Werner Mickler im Interview Sportpsychologe über Werder: "Das mit der Wagenburg passt"

Ganz Bremen diskutiert, ob Werder den Klassenerhalt schafft. Wie das Team bestehen kann, erzählt Sportpsychologe Werner Mickler im Interview.
13.04.2016, 00:00
Lesedauer: 6 Min
Zur Merkliste
Sportpsychologe über Werder:
Von Andreas Lesch

Ganz Bremen und umzu diskutiert, ob Werder den Klassenerhalt schafft. Wie die Mannschaft im Abstiegskampf bestehen kann, erzählt Sportpsychologe Werner Mickler im Interview mit dem WESER-KURIER.

Ganz Bremen und umzu diskutiert, ob Werder den Klassenerhalt schafft. Was spricht aus Ihrer Sicht für Werder?

Werner Mickler: Für Werder spricht auf jeden Fall, dass die Mannschaft sich für den Trainer ausgesprochen hat. Das ist schon mal ein Riesenpfund, mit dem Werder wuchern kann. Denn wenn die Trainer einen guten Kontakt zur Mannschaft haben, werden sie sie auch von ihren taktischen Plänen überzeugen können.

Und was spricht gegen Werder?

Nach dem 1:2 gegen Augsburg hat Geschäftsführer Thomas Eichin zugegeben, Werder führe eine Trainerdiskussion. Am nächsten Tag hat er sich wieder nur vage zur Zukunft von Viktor Skripnik geäußert.

Es war sicherlich für den Verein ganz schwierig, da eine Entscheidung zu treffen. Aber gerade weil es so schwierig ist, ist es wichtig, erst mal intern eine klare Linie zu finden: Was genau wollen wir machen? Wie wollen wir’s umsetzen? Natürlich muss der Verein sich mit verschiedenen Szenarien auseinandersetzen. Aber er sollte erst das nach außen kommunizieren, was dann auch gemacht wird.

Eichin hätte also nicht während des internen Diskussionsprozesses Zwischenstände mitteilen sollen?

Genau.

Erst am Montag hat sich Eichin zu Skripnik bekannt. Sehen Sie den Trainer dadurch beschädigt?

Wenn die Mannschaft sich für ihn ausgesprochen hat, dann hat er ja auf jeden Fall noch ein sehr, sehr gutes Standing innerhalb der Mannschaft. Dann ist er da also nicht beschädigt. In der Außendarstellung ist das eine ganz andere Geschichte.

Da war das Zögern problematisch, oder?

Ja, denn die Medien berichten natürlich darüber. Und gerade in kritischen Situationen, in denen sowieso schon viele Dinge nicht so laufen, wie man’s gerne hätte, ist das eine zusätzliche Baustelle. Wichtig ist aber, die Zahl dieser Baustellen zu verringern und sich total auf das Entscheidende zu konzentrieren. Es geht doch jetzt nur darum, an den verbleibenden fünf Spieltagen die nötigen Punkte zu holen.

Haben Sie den Eindruck, dass Werder diese kritische Situation meistern kann?

Das weiß ich nicht. Was ich aber sagen kann, ist, dass dieses Trainerteam in der vergangenen Saison schon mal eine kritische Situation gemeistert und den Klassenerhalt geschafft hat. Auch in dieser Saison haben sie, wenn es mal nicht so gut lief, die Kurve wieder gekriegt. Sie haben also das Vermögen, mit Krisen umzugehen. Die Frage ist nur: Kriegt Werder die ganze Energie, die in dem Verein ist, so auf eine Linie gebracht, dass der Verein wirklich in der ersten Liga bleibt?

Eichin hat gesagt, Werder müsse jetzt eine Wagenburg-Mentalität entwickeln. Konkret heißt das: Bis zum Spiel am Sonnabend gegen den VfL Wolfsburg stellt der Klub die Medienarbeit bis auf die offizielle Pressekonferenz komplett ein. Wie finden Sie diese Entscheidung?

Wenn der Verein den Eindruck hat, dass die Spieler sich zu sehr mit der Situation auseinandersetzen, dann kann das eine sinnvolle Strategie sein. Es kann den Spielern helfen, zur Ruhe zu kommen und sich nur mit der bevorstehenden Aufgabe auseinanderzusetzen.

Skripnik sagte nach dem 1:2 gegen Augsburg, es sei „schwierig, die ganze Saison gegen 18 Mannschaften zu kämpfen: 17 in der Bundesliga und eine Mannschaft, die ist aus dem Medienbereich“. Wie bewerten Sie diese Aussage?

Die zeigt, dass er unter einer ziemlichen Anspannung steht. Wer aber Profitrainer in der Bundesliga wird, der muss wissen, dass Medienarbeit eine seiner Hauptaufgaben ist. Er muss unterscheiden zwischen der Person, die er ist, und der Funktion, die er ausübt. Weil er in der Funktion als Trainer eine Person des öffentlichen Interesses ist, wird er auch öffentlich analysiert – wie ein Politiker oder ein anderer Prominenter.

Haben Sie den Eindruck, dass Skripnik diesem Teil seines Jobs nicht gewachsen ist?

Er ist für mich jemand, der diese Aufgabe der Medienarbeit zwar sieht, aber lieber auf dem Platz steht und mit der Mannschaft arbeitet. Er muss aber sehen, dass der Trainerjob sich sehr verändert hat und dass die Öffentlichkeitsarbeit enorm wichtig geworden ist. Das muss er einfach akzeptieren, da muss er irgendwann auch reinwachsen.

Nach der Niederlage gegen Augsburg sagte Eichin, dass sich Mannschaft, Trainer, Management und Fans in einem Schockzustand befunden hätten. Wie kann eine Mannschaft nun wieder stark genug werden, um gegen Wolfsburg zu bestehen?

Die Bremer wissen: Sie waren schon öfter in kritischen Situationen und haben sich am eigenen Schopfe wieder herausgezogen. Also: Sie können es. Außerdem könnten sie sich vor Augen führen, dass die TSG Hoffenheim zu Hause gegen Wolfsburg 1:0 gewonnen hat. Das heißt also: Auch abstiegsbedrohte Mannschaften haben eine Chance, Wolfsburg zu bezwingen.

Sollte Skripnik jetzt eher ungewohnte Reize setzen – oder sollte er die gewohnten Abläufe beibehalten? Am Montag etwa hat er den Spielern wie üblich trainingsfrei gegeben, trotz der prekären Lage nach dem 1:2 gegen Augsburg.

Das Wichtigste ist: Der Trainer muss das vergangene Spiel möglichst schnell aus den Köpfen seiner Leute rauskriegen. Dafür kann ein freier Montag durchaus sinnvoll sein – um dann am Dienstag einen Neustart setzen zu können. Außerdem ist, wer körperlich stark ist, auch psychisch stark. Denn wer körperlich gut drauf ist, der vertraut seinem Körper und ist in der Lage, auch die letzten Reserven herauszuholen. Deswegen ist es richtig, den Spielern auch Regenerationstage zu geben – gerade zum Ende der Saison. Wir haben den 29. Spieltag gehabt, es gibt noch fünf Spiele. Da kann Skripnik doch seine Leute jetzt nicht einfach verheizen.

Skripniks Körpersprache wird viel kritisiert. Er steht oft reglos am Spielfeldrand, hat die Hände in den Hosentaschen, kaut Kaugummi und wirkt resigniert. Was strahlt er für Sie aus?

Das ist doch alles eine reine Interpretationssache. Man kann das genauso gut von der anderen Seite sehen: Da steht jemand, der ist vollkommen ruhig, der ist überzeugt von seinem Konzept und seiner Mannschaft. Er ist ja auch in den Situationen so gewesen, in denen er mit seiner Mannschaft Erfolg hatte. Das ist halt seine Art.

Im Augsburg-Spiel haben die Fans die Mannschaft sehr wohlwollend unterstützt, nach dem Schlusspfiff haben sie laut gepfiffen. Jetzt werden Unterstützungs-Aktionen für das Heimspiel gegen Wolfsburg geplant. Wie wichtig können die Fans im Abstiegskampf noch werden?

Die Fans können am Ende entscheidend sein. Gerade bei Werder Bremen gibt es ja eine ausgesprochen enge emotionale Verbindung zwischen der Mannschaft und den Zuschauern. Das hat da eine lange Tradition. Und versetzen Sie sich mal in die Position eines Spielers: Er kommt aufs Spielfeld und ihn unterstützen die Zuschauer. Dann fällt es ihm doch wesentlich leichter, sein Potenzial abzurufen, als wenn er Angst davor haben muss, dass er ausgepfiffen wird, wenn er einen Fehler macht. Ich glaube, ein Spieler ist auch stolz darauf, wenn man ihm mal einen Fehler verzeiht. Denn es ist keiner perfekt! Das sind doch keine Maschinen, das sind Menschen!

Wie sehr kann die Angst im Abstiegskampf die Spieler lähmen?

Ich würde jetzt gar keine Szenarien in die Köpfe der Spieler reinbringen. Es sind noch fünf Spieltage. Sollen die Spieler sich jetzt jeden Tag mit der Tabelle beschäftigen? Nein! Sie sollen sich mit dem auseinandersetzen, was sie auf dem Platz umsetzen wollen. Am Ende wird abgerechnet. Wenn die Spieler aber jetzt schon anfangen, Rechenexempel zu machen, hilft das doch überhaupt nicht weiter. Sie sollen sich verflixt noch mal um ihre Leistung kümmern und das in den Fokus ihrer Aufmerksamkeit nehmen.

Die Bremer sollten sich jetzt also auch noch gar nicht mit den Folgen eines Abstiegs beschäftigen?

In jedem Fall ist es Aufgabe des Managements, sich mit solchen Szenarien auseinanderzusetzen. Aber die Mannschaft und das Trainerteam haben sich nur um ihre Aufgabe zu kümmern, am Wochenende gegen Wolfsburg drei Punkte zu holen. Aber sie sollen sich nicht mit Was-wäre-wenn-Szenarien beschäftigen.

Was können Mannschaft und Trainer tun, wenn sie merken, dass sie trotzdem Angst bekommen?

Zuallererst müssen sie akzeptieren, dass die Angst da ist. Sie dürfen sie nicht einfach nur verdrängen, denn sonst kommt sie irgendwann doch wieder hoch. Und sie können versuchen, rational an die angstbesetze Situation ranzugehen. Sie können sich sagen: Was vor uns liegt, ist keine unmögliche Aufgabe. Das ist eine lösbare Aufgabe. Sie können auch überlegen: Mit welchen Strategien und Techniken hatten wir in vergleichbaren Situationen Erfolg?

Und sonst?

Wichtig ist auch, dass die Mannschaft zusammenrückt – von daher passt das mit der Wagenburg. Die Spieler müssen sich gegenseitig unterstützen und sich klarmachen: Jeder hat das Recht, einen Fehler zu machen. Entscheidend ist nur, dass die anderen so viel Gas geben, um den Fehler wieder auszumerzen. Dann kriegen die Spieler auch wieder Selbstvertrauen, weil sie das Gefühl haben: Mensch, ich stehe nicht alleine da in dieser Welt. Und ihre Angst ist gar nicht mehr so schlimm.

Das Gespräch führte Andreas Lesch.

Lesen Sie auch

Lesen Sie auch

Lesen Sie auch

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+