Ex-Werder-Profi Sebastian Prödl über sein Karriereende und seine Zeit in Bremen  

Im Gespräch mit unserer Deichstube blickt Werders ehemaliger Innenverteidiger Sebastian Prödl zurück auf seine Laufbahn und auf ein ganz besonderes Kopfballtor.
16.06.2022, 19:22
Lesedauer: 7 Min
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Von Björn Knips

Nach insgesamt 309 Pflichtspielen auf Vereinsebene sowie 73 Einsätzen für die österreichische Nationalmannschaft hat Sebastian Prödl seine Karriere kürzlich beendet. Im Gespräch mit unserer Deichstube blickt der ehemalige Innenverteidiger des SV Werder nun auf seine Laufbahn zurück, spricht über eine besondere Begegnung am Hamburger Flughafen, den DFB-Pokalsieg 2009 sowie über ein Kopfballtor, das sich für ihn „wie eine Wiedergeburt“ angefühlt hat.

Sebastian Prödl, in Deutschland würde es heißen, Sie haben Ihre Schuhe an den Nagel gehängt. Was sagt der Österreicher?
Sebastian Prödl: Den Spruch gibt es bei uns auch. Aber ich benutze ihn nicht, weil ich nie ein Phrasendrescher sein wollte.

Verraten Sie uns trotzdem, wo Ihr Nagel eingeschlagen wurde?
Das ist eine gute Frage, weil wir uns darüber als Familie wirklich viele Gedanken gemacht haben. London war ein Thema, weil das sportlich und privat ein emotionaler Ort für uns gewesen ist. Letztlich sind wir nach Österreich zurückgekehrt und haben uns für Wien entschieden, nicht für Graz, wo meine Frau und ich herkommen. Denn in Wien gibt es diese Internationalität, die wir in London sehr schätzen gelernt haben.

Sie haben auch schon einen neuen Job – und zwar als Aufsichtsrat bei Austria Wien.
Ich wollte nach der Karriere eine Ausbildung machen, absolviere deshalb auch ein Management-Studium bei der Uefa – genauso wie Clemens Fritz. Parallel hat sich die Möglichkeit ergeben, sich bei Austria Wien zu beteiligen, also Anteile an der Aktiengesellschaft zu kaufen. Das habe ich zusammen mit einem Team gemacht. Zu dem gehört auch David Alaba. Dort bin ich dann in den Aufsichtsrat gewählt worden – und jetzt erlebe ich auch in der Praxis, wie ein Fußballverein finanziell funktioniert. Das ist ein spannender Mix.

Ist der Blick ganz nach oben in der Tabelle angesichts der Übermacht von RB Salzburg denn erlaubt?
Es ist ja bekannt, dass es in Österreich die Vormachtstellung von RB gibt, aber du kannst im Fußball auch erfolgreich sein, wenn du dich international qualifizierst, wenn du gute Spieler ausbildest und weiterverkaufst. Dadurch kann es Stück für Stück in die richtige Richtung gehen. Und wenn RB dann vielleicht mal nicht so abliefert, wie man es von ihnen erwartet, kann man auch konkurrenzfähig sein. Davon sind wir aber noch weit entfernt. Das ist noch Zukunftsmusik.

Macht Ihnen die neue Aufgabe denn Spaß?
Ja, weil ich einen anderen Blickwinkel bekomme. Ich finde es spannend, mir beispielsweise die verschiedenen Budgets anzuschauen und zu verstehen, wie der ganze Mechanismus funktioniert. Ich möchte in den nächsten zwei Jahren gerne in eine Rolle auf der Management-Ebene hineinwachsen, in der ich mich stark fühle. Es wird darum gehen, herauszufinden, welche das ist.

Vor dem Länderspiel gegen Frankreich wurden Sie kürzlich offiziell als Nationalspieler Österreichs verabschiedet. Wie war's?
Richtig schön! Das Stadion war ausverkauft, und natürlich sind die Leute alle nur wegen mir gekommen (lacht).

Konnten Sie den Moment denn genießen, oder waren Sie wehmütig bei der Erkenntnis, dass jetzt wirklich Schluss ist?
Für mich war das Fußballspielen im letzten Jahr schon vorbei, als mein Vertrag bei Udinese ausgelaufen ist. Da ist es mir aber mental schwergefallen, nach zweieinhalb schlechten Jahren mit vielen Verletzungen und negativem Tamtam, die Laufbahn einfach so zu beenden. Ich wollte erstmal zur Ruhe kommen, bevor ich mein Karriereende öffentlich mache. Ich möchte positiv zurückblicken, und das hätte sich im vergangenen Sommer einfach nicht gut angefühlt. Außerdem hatte ich still und heimlich die Hoffnung, dass vielleicht noch ein Abenteuer auf mich zukommt mit einem Wechsel nach Australien oder Amerika. Wegen Corona und meiner Verletzungshistorie habe ich das aber schnell ad acta gelegt.

Sie haben die zweieinhalb schweren Jahren am Ende Ihrer Laufbahn erwähnt. Warum hat es plötzlich nicht mehr gepasst?
Ich hatte Abnutzungserscheinungen im Knie, noch zu der Zeit in London, dazu ein Knochenödem – kurz gesagt: Ich war nur noch verletzt. Ich hatte aber noch diese Riesenlust, mich noch einmal bei der Europameisterschaft auf dem höchsten Niveau zu beweisen. Deshalb bin ich verletzt nach Italien gewechselt, zu Watfords Partnerclub Udinese. Es hat dann aber einfach zu lange gedauert, bis ich wieder fit war. Die Erwartungshaltung war, dass ich nach drei Wochen spielen kann. Am Ende habe ich sechs Monate gebraucht. Danach war ich nicht mehr in der Lage, nochmal richtig zurückzukommen. Dazu kamen noch Vertragsstreitigkeiten und ausbleibende Zahlungen, sodass wir mit der Fifa sprechen mussten. Es war relativ schnell klar, dass der Verein falsch agiert hat und danach war einfach das Tischtuch zerschnitten. Wenn ich so etwas als junger Spieler bei Werder erlebt hätte, wäre ich vielleicht daran kaputtgegangen, aber am Ende meiner Karriere konnte ich es gut einordnen.

Machen Sie trotzdem noch Urlaub in Italien?
(lacht) Sicher! Ich war gerade kürzlich erst da. Ich liebe das Land und habe es dadurch, dass ich nicht gespielt habe, richtig genießen und kennenlernen können.

Jetzt haben wir viel über schlechte Zeiten gesprochen. Wo haben Sie ihre schönste Zeit als Profi erlebt?
Oh, das ist eine schwierige Frage. Ganz genau kann ich das gar nicht sagen. Ich habe wunderbare sieben Jahren bei Werder erlebt. Meinen besten Fußball habe ich aber danach in England gespielt. Ich konnte in der größten Liga der Welt beweisen, was ich draufhabe. Aber an die Zeit in Bremen denken meine Frau und gerne zurück. Es war sicherlich die harmonischste Zeit meiner Karriere. Mir ist es schwergefallen, aus Bremen wegzugehen. Da sind schon ein paar Tränen geflossen. Die Stadt, der Verein, die Fans – das ist schon etwas Besonderes. Das habe ich danach so nicht mehr erlebt.

Können Sie sich noch an Ihren ersten Tag bei Werder erinnern?
Natürlich. Martin Harnik hat mich damals am Flughafen in Hamburg abgeholt, gemeinsam mit einem „Bild“-Fotografen. Der hat dann Bilder von uns gemacht, und wir sind zu dritt nach Bremen gefahren. Kurz danach ging es für mich zum ersten Mal ins Trainingslager nach Norderney. Ich dachte: Super, ich kann mal eine Nordsee-Insel sehen! Ich habe aber tagsüber noch nie so viel geschlafen wie auf Norderney. Die Tage, die mit dem Frühtraining von Thomas Schaaf am Strand begannen, waren der Wahnsinn. Abends um acht Uhr bin ich nur noch ins Bett gefallen. Das werde ich nie vergessen.

Sie haben gleich in Ihrer ersten Saison trotz großer Konkurrenz viel gespielt.
Werder kam mit hoher Belastung aus erfolgreichen Jahren. Ich konnte mich während der Vorbereitung hinter Naldo und Per Mertesacker als dritter Innenverteidiger etablieren. Dann hat sich Per verletzt, und ich wurde direkt reingeworfen.

Wie haben Sie Thomas Schaaf als Trainer erlebt?
Wie einen Vater, der einen Jungen erziehen will. Klar habe ich bei seiner kühlen norddeutschen Art auch mal mit den Zähnen geknirscht. Aber nach vielen Trainern, die ich hatte, muss ich klar sagen: Thomas Schaaf war ein ganz wichtiger Faktor in meiner Karriere, weil er immer brutal ehrlich war und klare Wege aufgezeigt hat. Das kann auch mal wehtun, aber es war enorm wertvoll für mich.

Wer war noch wichtig für Sie in Bremen?
Meine Mitspieler. Ich habe mich gut mit den Älteren verstanden. Auch wenn Frank Baumann nur noch ein Jahr da war, war er eine Identifikationsfigur für mich. Mit Clemens Fritz und Per Mertesacker bin ich auch super ausgekommen. An der Seite solcher Spieler konnte ich lernen und wachsen.

Wann haben Sie ihren nächsten Besuch in Bremen geplant?
Ich war zuletzt im August 2021 auf einer Hochzeit in Bremen. Da hatte Werder aber leider ein Auswärtsspiel im Pokal. Den nächsten Besuch wird es bestimmt in der neuen Saison geben.

Sie haben 175 Pflichtspiele für Werder bestritten. An welchen Moment auf dem Platz denken sie am liebsten zurück?
Der Pokalsieg 2009 war der einzige Titel meiner Karriere. Das bleibt natürlich hängen. Was das für eine Mannschaft war! Özil, Diego, Fritz, Baumann, Frings, Mertesacker, Pizarro, Almeida – der Wahnsinn! Ein großer Moment war auch, als ich gegen Hannover ein Tor geschossen habe, nachdem mir sechs Wochen zuvor auf dem Platz das ganze Gesicht gebrochen wurde. Der Treffer fühlte sich an wie eine Wiedergeburt. Nach der Verletzung hat Thomas Schaaf zu mir gesagt, dass ich alle Zeit der Welt bekomme, um wieder fit zu werden. Dann sind aber innerhalb von vier Wochen mehrere Innenverteidiger ausgefallen. Ich war auch noch nicht so weit, hatte noch Angst und keine Kopfbälle gemacht. Da hat der Trainer extra ein Testspiel eingeschoben, dass ich wieder Kopfbälle machen kann. Kurz darauf habe ich gegen Hannover gespielt. Thomas Schaaf hat vorher zu mir gesagt: Und wenn du keinen Kopfball machst, ist es eben so. Ich habe dann per Kopf das Tor erzielt (lacht).

Wie bitter war das verlorene Uefa-Pokalfinale 2009 für Sie?
Das war richtig bitter. Donezk war schon die bessere Mannschaft an dem Tag. Es ärgert mich aber heute noch maßlos, dass wir uns in die Nachspielzeit gerettet haben, aber nicht mehr den Lucky Punch haben setzen können.

Denken Sie noch oft an die Werder-Zeit?
(lacht) Meine Frau sitzt gerade neben mir und nickt ganz stark. Wir haben direkt am Osterdeich gewohnt mit Blick aufs Weserstadion. Diese Liebe zum Verein in der Stadt, viele Fans kommen zu Fuß zum Stadion, alles fiebert mit Werder – das ist einfach etwas ganz Besonderes! Ich fühle mich im Herzen definitiv immer noch Grün-Weiß, und das wird auch so bleiben.

Ist eine Rückkehr zu Werder denkbar?
Geben Sie mir etwas Zeit. Zuerst muss ich meine Sporen in Österreich verdienen und meine Ausbildung fertig machen.

Wie schauen Sie aktuell auf Werder?
Der Abstieg war ein Schlag. Ich habe in der 2. Liga weniger Spiele gesehen als sonst, weil es für mich bei den Anstoßzeiten schwieriger war, Zeit zum Schauen zu finden. Nach dem Trainerwechsel habe ich meine Tochter mit einem Werder-Schnuller schlafen lassen. Seitdem ist es nur noch bergauf gegangen.

Wie schätzen Sie Werders Chancen in der Bundesliga ein?
Im ersten Jahr mache ich mir gar keine Sorgen um Werder, denn ich finde, dass der Kader jetzt schon gut aufgestellt ist. Wenn jetzt noch zwei, drei Neuzugänge für die Breite gelingen, habe ich ein sehr gutes Gefühl.

Glauben Sie, dass Ihr Landsmann Marco Friedl noch mehr in die Rolle eines Führungsspielers hineinwachsen kann?
Er hat einen richtigen Sprung gemacht. In seiner Anfangszeit in Bremen habe ich ihn noch kritisch beäugt, weil er fehleranfällig war. Jetzt hat er sich toll entwickelt. Ich glaube aber, dass in der Dreierkette der zentrale Verteidiger der Boss sein wird. Marco kann für Werder in den nächsten Jahren aber eine echte Konstante werden.

Welchen Eindruck haben Sie aus der Ferne von Trainer Ole Werner gewonnen?
Einen guten. Er arbeitet erfolgreich, ist fähig und hat einen tollen Führungsstil. Er steht jetzt aber vor seiner ersten Saison in der Bundesliga. Bisher hat er bei Werder noch keinen richtigen Gegenwind gehabt.

Glauben Sie, dass Werder in Zukunft nochmal ganz oben angreifen kann?
Dortmund ist damals, bevor Jürgen Klopp Trainer wurde, beinahe abgestiegen und hat einen großen Sprung gemacht. Die Dynamik, die in Bremen entstehen kann, ist schon riesig, wobei die finanziellen Möglichkeiten natürlich begrenzt sind. Ganz weit nach oben wird es auf absehbare Zeit eher nicht mehr gehen.

Das Gespräch führte Björn Knips.
 

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