St. Pauli-Trainer Timo Schultz: Vom Werder-Talent zum Tabellenführer

In Bremen fing 1996 das Kapitel Profi-Fußball für ihn an, am Samstag kehrt Timo Schutz als Trainer des Zweitliga-Tabellenführers FC St. Pauli ins Weserstadion zurück.
28.10.2021, 10:35
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Von Stefan Krause

Die emotionale Bindung ist zu keinem Zeitpunkt abgerissen. „Ich habe nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass ich ein Stück weit Werder-Fan bin“, hat Timo Schultz erst kürzlich zugegeben. In Bremen hatte anno 1996 für das damals 18-jährige Talent das Kapitel Profi-Fußball als Aktiver begonnen, mit 44 Jahren wird er am Samstag als Trainer des Zweitliga-Tabellenführers FC St. Pauli ins Weserstadion zurückkehren.

Auf 107 Einsätze für die Drittliga-Mannschaft war der defensive Mittelfeldspieler in vier Jahren an der Weser gekommen. Bremen ist bis heute der südlichste Lebensmittelpunkt, den der gebürtige Wittmunder („Ostfriesland ist grün-weißes Werder-Gebiet“), der beim TuS Esens das Kicken erlernte, jemals hatte. Für eine Nominierung bei den Profis hat es seinerzeit nicht gereicht, dennoch bezeichnet Schultz auch heute noch den damaligen Reserve-Coach Thomas Schaaf als einen der besten Trainer, den er je hatte.

In dieselbe Kategorie ordnet Schultz Dieter Hecking ein, unter dem er von 2000 bis 2002 beim VfB Lübeck spielte. Einem kurzen Intermezzo beim Harburger TB folgte dann der Wechsel zu Holstein Kiel, wo das Wirken des Spielertypen Timo Schultz auf die Zuschauer erstmals messbar wurde. Als ihn sein damaliger Coach, Ex-Werder-Stürmer Frank Neubarth, in die zweite Mannschaft verbannte, entbrannten massive Fan-Proteste. Auf den fußballerisch sicherlich limitierten, aber stets mit Vollgas agierenden Kämpfer, der immer sein Herz auf dem Platz ließ, ließen die Anhänger nichts kommen.

Selbst in der Phase der Degradierung hatte er sich nie hängen lassen. „Er ist immer vorangegangen und war ein Vorzeige-Athlet für die Jungen, die aus der A-Jugend gekommen sind. Er war ein Motivator, ein positiv Verrückter“, erinnerte sich Hans-Friedrich „Mecki“ Brunner, Übungsleiter der Störche-Reserve, zurück – und zeigte sich wenig verwundert, dass „Schulle“, wie ihn alle nennen, nach der aktiven Karriere die Trainerlaufbahn eingeschlagen hat. „Ich habe ihn damals schon in meine Personalfragen eingebunden“, erzählte er.

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André Trulsen erkennt Schultz Vorzüge

Eine wichtige Rolle beim nächsten, entscheidenden Schritt in Schultz‘ Lebenslauf kam dann André Trulsen zu. Der hatte in Kiel mit ihm zusammengespielt, war danach bei Brunners Zweitvertretung Co-Trainer und 2004 in identischer Funktion zum FC St. Pauli gewechselt. Der Ex-Profi hatte Schultz‘ Vorzüge erkannt, die so hervorragend ans Millerntor passten, und lotste ihn zusammen mit Cheftrainer Andreas Bergmann zur Saison 2005/06 zum damaligen Drittligisten.

Der Beginn einer innigen Liaison, in der recht schnell eine für Schultz entscheidende Person ins Rampenlicht trat: Holger Stanislawski. „Es war die schönste Zeit, die ich als Fußballer erleben durfte mit ihm“, sagte Schultz über den Bergmann-Nachfolger (ab November 2006), zu dem er „bis heute ein tolles Verhältnis hat“. Was er besonders an ihm schätzte: „Jeder Spieler mochte ihn, egal ob er gespielt hat oder nicht. Das lag daran, dass er immer klar kommuniziert hat.“

Eine Eigenschaft, die Schultz in seinem jetzigen Job adaptiert hat. Vorher aber feierte er mit St. Pauli den Aufstieg in die 2. Liga (2007) und jenen in die Bundesliga (2010), am Ende seiner Profi-Laufbahn hatte er es zu vier Erst- und 69 Zweitliga-Einsätzen gebracht sowie in die Herzen der braun-weißen Fans geschafft.

Schultz auch privat an die Elbe gebunden

Dazu kam sein privates Glück an der Elbe. Mit seiner Frau Mareelke („Meine Sandkastenliebe, meine erste und letzte große Liebe. Ich liebe sie jeden Tag ein bisschen mehr“) gründete er eine Familie, zu Tochter Hannah (jetzt 15) und Sohn Paul (13) kam vor sechs Jahren mit Frieda noch ein drittes Kind hinzu. Da war es nur logisch, dass Schultz nach Beendigung der Profi-Laufbahn 2011 bei St. Pauli blieb und einen fließenden Übergang zur zweiten Karriere hinlegte, indem er spielender Co-Trainer der U23 wurde. Als Assistent kam er 2012 unter Chefcoach André Schubert zu den Profis, dessen Nachfolger Michael Frontzeck zählt bis heute zu seinen besten Freunden. Als Ewald Lienen den Kiezclub im Dezember 2014 übernahm, wechselte Schultz als Trainer in den Nachwuchsbereich.

Er entwickelte erst die U17, dann die U19 zu Mannschaften, die in der Bundesliga oben mitspielten, und förderte Talente wie Finn Ole Becker, Igor Matanovic oder Jannes Wieckhoff, die inzwischen feste Bestandteile des Profi-Kaders sind oder bereits an Erstligisten verkauft wurden (Matanovic nach Frankfurt).

Nebenbei baute er 2017 seinen Fußballlehrer – und wartete auf seine Chance. Die kam zu seiner großen Enttäuschung nicht, als St. Pauli im April 2019 Markus Kauczinski beurlaubte und stattdessen Jos Luhukay bevorzugte. Auch ließen ihn die Hamburger nicht nach Kiel ziehen, wo Holstein großes Interesse bekundet hatte. Erst als St. Pauli das grandios gescheiterte Luhukay-Experiment im Sommer 2020 beendete, war seine Zeit gekommen.

Und die Aufgabe als Trainer der Profis  führt Timo Schultz am Samstag dorthin zurück, wo einst alles begann. „Ich freue mich extrem auf das Spiel im Weserstadion“, sagte er, „auch wenn Werder in die Bundesliga gehört.“ Nach sportlichem Maßstab trifft das aktuell allerdings eher auf seinen FC St. Pauli zu.

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