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Das sagt Werder-Trainer Anfang über seine Rückkehr nach Darmstadt

Werder-Trainer Markus Anfang kennt Darmstadt genau, und trotzdem weiß er nicht, was ihn am Sonntag beim Gastspiel des SV Werder Bremen erwartet.
10.10.2021, 18:33
Lesedauer: 4 Min
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Von Carsten Sander

Ob er mit Pfiffen rechnen muss? Markus Anfang reagiert auf diese Frage mit einem Blick, der wie eine Gegenfrage wirkt: Woher soll ich das wissen? Als der Trainer des SV Werder Bremen für Darmstadt 98 verantwortlich war, durften keine Fans ins Stadion. Es war eine Saison im Lockdown, die Anfang bei den „Lilien“ verbrachte. Ein Verhältnis zu den Fans des kommenden Bremer Gegners kann er also nicht haben und die Fans folglich auch nicht wirklich zu ihm. Wenn er am Sonntag mit dem SV Werder an die alte Wirkungsstätte zurückkehrt, dann muss er sich einfach überraschen lassen, ob ihm die Darmstädter den Knall-auf-Fall-Wechsel nach Bremen vor dieser Saison übelnehmen oder nicht. Für Anfang selbst ist klar: „Ich habe einen guten Draht nach Darmstadt und freue mich auf das Spiel.“

Dass Darmstadt 98, wo er im Sommer 2020 nach einem Jahr ohne Verein angeheuert hatte, für ihn von vornherein nur als Übergangsstation eingeplant war, gibt der Fußball-Lehrer sogar offen zu. „Es war im Vorfeld so abgesprochen, dass, wenn ein großer Verein kommt, ich diesen Weg auch gehen kann“, berichtet er von einer Übereinkunft mit den Club-Verantwortlichen, zu denen er nach wie vor ein gutes Verhältnis habe. Ob Präsidiumsmitglied Tom Eilers oder Sportchef Carsten Wehlmann (der ihn wegen der gemeinsamen erfolgreichen Zeit bei Holstein Kiel überhaupt erst nach Darmstadt geholt hatte) – mit beiden ist Anfang weiter „im Austausch“. Auch mit vielen aus dem Staff rund um die Mannschaft der „Lilien“ stehen seine Co-Trainer Florian Junge und Tom Cichon sowie Anfang selbst weiter in Kontakt. Anfang: „Da ist alles in Ordnung, da gibt es überhaupt keine Probleme. Wir telefonieren miteinander, schreiben uns.“ Und nach Bremer Siegen kommen auch mal Glückwünsche aus Darmstadt.

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Transfer-Ärger nach 400.000 Euro Ablöse vergessen

Bislang jedenfalls. Sonntag sicher nicht. Dann heißt es: Anfang gegen Darmstadt. Natürlich kennt der Werder-Coach den Gegner in- und auswendig, Sommer-Neuzugänge wie Phillip Tietz, mit acht Treffern in neun Spielen bislang der Haupttorschütze bei den Hessen, oder Linksverteidiger Emir Karic hatte er noch selbst mit ausgesucht, ehe er dem Ruf aus Bremen folgte. Dass  es bei dem Transfer etwas knirschte, Darmstadt sich überrumpelt fühlen musste und sich zunächst wirkungsvoll querstellte – alles vergessen, weil aufkommender Ärger mit einer Ablöse von 400.000 Euro zugedeckt wurde. Im Rückblick empfindet Anfang es sogar als Auszeichnung für sich und sein Trainerteam, dass der Transfer in Darmstadt auch Widerstand ausgelöst hatte. „Klar, sie haben uns ungern gehen lassen. Das zeigt vielleicht aber auch, dass das Verhältnis untereinander gut war, dass wir gut miteinander gearbeitet haben.“

Siebter ist Darmstadt 98 in der einen Saison unter Anfangs Regie geworden. Platz fünf hatte der Ex-Bundesligist im Jahr zuvor unter Vorgänger Dimitrios Grammozis (jetzt Schalke 04) erreicht, Neunter ist er aktuell unter Anfang-Nachfolger Torsten Lieberknecht. Nur einen Punkt liegt das Team hinter dem SV Werder. Diese tabellarische Nähe gibt der Paarung am Sonntag noch mehr Würze. Darmstadt, das sei „eine Mannschaft mit viel Potenzial, eine reife Mannschaft“, sagt Anfang über seine Ex-Truppe, die vor der Länderspielpause mit dem 6:1 gegen den SV Sandhausen ein dickes Ausrufezeichen gesetzt hat. Anfang wäre deshalb mehr als glücklich, wenn er am Sonntag einen Sieg vor Darmstadt-Fans feiern könnte – als Werder-Trainer: „Ich bin gespannt, wie das Spiel laufen wird. Aber ich glaube schon, dass wir es gut hinbekommen werden.“

Nach dem Bremer Wellental mit der 0:3-Niederlage bei Dynamo Dresden und dem folgenden 3:0 gegen den 1. FC Heidenheim sei es „schon wichtig für uns, dass wir jetzt mit Punkten nachlegen“, erklärt Anfang. Sowohl für Werder als auch für Darmstadt ist die Partie die Chance, oben anzugreifen.

Als er noch bei den „Lilien“ an der Linie stand, hat es dafür nicht gereicht. Eine schwache Hinrunde war auch mit der besten Rückrunde der Vereinsgeschichte nur noch bedingt zu reparieren gewesen. „Schade, dass wir damals zu Beginn die Erfolgserlebnisse nicht hatten. Wenn wir vier, fünf Wochen früher durchgestartet wären, wenn wir etwas eher die Kurve bekommen hätten, wären wir hinten raus oben dabei gewesen“, meint Anfang und bilanziert sein Darmstadt-Engagement mit deutlicher Zufriedenheit: „Man hat ja gesehen, dass sich etwas entwickelt hat. Es war eine schöne Zeit.“

Anfang sieht erstmals Fans im Stadion von Darmstadt

Der Corona-Lockdown hat Anfang allerdings als Darmstadt-Trainer um das spezielle Böllenfalltor-Feeling gebracht. Als Trainer der Gast-Mannschaft hatte er sich zwar sowohl mit Holstein Kiel (1:1) als auch dem 1. FC Köln (3:0) schon in Darmstadt vorgestellt und ist dabei ungeschlagen geblieben, doch die Fans im Rücken zu haben, sie „aktiv erleben zu können, das war mir nicht vergönnt. Ich durfte als Heimtrainer das Stadion leider nie ausverkauft genießen“, sagt Anfang. Am Sonntag werden vermutlich 13.589 Besucher dabei sein – so viele wie seit 19 Monaten nicht mehr. Zu 90 Prozent darf das immer noch im Umbau befindliche Stadion mit einem 2G/3G-Mix ausgelastet werden. Wie die Zuschauer Markus Anfang empfangen werden, wie sie auch auf Nicolai Rapp und Lars Lukas Mai, die dem Trainer aus Darmstadt nach Bremen gefolgt sind, reagieren werden? Abwarten. Anfang weiß nur, dass in Darmstadt hinter Fans und Verein „eine große Power steckt“, gegen die sich sein Team wird wehren müssen: „Ich weiß genau, was auf uns zukommt.“

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