Werder Bremen Analyse einer Werder-Woche

Am Montagabend hat Werder die Unruhe der vergangenen Tage für beendet erklärt. Aber so einfach, wie der Klub es klingen lässt, ist die Sache natürlich nicht. Wir versuchen, die wichtigsten offenen Fragen zu beantworten.
15.10.2014, 00:00
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Analyse einer Werder-Woche
Von Andreas Lesch

Am Montagabend hat Werder eine Pressemitteilung verschickt und die Unruhe der vergangenen Tage für beendet erklärt. Aber so einfach, wie der Klub es klingen lässt, ist die Sache natürlich nicht. Viele Fragen bleiben offen. Wir versuchen, die wichtigsten zu beantworten.

Ist Lemke jetzt entmachtet?

Eindeutig: jein. Einerseits ist Lemke mittlerweile 68 Jahre alt. Im November 2016, wenn ein neuer Aufsichtsrat gewählt wird, wird er 70 sein. Sehr fraglich ist, ob Lemke überhaupt vorhatte, dann noch einmal als oberster Werder-Aufseher zu kandidieren. Sensationell jedenfalls ist die Ankündigung seines Rückzugs aufgrund seines Alters nicht. Andererseits wirkt es, als gebe er dem internen und vor allem externen Druck nach. Werders langjähriger Vorstandschef Jürgen L. Born etwa hatte in der vergangenen Woche im Interview mit dem WESER-KURIER gesagt: „Lemkes Beliebtheit ist nicht so irre groß. Also sollte da was unternommen werden.“ Nun ist da was unternommen worden.

Wie viel Macht Lemke in seiner verbleibenden Amtszeit noch hat, ist schwer abzuschätzen. In der aktuellen Debatte jedenfalls hat er gleich doppelt verloren. Die Personaldebatte hat damit geendet, dass er nun ein Chef auf Abruf ist – „lame duck“ sagt man dazu in der Politik. Gestern Abend hat er selbst die Initiative ergriffen und erklärt, er könne sich seinen Rückzug auch schon vor 2016 vorstellen.

In der inhaltlichen Debatte musste er von seiner Position abrücken. Lemke, der eine Verschuldung immer abgelehnt hatte, lässt sich nun mit den Worten zitieren, er halte auch andere Modelle für vertretbar, „wenn die Risiken beherrschbar sind“.

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Wer könnte Lemke nachfolgen?

Marco Bode ist von Günter Netzer, einem der mächtigsten Männer bei Werders Vermarkter Infront, via Interview im WESER-KURIER als künftiger Aufsichtsratsvorsitzender ins Gespräch gebracht worden. Netzer lobte Bode als hochintelligent, hocheloquent und charakterlich einwandfrei – und riet Werder, ihm mehr Verantwortung zu übertragen und als Gesicht der Zukunft zu positionieren. Das klang wie der Auftakt einer geschickt inszenierte Kampagne zur Karrierebeschleunigung, war aber offenbar erst mal nur ein mit Bode nicht abgestimmter Vorstoß. Der Gelobte jedenfalls mochte auf Netzers verbale Steilvorlage öffentlich nicht eingehen.

Dienstagabend nun schloss sich Lemke der Auffassung Netzers an. Auch er sieht in Bode nun seinen Kronprinzen.

Bode war bei Werder schon einmal Kandidat für ein wichtiges Amt. 2012 hätte er als Nachfolger von Klaus Allofs der Geschäftsführer Sport werden können. Damals zögerte er – und lehnte schließlich ab. Schlägt er nun die nächste Gelegenheit aus, bei Werder eine prominente Position zu besetzen?

Von den übrigen Aufsichtsratsmitgliedern dürfte sonst nur Werner Brinker das Gewicht haben, um Chef des Gremiums zu werden. Der Aufseher Hubertus Hess-Grunewald wechselt zum Jahresende als Nachfolger von Klaus-Dieter Fischer in die Geschäftsführung – also in das Gremium, das er bisher kontrolliert hat. Fischer wiederum schließt aus, dass er nach seinem Rückzug aus der operativen Arbeit in den Aufsichtsrat wechselt; er befürchtet Interessenskonflikte. Allzu viele interne Kandidaten für die Nachfolge Lemkes gibt es also nicht. Lemke selbst wird laut Werder-Mitteilung bei der Nachfolgersuche mitwirken und „aktiv den Prozess einleiten“ – damit hat er Dienstagabend begonnen.

Herrscht jetzt wieder Ruhe bei Werder?

Nach außen: ja. Intern: eher nicht. Das lässt sich etwa daran ablesen, dass sich Aufsichtsräte und Geschäftsführer schon am Montagvormittag trafen – der Verein die Ergebnisse der Sitzung aber erst abends um 18.20 Uhr per Pressemitteilung öffentlich machte. Es dürfte unter den Beteiligten erhöhten Abstimmungsbedarf gegeben haben, was genau kommuniziert werden sollte. Werder betont in der Mitteilung, man gehe „selbstbewusst und mit großer Geschlossenheit“ die anstehenden Probleme an. Wären Selbstbewusstsein und Geschlossenheit tatsächlich unbestritten groß, müsste ihre Existenz vermutlich nicht ausdrücklich erwähnt werden.

Wer ist der Gewinner der Debatten?

Eindeutig die Geschäftsführung. Noch in der Sommerpause war der für den Sport zuständige Thomas Eichin mit seiner Forderung nach Verstärkungen abgeblitzt. Konkret verweigerte ihm der Aufsichtsrat das Geld für den Transfer des Costa Ricaners Bryan Ruiz, mit dem Eichin in den Verhandlungen schon sehr weit gewesen war. Und der Klub versäumte es, die Grundsatzdebatten zu führen, die nun im Hauruckverfahren nachgeholt wurden. Der Geschäftsführer war damals wenig amüsiert. Der Aufsichtsrat aber erläuterte nie öffentlich, warum er seine kompromisslose Sparpolitik verfolgte.

Nun schlug Klaus-Dieter Fischer, Präsident, Gesellschafter und Geschäftsführer, öffentlich vor, übers Schuldenmachen nachzudenken, um sich zu verstärken und den Abstieg in die Zweite Liga zu verhindern. Damit hatte er Erfolg. Sein Kollege Eichin darf im Winter einkaufen.

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Wie viel Geld darf Werder investieren?

Der gerade abgeschlossene Deal mit dem Vermarkter Infront bringt Werder nach Informationen des WESER-KURIER eine einmalige Zahlung von acht Millionen Euro. Drei Millionen gehen an die Stadiongesellschaft, die das Weserstadion betreibt und zur einen Hälfte Werder und zur anderen Hälfte der Stadt gehört. Die übrigen fünf Millionen fließen an Werder. Der Klub will erklärtermaßen nur Spieler verpflichten, die der kriselnden Mannschaft schnell und spürbar weiterhelfen. Für Ablöse und Gehalt eines Klassekickers aber wären selbst die kompletten fünf Millionen Euro nicht besonders viel.

Muss Werder sich also verschulden?

Es sieht so aus, ja. Die bisherige Finanzpolitik des Klubs wäre auch ohne Wintertransfer nicht mehr lange durchhaltbar. Werder hat die jüngsten Geschäftsjahre stets mit einem fetten Minus beendet. Die Rücklagen, so sagte Fischer, würden zum Ende der laufenden Saison aufgebraucht sein. Dann kam der Infront-Deal. Trotzdem muss der Verein wohl über alternative Finanzierungen nachdenken. Der Absturz auf den letzten Platz in der Bundesliga hat dieses Nachdenken nun beschleunigt.

Wo bräuchte die Mannschaft am dringendsten Verstärkung?

Es gibt Werder-Kenner, die sagen: auf jeder Position. Herausragend ist die Mannschaft in der Tat nirgends besetzt. Doch sie hat Potenzial. Am dringendsten wird ein Stratege fürs Mittelfeld gebraucht. Einer, der das Bremer Spiel ordnet und lenkt. Der der Mannschaft einen Halt, eine Mitte, einen Rhythmus und eine Richtung gibt. Einer, den jeder Kollege auch in Bedrängnis immer anspielen kann – weil er weiß, der Ball ist dort gut aufgehoben.

Und was ist mit dem Trainer?

Stimmt, den gibt es ja auch noch. Über all den Debatten um Geld und Funktionäre war zuletzt fast in Vergessenheit geraten, dass Robin Dutt gerade auch keine einfachen Wochen durchlebt. Seit Werder das Ende der Bundesliga-Tabelle ziert, wird er so hart kritisiert wie noch nie in seiner Zeit in Bremen. Sein Job dürfte aber vorerst nicht in Gefahr sein. Im Auswärtsspiel beim FC Bayern an diesem Sonnabend wäre alles andere als eine Niederlage eine Überraschung, da hat Dutt also wenig zu befürchten. Wichtiger dürfte das folgende Heimspiel gegen den 1. FC Köln sein. Ginge auch diese Partie verloren, würde es arg eng für Dutt. Denn drei Tage danach steht das DFB-Pokalspiel beim Chemnitzer FC an. Doch stellt sich die Frage: Würde Werder überhaupt einen Trainer finden, der den beschwerlichen Weg des Klubs mitgeht und der besser ist als Dutt?

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