Jagd auf Wildschweine

Wildschweine zum Abschuss freigegeben

Während die Menschen mit der Corona-Pandemie beschäftigt sind, haben es die Wildschweine mit der Afrikanischen Schweinepest zu tun. Deshalb sind sie nun zum Abschuss freigegeben – mit möglichen Folgen.
19.07.2020, 18:08
Lesedauer: 3 Min
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Von Tobias Hensel
Wildschweine zum Abschuss freigegeben

Kreisjägermeister Helmut Blauth fürchtet eine Wildbretschwemme.

MOELLERS

Delmenhorst. Im vergangenen Jahr erlegten die niedersächsischen Jäger ganze 70 481Wildschweine. Eine Steigerung von 26 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Und auch in diesem Jahr dürfte die Zahl weiter ansteigen, denn während die Menschheit gegenwärtig durch die Corona-Pandemie steuert und versucht, Infektionsketten nachzuvollziehen und bestenfalls gar nicht erst entstehen zu lassen, ist die Tierwelt von der Afrikanischen Schweinepest bedroht. Das Schwarzwild, wie in der Sprache der Jäger Wildschweine genannt werden, ist von der Seuche betroffen und bedroht darüber wiederum die landwirtschaftliche Schweinezucht, weil die Viren in die Schweineställe gelangen und dort in kurzer Zeit die gesamte Zucht infizieren könnten. Um das zu verhindern, sind die Jäger durch die Landesregierung angehalten, die Zahl des erlegten Schwarzwildes zu steigern.

Da zwar – wir können es beim Kampf gegen Corona beobachten – die Landesregierungen für den Seuchenschutz zuständig sind, eine Seuche aber nicht an den Landesgrenzen stehenbleibt, ist die Afrikanische Schweinepest ein gesamtdeutsches, wenn nicht gar globales Problem. Und die Jäger in Mecklenburg-Vorpommern klagen bereits, denn sie werden ihr Wildbret, also das Fleisch der erlegten Tiere, nicht mehr los. Einerseits, weil aufgrund der Corona-Pandemie die Gastronomie lange Zeit gar nicht öffnen durfte und das Geschäft nun bloß wieder langsam beginnt, andererseits, weil es an Absatzmärkten fehlt.

Helmut Blauth, der Kreisjägermeister von Delmenhorst, hat diese Beobachtungen auch schon gemacht, allerdings kann er für Delmenhorst und umzu Entwarnung geben: „Hier in der Region gibt es recht viele Jäger, aber nicht so viel Wild, deshalb gerät nur wenig Wildbret überhaupt in den Handel, weil es schon vorher von den Jägern und ihren Familien verzehrt wurde.“ Aber er sagt auch, dass es bereits auf der anderen Weserseite, also östlich von Bremen, den Jägern, die mitunter mit der Jagd ihren Lebensunterhalt verdienen, durch die Wildschweinschwemme die Preise verhagelt. „Die Situation ist eigentlich schizophren: alle diskutieren gerade über die Haltebedingungen in der Fleischindustrie, aber Wildbret, dass ja nun wirklich in Freiheit aufwachsen konnte, möchte niemand essen“, sagt Blauth.

Auch der Leiter des Hegerings in Ganderkesee, gewissermaßen der oberste Jäger der Gemeinde, Jan-Bernd Meyerholz, hat diese Beobachtungen gemacht: „Die Jagden hier in der Umgebung sind noch in den Händen von ortsansässigen Jägern, weshalb der lokale Bezug recht groß ist. Ab Posthausen nimmt die Jagd im größeren Stil im Sinne von Berufsjägerei zu, dort gibt es bereits ähnliche Probleme wie in Posthausen.“

Meyerholz stellt aber auch fest, dass der Stellenwert der Jägerei heute ein anderer ist: „Ich bin seit 50 Jahren Jäger und in der Zeit hat sich der Wert der Jagd sehr geändert, außerdem fehlt es heute an Wissen darüber, wie man das Wildbret eigentlich verarbeitet.“ Die fehlende Praxis im Umgang mit Fleisch, das noch am Knochen hängt und nicht fertigportioniert und grillfertig gewürzt in Plastikschalen in den Kühlschränken der Supermärkte liegt, macht es den Berufsjägern in Zeiten geschlossener Restaurants nicht leicht. Und auch wenn die Landesjägerschaft mit der Internetseite wild-auf-wild.de versucht, das gastronomische Interesse in der Bevölkerung zu wecken, so ist das notorisch als „streng schmeckend“ verschriene Fleisch von Rot-, Dam-, Reh- und Schwarzwild nicht jedermanns Sache.

Die passionierten Jäger Blauth und Meyerholz sehen das naturgemäß anders und würden den Kreis der Wild-Feinschmecker gern vergrößern: „Wildschwein vom Grill schmeckt hervorragend. Sicherlich, das vorzubereiten und zu marinieren macht Arbeit, aber der Schweinenacken aus dem Supermarkt kann gegen einen gegrillten Frischling nicht mithalten“, so Blauth. Der größte Wildhändler in der Region ist die Fleischerei Krupke aus Bockhorn. Zwischen Wittmund und Cuxhaven verkauft der Fleischer in neun Filialen und auf verschiedenen Wochenmärkten allerdings hauptsächlich Geflügel. „Die Wild-Saison beginnt ja jetzt erst ganz langsam und erreicht dann im Winter ihren Höhepunkt“, sagt Inhaber Peter Krupke, der sein Wildbret von Jägern im Nordwesten und aus einem Jagdgebiet bei Magdeburg bezieht. Dass die Preise für Wildbret etwas niedriger als im vergangenen Jahr sein werden, davon ist Krupke überzeugt, dass der Markt aber mit Wildbret überschwemmt wird und sich nicht genügend Abnehmer finden lassen, das kann er sich nicht vorstellen.

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