Werder verliert 0:2

HSV jubelt nach hitzigem Nordderby

Zwei Platzverweise, viele strittige Entscheidungen: Das Nordderby bot viel Stoff für Diskussionen. Für den SV Werder lief es denkbar unglücklich.
18.09.2021, 22:27
Lesedauer: 5 Min
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Von Daniel Cottäus

Ein früher Platzverweis, ein nicht gegebener Elfmeter, ein nicht anerkanntes Tor und schließlich zahlreiche vergebene Chancen – das waren am Samstagabend die Hauptzutaten eines äußerst bitteren Nordderbys für den SV Werder Bremen. Im ersten Duell seit dreieinhalb Jahren (und dem ersten überhaupt in der 2. Bundesliga) gegen den ewigen Rivalen Hamburger SV musste sich die Mannschaft von Trainer Markus Anfang im eigenen Stadion mit 0:2 (0:2) geschlagen geben – und hatte sich das in weiten Teilen selbst zuzuschreiben, weil sie in entscheidenden Phasen folgenschwere Fehler machte.

Am Ende reichten den Gästen die Tore von Robert Glatzel (2.) und Moritz Heyer (45.+1) zum umkämpften Auswärtssieg, durch den der HSV (Platz vier) in der Zweitliga-Tabelle vorerst an Werder (Platz sieben) vorbeigezogen ist.

Im Vergleich zum 3:0-Erfolg beim FC Ingolstadt hatte Anfang nur eine Änderung in seiner Startelf vorgenommen – und zwar notgedrungen. Für den angeschlagenen Kapitän Ömer Toprak (Wadenprobleme) rückte Lars Lukas Mai in die Innenverteidigung, von wo aus der 21-Jährige den kapitalen Fehlstart seiner Mannschaft in dieses 137. Nordderby hautnah miterleben konnte.

Gerade einmal 80 Sekunden waren vor den 21.000 Fans im Weserstadion gespielt, da lagen die Gäste auch schon in Führung, da hatte Hamburgs Mittelstürmer Robert Glatzel für einen ganz frühen Dämpfer gesorgt. Nach einer schnellen Kombination über die linke Seite hob Moritz Heyer den Ball über Milos Veljkovic hinweg auf den Kopf von Glatzel, der Werders Torhüter Michael Zetterer mit einer Bogenlampe überwand (2.).

In einer intensiv geführten Partie hatten die Bremer danach Probleme, für Ordnung zu sorgen. Defensiv wirkte die Mannschaft in vielen Momenten unsortiert, offensiv fand sie zudem so gut wie gar nicht statt. Ergebnis: Der HSV hatte Oberwasser, ohne seinerseits allerdings zu weiteren Chancen zu kommen. Mitten in eine Phase hinein, in der Werder allmählich den Weg nach vorne zu finden schien, gab es dann den nächsten großen Rückschlag – und der war hausgemacht.

Groß fliegt nach unnötiger Aktion vom Platz

Christian Groß hatte nach einem Foul an Glatzel bereits früh die Gelbe Karte gesehen (5.) und leistete sich in der 31. Minute eine mehr als unnötige Aktion. Beim Versuch, HSV-Keeper Daniel Heuer Fernandes unter Druck zu setzen, packte Groß die Grätsche aus und holte den Torhüter im Strafraum rüde von den Beinen – Schiedsrichter Sascha Stegemann zögerte keine Sekunde und schickte den 32-Jährigen mit Gelb-Rot vom Platz. Damit waren die bitteren Momente dieser ersten Hälfte für die Hausherren aber noch lange nicht vorbei.

Nachdem Hamburgs Kapitän Sebastian Schonlau Werder-Stürmer Marvin Ducksch im Sechszehner zu Fall gebracht hatte, ließ Stegemann das Spiel weiterlaufen (36.). Auch der Video-Schiedsrichter schaltete sich nicht ein. Großes Glück für den HSV, denn ein Elfmeterpfiff und die Gelb-Rote Karte gegen den vorbelasteten Schonlau wäre die richtige Entscheidung gewesen. „Ein klarer Elfmeter, den muss er geben“, ärgerte sich Werders verletzter Mittelfeldspieler Leonardo Bittencourt in der Halbzeitpause am Sky-Mikrofon und hielt fest: „Das sind so Tage, an denen ich mir Manuel Gräfe als Schiedsrichter zurückwünsche. 20.30 Uhr, Nordderby, das kann halt nicht jeder.“

Spätestens nach dem verwehrten Strafstoß kochte und brodelte es gewaltig auf den Rängen. Und der nächste Aufreger sollte gar nicht lange auf sich warten lassen. Per herrlichem Freistoß hatte Ducksch in der 42. Minute für den Ausgleich gesorgt – dachten zumindest alle, doch der Treffer zählte nicht. Weil Mitchell Weiser den vorgeschriebenen Abstand zur Mauer nicht eingehalten hatte, verpuffte der Bremer Jubel jäh.

Und schlimmer noch: Kurz darauf lag der Ball auf der anderen Seite im Netz: Heyer erhöhte per Kopf auf 2:0 für den HSV und machte damit eine rabenschwarze Bremer Halbzeit perfekt (45.+1).

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Durchgang zwei begann ähnlich ereignisreich, denn in der 52. Minute sah Schonlau doch noch die längst überfällige Gelb-Rote Karte, nachdem er Romano Schmid an der Strafraumgrenze hatte auflaufen lassen. Immerhin: Die angestrebte Aufholjagd musste Werder von nun an nicht mehr in Unterzahl antreten. Das Problem: Richtig druckvoll wurden die Gastgeber nicht. Im Gegenteil: Nach 61 Minuten konnten sie sich bei Schlussmann Zetterer bedanken, der per Fußabwehr gegen Bakery Jatta das dritte HSV-Tor des Abends und damit die Entscheidung verhinderte.

Anfang reagierte, brachte in Roger Assalé (für Niklas Schmidt), Manuel Mbom (für Weiser) sowie wenig später Niclas Füllkrug (für Jung) drei frische Kräfte, um seiner Mannschaft vor der Schlussphase noch einmal einen neuen Impuls zu geben.

Füllkrug erneut glücklos vor dem Tor

Zwar warfen sich die Bremer beherzt in jeden Zweikampf, gefährlich vor das Hamburger Tor kamen sie aber lange Zeit nicht, was sich nach den Wechseln beinahe umgehend änderte. Mbom eroberte den Ball im Mittelfeld, bediente Füllkrug, der vor Heuer Fernandes allerdings den richtigen Zeitpunkt des Abspiels verpasste, selbst abschloss und den Ball neben das Tor setzte (74.). Wenig später ließ der 28-Jährige eine weitere dicke Chance liegen (77.), muss also weiterhin auf sein erstes Saisontor warten.

Werder war nun da, drängte auf den Anschlusstreffer, brachte den Ball aber einfach nicht im Tor unter. In der 81. Minute waren es Ducksch und Schmid, die kurz nacheinander gute Möglichkeiten vergaben. Der HSV lauerte seinerseits nur noch auf Konter und war darauf bedacht, die Führung über die Zeit zu bringen. Da Werder auch in der sechsminütigen Nachspielzeit keine Wende mehr gelang, ging dieser Plan letztlich auf und ein vollkommen gebrauchter Samstagabend aus Bremer Sicht enttäuschend zu Ende. Die „Oh, wie ist das schön“-Gesänge aus dem Gästeblock bildeten die akustische Untermalung dazu.

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Viel Polizei, nur wenig Randale: Das Nordderby verlief laut einer Pressemitteilung der Bremer Ordnungskräfte „überwiegend friedlich“. Zwar wurden rund um das Stadion etliche Platzverweise erteilt, es kam zu Beleidigungen und teils auch zu körperlichen Auseinandersetzungen, doch große Zusammenstöße der beiden Fan-Lager blieben aus.

Dafür sorgte ein Großaufgebot der Polizei. Mehrere Hundertschaften waren angekündigt gewesen, um Konflikte zwischen den mehr als 1000 HSV-Fans und den Werder-Anhängern zu vermeiden. Das Sicherheitskonzept sei aufgegangen, teilte die Polizei hinterher mit. Auf Nachfrage unserer Deichstube bestätigte Polizei-Sprecher Nils Matthiesen: „Für ein Derby war es verhältnismäßig ruhig.“ Er berichtete von „mindestens drei Strafverfahren“, die nach dem Derby gegen Fans anhängig seien. (csa)

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