Interview Schaaf über Werder-Legende Pizarro: "Claudio ist ein Menschenfänger"

Im Gespräch mit unserer Deichstube erinnert sich der Ex-Werder-Coach Thomas Schaaf an seine gemeinsame Zeit mit Claudio Pizarro, der am 24.Seotember im Weserstadion verabschiedet wird.
21.09.2022, 19:20
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Von Björn Knips

Es dauert nur wenige Minuten, da gerät Thomas Schaaf schon ins Schwärmen und es wird klar: Dieser Claudio Pizarro war auch für den Ex-Trainer des SV Werder Bremen ein ganz besonderer Spieler. 1999 kreuzten sich erstmals ihre Wege, als der junge Peruaner von Alianza Lima an die Weser wechselte. Der ehemalige Profi Schaaf hatte erst wenige Monate zuvor die Bundesliga-Mannschaft als Trainer übernommen. Im Interview mit unserer Deichstube blickt der 61-Jährige auf seine gemeinsame Zeit mit Pizarro (1999 bis 2001 und 2008 bis 2012) zurück, spricht über fußballerische Qualitäten, Partys und die besondere Beziehung zum FC Bayern München.

Herr Schaaf, wie war Ihre erste Begegnung mit Claudio Pizarro?

Thomas Schaaf: Ich denke da eher an die ersten Bilder, die ich von ihm gesehen habe. Klaus Allofs war damals in Peru, hat ihn im Spiel und Training beobachtet und mir Videos geschickt. Ich habe ihm dann am Telefon gesagt: „Sensationell! Ein Spieler, der so in der Box auftaucht, der so gierig ist, der im Sechszehner immer da ist, wo die Kugel hinfällt, der immer Tore machen will – bring’ ihn sofort her!“

Und hat Klaus Allofs sofort geliefert?

So einfach war das natürlich nicht. Aber Klaus hat nicht locker gelassen – und am Ende ist Claudio tatsächlich bei uns gelandet.

Das ist über 20 Jahre her, wie hat sich Pizarro in der Zeit verändert?

Na ja, wir brauchen alle nur selbst in den Spiegel zu schauen, um zu sehen, wie wir uns verändert haben. Aber sein Wesen hat Claudio nie verloren – dieses neugierig sein, alles mitbekommen wollen, auf allen Kanälen dabei sein. Er wollte immer wissen, wie das hier in Deutschland so läuft. Und er war einer, der den Fußball liebt. Wenn da auf einer Wiese ein Ball liegt, dann geht es für ihn los. Auch heute noch. Das macht er alles mit so einer großen Freude, das ist das Besondere an ihm – neben seiner hohen fußballerischen Qualität.

Wie lief es sprachlich am Anfang mit ihm?

Fußball ist eine Sprache für sich. Mit Ball war das sowieso kein Problem, ansonsten hatten wir ja auch einen Dolmetscher.

Mit wem hat sich Pizarro in der Kabine gleich angefreundet?

Puh, das weiß ich doch jetzt nicht mehr. Aber er hatte da überhaupt keine Probleme. Claudio ist ein Menschenfänger, er begeistert die Leute für sich und den Fußball.

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Gab es auch etwas, was Pizarro gar nicht mochte?

Ja: verlieren! Oder wenn er nicht dabei sein konnte. Dann war er unzufrieden. Er hatte eben einen sehr großen Ehrgeiz. Deswegen war bei uns schon früh klar, dass sein Weg schnell woanders weitergehen würde.

Also konnten Sie es nachvollziehen, dass er Werder schon nach zwei Jahren in Richtung FC Bayern verlassen hat?

Ja, er hatte einen klaren Plan für sich. Er wollte in Europa ganz viel erreichen. Natürlich war es auch unser Ziel, auf einem Top-Niveau zu spielen. Aber zu der Zeit konnten wir das noch nicht so abliefern. Wir waren gerade in der Entwicklung – und bei Claudio hast du schon eine gewisse Ungeduld verspürt.

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Dadurch hat er das beste Jahr in Bremen mit dem Double 2004 allerdings verpasst.

Das stimmt. Aber er ist ja wiedergekommen, als er gesehen hat, was hier geschaffen worden ist. Und wer weiß, ob er bei uns genauso gewachsen wäre.

Woher hatte Pizarro diese besondere Lockerheit?

Das steckt zum einen in seinen Genen, zum anderen ist er auch so erzogen worden. Claudio stammt aus einem sehr guten Elternhaus.

Er wusste das Leben aber auch zu genießen.

Das gehört doch dazu! Das ist doch kein Widerspruch! Wenn man überall dabei sein will, dann ist man das auch dort. Er ist gerne unterwegs gewesen und war da schon ein Schlitzohr. Aber er hat es nie übertrieben. Er wusste genau, wann er sich auf seinen Beruf fokussieren musste. Sonst hätte er auch nicht so lange spielen und so viele Tore machen können.

Gab es keine Momente, in denen er über die Stränge geschlagen hat?

Ich hatte da immer ein großes Vertrauen gegenüber meinen Spielern und habe ihnen gesagt: Wenn ihr Mist baut, dann wird das rauskommen, es ist nur eine Frage der Zeit. Für mich galt aber auch immer: Wer gut arbeitet, der darf auch mal feiern. Und wenn man feiert, dann sollte man das auch richtig tun und die Sau rauslassen. Was nützt mir eine Feier, bei der ich mich zurückhalte, dann brauche ich gar nicht erst zu feiern. Ich muss nur wissen, dass ich am nächsten oder übernächsten Tag wieder liefern muss.

Stand immer nur der Fußball im Vordergrund, oder gab es zwischen Ihnen auch andere Themen?

Claudio interessiert sich für ganz viele Sachen und ist dabei sehr offen. Man konnte mit ihm sehr gut über viele Dinge sprechen. Seine Familie war ihm sehr wichtig, seine Zukunft in Deutschland auch. Er hat es sehr genossen, sich hier sicherer bewegen zu können als in Peru.

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Pizarro ist zwischen Werder und Bayern quasi hin- und hergewechselt. Was ist er denn nun: ein Grün-Weißer oder ein Roter?

Da mache ich keinen Unterschied. Ich freue mich, dass er bei Werder so eine Marke gesetzt hat. Das ist außergewöhnlich. Wir hatten über all' die Jahre viele Spieler, die die Fans begeistert haben. Ailton war auch so einer. Wenn der durch die Stadt läuft, dann freuen sich alle. So ist es bei Claudio auch. Denn er hat den Menschen verdeutlicht: Das Leben ist schön, und man kann vieles erreichen. In München ist er auch sehr beliebt. Aber der FC Bayern und Werder – das sind schon unterschiedliche Dimensionen. Die Bayern haben viel mehr Erfolge gefeiert und deshalb viel mehr Topstars erlebt als wir hier in Bremen. Deshalb nimmt Claudio hier sicher eine andere Position ein als in München.

Es heißt oft auch, dass Pizarro mit seinen Qualitäten noch mehr hätte erreichen können.

Diese Gedanken muss er sich nicht machen, er hat genug erreicht. Für mich war er einer der komplettesten Spieler, die ich erlebt habe. Er hat bei Topteams gespielt. Beim FC Chelsea ist es für ihn durch den frühen Trainerwechsel nicht ganz so gut gelaufen. Davon haben wir profitiert, sonst wäre er wohl nicht zu uns zurückgekommen. Vielleicht hätte ein Wechsel zu einem größeren Club ihm einen anderen Weg ermöglicht.

Warum ist er dann zu Werder zurück?

Er wusste damals, dass wir das totale Vertrauen zu ihm haben. Das war ein wichtiger Wert für ihn nach seiner Erfahrung in England. Und wir konnten ihm auch die Champions League bieten und hatten Topleute im Team.

Pizarro ist dann noch ein drittes und sogar viertes mal zu Werder zurückgekehrt. War das dann irgendwann nicht zu viel?

Nein, er hatte immer noch einen Wert für die Mannschaft. Aber natürlich ist es schwierig, den richtigen Zeitpunkt fürs Aufhören zu finden. Das konnte nur er entscheiden – und er hat es wirklich lange herausgezögert. Danach haben wir natürlich gehofft, dass er konstant in Bremen bleibt, weil er ein Topbotschafter für Werder ist. Aber er hat sich nun mal für München entschieden.

Und ist dort auch Botschafter des FC Bayern. Wäre Pizarro auch ein guter Trainer?

Ich glaube, dafür müsste er etwas geduldiger sein (lacht). Spieler denken oft in dem neuen Job, dass sofort umgesetzt wird, was sie sagen. Manchmal klappt das auch, meistens dauert das aber etwas länger. (lacht)

Pizarro hat nicht nur sportlich eine gute Figur gemacht, sondern fiel auch durch seine Kleidung auf.

Er hatte tatsächlich seinen ganz eigenen Stil. Da passte alles. Es war immer etwas Besonderes, aber nicht übertrieben. Also ich habe nie gedacht: Von welcher Veranstaltung ist er denn jetzt zum Training gekommen? (lacht)

Wenn Claudio Pizarro ein Tier wäre, welches wäre das?

Da fällt mir spontan ein Tiger ein. Schleicht überall rum, weiß aber genau, wo er ist. Hat eine unglaubliche Stärke, eine unheimliche Präsenz. Man hat bei Claudio immer versucht, zu beobachten, wo er auf dem Platz ist – und im entscheidenden Moment war er dann doch den Tick davor und hat das Tor gemacht.

Was hätten Sie gerne von Pizarro gehabt?

Als Spieler 'ne ganze Menge (lacht). Also ehrgeizig war ich auch. Aber so eine Technik, Gewandtheit, so ein Kopfballspiel – das waren schon tolle Sachen bei ihm. Aber ich denke, wir können beide mit unserer Karriere sehr zufrieden sein.

Das Gespräch führte Björn Knips.  

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