stadtteil Düsternort könnte die Krise bestehende Probleme weiter verschärfen.
25.10.2020, 20:53
Lesedauer: 4 Min
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Verschärft Corona die soziale Ungleichheit in Delmenhorst?
Von Björn Struß

Eine Krise trifft Menschen, die von Armut betroffen sind, mit doppelter Härte. Das gilt auch für Corona. Unter der häuslichen Quarantäne leidet eine große Familie auf 45 Quadratmetern stärker als ein Ehepaar im freistehenden Haus. Die Akademikereltern können beim Heimunterricht mehr helfen als die alleinstehende Mutter mit zwei Minijobs. Und die ohnehin schon prekär beschäftigten Aushilfen in Branchen wie in der Gastronomie verlieren als erstes ihre Arbeitsplätze. Das Virus als Brennglas für soziale Ungleichheit – diese Metapher hat bereits Schule gemacht. In Delmenhorst leben insbesondere in Düsternort viele Menschen in Armut. Wie ist die Pandemie hier zu spüren?

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Am Freitagvormittag scheint die Welt in Ordnung zu sein. Der Wochenmarkt auf dem Parkplatz am Stadion ist gut besucht, die Sonne scheint. Für Ende Oktober ist es sehr warm, das beige und rot einiger Laubbäume macht den goldenen Herbsttag perfekt. Erst nahe der Stände mit Gemüse, Fleisch und Blumen stellt sich das Corona-Gefühl dieser Tage ein. Die Kunden befolgen die Maskenpflicht und halten in der Warteschlange Abstand. Es sind auch viele ältere Menschen unterwegs, zum Teil mit Rollator. Wenn Polizei und Ordnungsamt regelmäßig die Maskenpflicht kontrollieren, geht es auch um den Schutz dieser Risikogruppe.

Stadionkiosk als Treffpunkt

Auf der anderen Straßenseite herrscht auch beim Kiosk am Stadion reger Betrieb. Gelbe Klebestreifen auf den Pflastersteinen zeigen an, wie viel Abstand die Kunden in der Warteschlange halten müssen. Auch durch seine Nähe zum „Wohnzimmer“ des SV Atlas hat dieser Kiosk Kultstatus im Stadtteil. Viele Fans treffen sich hier auf ein Bier vor den Heimspielen. „Dieser Umsatz ist natürlich weggebrochen“, sagt Kioskbesitzerin Birgit Johannson. Als die Infektionszahlen niedriger waren, gab es ein paar Partien mit Publikum. Inzwischen ist das undenkbar, Corona-Fälle in der Mannschaft verhindern aktuell den Trainings- und Spielbetrieb.

Der Smalltalk am Kiosk hat sich durch die Pandemie verändert. „Die Verunsicherung ist sehr groß, viele machen sich Sorgen um die Zukunft“, berichtet Johannson. Unter den Stammkunden hat sie aber noch nicht mitbekommen, dass sich jemand mit dem Virus angesteckt hat oder in Quarantäne musste. Die Kioskbesitzerin achtet darauf, dass die Biertrinker zwischen Kiosk und Turnhalle den Abstand von zwei Metern einhalten. Verpflichtet ist sie dazu nicht. „Aber es geht mir auch um das Bild, dass der Kiosk nach außen abgibt“, erklärt sie.

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Der häufigste Ansteckungsort ist laut Dr. Helge Schumann, Chef des Gesundheitsamts, der private Haushalt. Vorstellbar ist, dass die Ansteckungsgefahr in kleinen Wohnungen höher ist als in großen Häusern. Weil Wohnblöcke mit günstigen Mietwohnungen in Düsternort das Straßenbild prägen, könnte das Infektionsgeschehen hier bedrohlicher sein. Wie viel Wahrheit in dieser These steckt, lässt sich noch nicht sagen. Das Gesundheitsamt erfasst nicht, wie stark einzelne Stadtteile von der Pandemie betroffen sind. Für die Nachverfolgung der Infektionsketten kennt die Behörde den genauen Wohnort der Infizierten und von Kontaktpersonen, für die eine häusliche Quarantäne gilt. Die Rohdaten für eine spezifische Analyse gibt es also. Sie wäre aber eine aufwendige Fleißarbeit. Mit 179 neuen Corona-Fällen in den vergangenen sieben Tagen und 563 Menschen in häuslicher Quarantäne gelten aktuell andere Prioritäten.

In direkter Nachbarschaft zum Stadionkiosk hat Mandurino Cosimo sein Restaurant. Draußen stehen die Tische und Stühle noch, auch wenn sich die Gäste inzwischen fast immer für einen Platz im warmen Innenbereich entscheiden. „Ich bin bislang gut durch die Krise gekommen. Aber das auch nur, weil ich meine Steuern stunden lassen konnte“, sagt Cosimo. Als sein „Costa Smeralda“ im Frühjahr schließen musste, stellte er einen Lieferservice auf die Beine. Nun läuft der Betrieb mit Hygieneregeln wieder. „Aber es ist nicht mehr das Gleiche wie früher. Es fehlen die Umarmungen. Die Gäste gehen direkt nach dem Essen“, berichtet Cosimo. Er erlebt auch, dass einige Stammgäste nun seltener kommen. „Insbesondere zum Monatsende ist hier weniger Betrieb, weil den Menschen aus Düsternort dann das Geld fehlt“, sagt er.

Andere Welt im Nachbarschaftsbüro

In einer Krise braucht es sozialen Zusammenhalt. Daran arbeitet schon seit 20 Jahren das Nachbarschaftsbüro der Diakonie in Düsternort. Doch die Kontaktbeschränkungen haben für Sozialpädagogin Bea Brüsehoff alles verändert. „Unseren Kinderraum haben wir, seitdem die Pandemie ausgebrochen ist, komplett stillgelegt. Er ist einfach zu klein“, erklärt sie. Auch die Migrationsberatung, bei der Geflüchtete etwa in ihrem Asylverfahren unterstützt werden, ist auf ein Mindestmaß zurückgestutzt. „Hier sollen wir telefonisch arbeiten. Nur in äußersten Notfällen gibt es noch direkten Kontakt“, erklärt die Pädagogin.

Sprachkurse waren mit maximal acht Personen gerade wieder angelaufen. Dann wurde Delmenhorst zum Risikogebiet. Zusammenkünfte in dem Nachbarschaftsbüro sind mit den neuen Regeln undenkbar. „Für viele Menschen sind wir mehr als ein Treffpunkt, sondern sogar ein zweites Zuhause“, sagt Brüsehoff. Insbesondere Senioren, die sich bei der Diakonie ehrenamtlich engagieren, würden das Nachbarschaftsbüro vermissen. „Am Telefon berichten sie dann von Einsamkeit und langer Weile“, sagt Brüsehoff.

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