Vier Monate nach dem Start Wie sehr ist Anfang bei Werder schon angekommen? 

Seit vier Monaten ist Markus Anfang bereits Cheftrainer des SV Werder. Sportlich liegt er mit der neuen Mannschaft knapp im Soll. Menschlich dafür umso mehr im Haben, sagt der Coach.
05.10.2021, 20:26
Lesedauer: 3 Min
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Von Carsten Sander

Markus Anfang stutzt kurz, fragt noch mal nach: „Wirklich schon vier Monate?“ Ja, wirklich schon. Am Mittwoch ist es genau diese vier Monate her, dass sich der Ex-Profi als neuer Trainer des SV Werder vorgestellt hat. Von damals bis heute war es zwar eine selbst in den Dimensionen der schnelllebigen Branche relativ kurze, dennoch sehr bewegte Zeit. Geprägt natürlich vom Neustart nach dem Abstieg, von einem ziemlich radikalen Umbau des Kaders. Sportlich liegt Anfang mit der neuen Mannschaft nach neun Spieltagen und 14 Punkten auf dem Konto knapp im Soll. Und sonst?

„Wir sind warm geworden miteinander“, sagt der Coach und lacht, weil er diese Zustandsbeschreibung des Verhältnisses zwischen ihm und dem Club zwar ernst meint, aber etwas scherzhaft vom Wetter der letzten Tage herleitet. Viel besser als gedacht sei es, meint er und denkt an all die, die ihm bei Dienstantritt viel Regen in Bremen prophezeit hatten: „Aber so wenig Regen wie zuletzt haben einige hier noch nie erlebt.“ Was wiederum zu der Übertragung verleitet, für Anfang und Werder herrsche nach der Startphase der gemeinsamen Zusammenarbeit nur eitel Sonnenschein. Was aber genauso wenig richtig wäre wie das Gegenteil.

Vielleicht trifft es das von Anfang gewählte Bild des Miteinanderwarmwerdens ganz gut. Denn natürlich hat es auch geknirscht zwischen Anfang und dem Werder-Management. Die Transfers ließen lange auf sich warten, der Trainer moderierte über Wochen einen Zustand des Abwartens. Er machte das gut, aber irgendwann hatte auch er genug, zählte in einer Pressekonferenz das Management - bestehend aus Sportchef Frank Baumann und Clemens Fritz, den Leiter Profi-Fußball - an, als er sagte: „Ich halte die Füße nicht still. Wenn wir zusammensitzen, entsteht schon Reibung. Da nerve ich auch und sage: Ich will jetzt langsam mal einen Spieler.“

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Das war unmittelbar nach der Pokal-Blamage beim Drittligisten VfL Osnabrück (0:2), und es wirkte ein bisschen, als wollte Anfang mit den fehlenden Neuzugängen das unerwartete Scheitern erklären. Aber gut: Die Neuen kamen noch, der Coach bekam unter anderem seinen Wunschspieler Marvin Ducksch präsentiert. Es war ein Transfer, der das Miteinander festigt, weil er sportlich einschlug. Deshalb sei intern alles gut, wie Anfang behauptet: „Auch wenn die eine oder andere Sache vielleicht mal etwas kritischer gesehen wird – auch von meiner Seite –, ist der Umgang sehr angenehm. Ich habe mich hier direkt aufgehoben gefühlt.“

Das ging freilich nicht so weit, als dass er den Fehler eines seiner Vorgänger kopiert hätte. Robin Dutt stellte sich einst mit Werder-Schal an die Seitenlinie, was nicht den gewünschten Effekt hatte. Statt ihm die Verbundenheit abzunehmen, gab es Kritik an dem offenkundigen Versuch, lieb Kind zu machen mit den Werder-Fans.

Markus Anfang hat noch nie einen Werder-Schal getragen, jedenfalls nicht öffentlich. Dennoch betont er, dass er bereits ein spezielles Werder-Feeling kennengelernt habe. „Dieses Gefühl der Familie fühle ich auch“, erklärt er, „aber ich fühle auch, dass man in der Familie ruhig mal kritisch sein darf und sollte, um Entwicklungen voranzubringen.“

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Dass er sich dabei nicht scheut, Entscheidungen zu treffen, die nicht jeder gutheißt, zeigen die Beispiele Jiri Pavlenka und Niclas Füllkrug. Zwei große Namen, die bei Anfang allerdings keine großen Rollen mehr spielen. Der Torhüter und der Torjäger finden sich dauerhaft auf der Ersatzbank wieder. Es ist ein Zeichen, dass Anfang auf Vergangenheit und Verdienste keine Rücksicht nimmt. Wenn er Wiederaufbau sagt (was er in vier Monaten sehr, sehr oft gesagt hat), dann meint er junge Spieler. Und nicht unbedingt die mit den höchsten Marktwerten. Dass er damit für den Club auch Werte vernichtet, ist eine Geschichte, von der man sich vorstellen könnte, dass sie zu den Punkten gehört, die in der Familie kritisch gesehen werden. Aber: Anfang zieht es durch, trifft seine Entscheidungen unabhängig von wirtschaftlichen Interessen.

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Der sportliche Weg hat trotz der aktuell passablen Punktzahl schon erstaunlich viele Tiefen erlebt. Das Pokal-Aus, das 1:4 gegen Paderborn, die Niederlage im Nordderby gegen den HSV, dann das 0:3 in Dresden – immer wieder spricht der Coach von „Dellen“. Was ihm niemand abnehmen würde, wenn nicht auch Höhen dabei wären – wie zuletzt das 3:0 gegen den 1. FC Heidenheim. Es war ein Spiel, das gewissermaßen so etwas wie das richtige Ankommen des Markus Anfang in Bremen markiert. Erstmals waren auch die Ultras im Stadion, gemeinsam erlebten alle ein Fest. Und Anfang sprach hinterher via Stadionmikrofon sogar zu den Fans, bedankte sich für die Unterstützung. Es sei keine geplante Aktion gewesen, sagt Anfang. Also kein Schal, den er sich um den Hals gelegt hat. „Ich wurde gefragt, ob ich ein paar Fragen beantworten würde, und dann habe ich das natürlich gemacht.“ Die Gesamtsituation habe es "ein bisschen hergegeben.“

Für ihn persönlich war es ein Highlight nach einem Jahr ohne Zuschauer bei seiner vorherigen Station Darmstadt 98 und nach Startschwierigkeiten in den Bremer Heimspielen. Der Abend, so Anfang, „hat allen gut getan“. Und er weiß jetzt, wie sich eine Fußball-Party im Wohninvest Weserstadion anfühlt. Nach dem langen Lockdown und weiteren vier Monaten wurde es auch Zeit.
 

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