Diskussion um Fan-Rückkehr in die Stadien

Der Wunsch nach Normalität

Eifrig wird in der Politik und der Bundesliga über die Rückkehr der Zuschauer in die Stadien diskutiert. Vor allem der Leipziger Vorstoß sorgt für Wirbel und hat Folgen für die gesamte Branche um Werder und Co.
03.09.2020, 09:50
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Der Wunsch nach Normalität
Von Jean-Julien Beer

Ministerpräsidenten haben es auch nicht immer einfach. Schon gar nicht, wenn sie ein komplexes Thema wie große Sportveranstaltungen in Coronazeiten in den Griff bekommen sollen. Kaum war der gemeinsame Kurs ausgemacht, da scherte einer aus der Gruppe aus und machte lieber sein eigenes Ding, in diesem Fall Sachsens Michael Kretschmer (CDU). Und so knallten in den übrigen Bundesländern und auch im Kanzleramt nicht die Sektkorken, als der Freistaat Sachsen nun damit vorpreschte, seinem prominentesten Fußballverein Rasenballsport Leipzig schon zum Saisonstart der Bundesliga in zwei Wochen bis zu 8500 Zuschauer im Stadion zu ermöglichen – trotz der Corona-Pandemie.

Jetzt herrscht quer durch die Bundesliga Unsicherheit, ob damit das Ende der unbeliebten „Geisterspiele“ bevorsteht, oder ob gerade ein neuer Flickenteppich ausgerollt wird, auf dem manche Fußball-Standorte bevorzugt werden und andere auf die Unterstützung ihrer Fans und entsprechende Einnahmen weiter verzichten müssen. Denn Sachsens Vorstoß bedeutet nicht das Ende von Corona, auch wenn das relativ geringe Infektionsgeschehen in der Region Leipzig dazu führt, dass 8500 Zuschauer bei einem passenden Hygienekonzept den behördlichen Vorgaben vor Ort entsprechen.

Blick auf die Infektionszahlen

Ein gemeinsames Vorgehen der 36 Profiklubs, darunter Werder Bremen, ist in der schwierigen Frage der Zuschauer-Rückkehr nun erst einmal gebremst. Dabei war es den Ministerpräsidenten bei ihrer letzten Schaltkonferenz gar nicht darum gegangen, die Rückkehr von Fußballfans in die Stadien grundsätzlich zu verbieten. Vielmehr stand im Fokus, bundesweit das Ende der Sommerferien und damit die Rückkehr von Urlaubern aus Risikogebieten abzuwarten sowie erst einmal den Schulstart unter erschwerten Corona-Bedingungen zu meistern. In dieser Zeit vollmundig die Stadiontore zu öffnen für Großveranstaltungen, könnte schließlich das falsche Signal sein.

Bei der Bundesliga kommt ein weiteres Problem hinzu: In Bayern und Baden-Württemberg sind die Infektionszahlen unverändert so hoch, dass zum Beispiel der FC Bayern und der VfB Stuttgart weiterhin keine Zuschauer ins Stadion lassen dürften. Im Norden und auch im Osten Deutschlands sieht es vielerorts deutlich besser aus. In Leipzig verspricht man sich deshalb bereits „ein Stück Normalität“ durch die Rückkehr von wenigstens ein paar tausend Fans, sagt Oberbürgermeister Burkhard Jung. Zwar sei sich die Stadt bewusst, „dass die Pandemie noch lange nicht besiegt ist. Aber dort, wo es geht, muss Menschen – unter strengen Auflagen – auch erlaubt sein, ihren Alltag zurückzubekommen“.

Bovenschulte will Erfolge nicht riskieren

Auch Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) würde sich über eine Rückkehr zur Normalität freuen, er möchte aber nicht als Vorreiter dieser durchaus riskanten Bewegung wahrgenommen werden. „Auch ich würde mir wünschen, dass wir wieder Fußballspiele mit Zuschauern im Weserstadion verantworten können“, sagt Bovenschulte dem WESER-KURIER, „aber ohne die bisherigen Erfolge in der Bekämpfung der Corona-Pandemie aufs Spiel zu setzen.“ Die Ministerpräsidenten hätten sich in der vergangenen Woche „auf ein einheitliches Vorgehen verständigt“, betont er, und kündigt nach dem Fall Leipzig an: „Es wird zum Thema bundesweite Sportveranstaltungen kurzfristig einen Austausch auf Länderebene geben. Ich habe immer noch die Hoffnung, dass wir einen bundesweit einheitlichen Weg finden, der dann auch für Werder Bremen akzeptabel ist.“

Beim Bremer Bundesligisten sieht man die Entwicklung durch den Leipziger Vorstoß mit gemischten Gefühlen. Einerseits sei es „ein hoffnungsvolles Zeichen, dass man wieder vor Zuschauern spielen kann“, meint Werder-Präsident Hubertus Hess-Grunewald, „und sicher ist es auch ein Schritt hin zu mehr Normalität unter Corona-Bedingungen“. Andererseits sei die Infektionslage in Bremen „eine andere als in Sachsen. Es ist zuallererst zu beachten, wie wir den Schutz der Zuschauer in Bremen weiterhin gewährleisten können“.

Enger Austausch mit Politik

Werder befinde sich deshalb im engen Austausch mit der Politik und arbeite mit Hochdruck an einem Hygienekonzept für Spiele im Weserstadion, bei dem – wie in Leipzig – eine begrenzte Zuschauerzahl dafür sorgen soll, dass man die einzelnen Kontakte im Notfall zurückverfolgen kann. Bisher aber gilt in Bremen, dass bis zum 31. Oktober solche Großveranstaltungen untersagt sind. Zudem sind noch Fragen offen. Die Zuschauer unter freier Luft im Stadion zu haben, und seien es mehrere Tausend, dürfte eher weniger problematisch sein, zumal Abstände und ein Alkoholverbot sowie der Verzicht auf Gästefans zu den einheitlichen Hygienevorgaben der Liga gehören. Problematisch sind eher der Einlass ins Stadion sowie eine An- und Abreise ohne Infektionsgefahr. Auch daran arbeitet Werder gerade, und der Präsident ist sicher: „Wenn wir tatsächlich schon am ersten Spieltag gegen Hertha eine andere Verordnungslage hätten, dann wären wir auch bereit.“ Das zu entscheiden, sei Sache der Politik.

Hess-Grunewald hofft, dass es noch zu einer einheitlichen Lösung für alle Bundesligavereine kommt, „denn das wäre sicher im Sinne aller Fußballfans in Deutschland“. Das Problem eines Wettbewerbsnachteils für Vereine wie Werder Bremen will er zwar nicht dramatisieren, betont aber: „Natürlich ist es ein Unterschied, ob ich ein Heimspiel mit Zuschauern austragen kann oder ohne. Denn ein Heimvorteil kommt ja daher, dass man das Publikum im Rücken hat. Auch deshalb wäre es sicherlich nicht gut, wenn man in der Bundesliga keine einheitlichen Bedingungen hätte.“ Doch dafür müssten sich die Infektionszahlen bundesweit entsprechend entwickeln, und das ist derzeit nicht abzusehen.

Dass sich der ohnehin von vielen Fans kritisch beäugte Brauseklub RB Leipzig nun unsolidarisch gegenüber dem Rest der Liga zeigt, indem man sich quasi als Dosenöffner in diesen heiklen Zeiten profiliert, will Hess-Grunewald so nicht sehen. Im Gegenteil, so erklärt er, „unter den föderalen Bedingungen, die wir in Deutschland haben, ist es völlig legitim, dass jeder Standort bemüht ist, die bestmöglichen Bedingungen für sich herzustellen“. Auch deshalb hat Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke, nach dem Rückzug des Bayern-Managers Uli Hoeneß der neue „Mr. Attacke“ der Bundesliga, auffallend positiv auf den Fall Leipzig reagiert: Den kleinen Wettbewerbsvorteil, den sich RB Leipzig hier verschaffe, „den muss man in Kauf nehmen, wenn man möchte, dass sich etwas bewegt – immer auf Basis des jeweiligen Infektionsgeschehens und eines durchdachten Konzeptes“, sagte der BVB-Macher der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“.

Jetzt seien die Landesregierungen gefragt, Entscheidungen zu treffen, fordert der politisch gut vernetzte Watzke. Die Landesfürsten aber müssen erst klären, warum sie ihre Entschlossenheit bei sportlichen Großveranstaltungen nicht mal wenige Tage durchgehalten haben. Viele Fans können das unterschiedliche Vorgehen nicht verstehen. Und die Liga startet schon in etwa zwei Wochen.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+