Werder-Kolumne Bei Füllkrug geht Kohfeldts Prophezeiung nun auf

Niclas Füllkrug spielt bei Werder nun genau die Rolle, die er schon vor Jahren übernehmen sollte, meint Jean-Julien Beer. Dabei warf seine Verpflichtung in Bremen anfangs viele kritische Fragen auf...
05.09.2022, 18:00
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Bei Füllkrug geht Kohfeldts Prophezeiung nun auf
Von Jean-Julien Beer

Ein wenig muss sich Florian Kohfeldt damals gefühlt haben wie ein Angeklagter, aber das ließ er sich nicht anmerken. Er trat stattdessen auf wie ein Verteidiger vor Gericht, und er kämpfte für die aus seiner Sicht gute Sache: nämlich für Niclas Füllkrug.

Die Szene spielte sich im Mai 2019 in den Räumen des Weserstadions ab. Kohfeldt saß mit den Bremer Medien zu einer Art Saisonabschluss-Gespräch zusammen, in kleiner Runde ging es auch um Werders Königstransfer für die nächste Saison, Niclas Füllkrug. Den hatte Manager Frank Baumann für etwa 6,5 Millionen Euro von Hannover 96 verpflichtet – eine Summe, deren Rückzahlung Werder über mehrere Jahre abstotterte und die auch deshalb hoch schien, weil die Bremer nur ein Gesamtbudget von etwa zehn Millionen Euro für Transfers hatten. Fast alles setzte Baumann quasi auf Füllkrug, und das warf Fragen auf, wie Kohfeldt zu spüren bekam. Denn da war ja auch die Geschichte mit den Knien, an beiden Seiten hatte Füllkrug schwere Knorpelschäden erlitten und sollte jetzt Werders Hoffnungsträger werden nach dem Weggang von Max Kruse.

Florian Kohfeldt verteidigte das vehement. Seine erste Botschaft: Einen gesunden Füllkrug hätte sich Werder niemals leisten können, schließlich wollte zum Beispiel Borussia Mönchengladbach ein Jahr zuvor 20 Millionen Euro für Füllkrug ausgeben, der in den Dunstkreis der Nationalmannschaft aufgestiegen war. Eine Knieverletzung kam dazwischen. Kohfeldts zweite Botschaft lautete: Werder sei für Füllkrug nicht irgendein Verein, hier habe der Stürmer schon als Jugendlicher gespielt – und vielleicht, so formulierte es Kohfeldt, würde man es hier schaffen, dass Füllkrug zur alten Form findet. Und dann hätte man einen der besten deutschen Stürmer im Kader, der seinen Marktwert durch Bundesligatore wieder steigern würde.

Drei Jahre später führt dieser Füllkrug die Torschützenliste der Bundesliga an, seine fünf Treffer in den ersten fünf Spielen erreichte nur noch Sheraldo Becker von Union Berlin. Zumindest für den Moment ist Kohfeldts Prophezeiung also eingetreten. Für Werder-Fans ist es ein seltenes Glück geworden, dass ein Spieler aus Bremen in der Torschützenliste der Bundesliga so platziert ist. Die jüngere Generation hat das überhaupt noch nicht erlebt. Man muss bis ins Jahr 2005 zurückgehen: Damals hatte der spätere Weltmeister Miroslav Klose nach fünf Spieltagen sechs Tore für Werder erzielt, Ivan Klasnic kam auf fünf Treffer.

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Man könnte einwenden, dass Füllkrug auch zwei Elfmeter verwandeln durfte (anders als Klose), aber gerade das sollte man als Bremer nicht geringschätzen: Das Verschießen von Elfmetern (Klaassen, Rashica & andere) führte Werder vor wenigen Jahren an den Abgrund. Zwar konnte auch Füllkrug den Abstieg nicht verhindern, doch wenn er nicht nach einem Kreuzbandriss noch im Saisonfinale 2020 zurückgekommen wäre, dann hätte es Werder wahrscheinlich da schon erwischt.

Zwei Treffer fehlen Füllkrug jetzt noch, um seinen Werder-Rekord zu knacken: Mehr als sechs Tore hat er in der Bundesliga nie für Bremen erzielt, in seiner Karriere waren es in der ersten Liga nur ein einziges Mal mehr Tore: 14 Stück in der Saison 2017/18 für Hannover.

Bei seinem schönen Flugkopfball-Treffer in Bochum werden sich viele geärgert oder bestätigt gefühlt haben, die Füllkrug in diesem Sommer weglocken wollten. Angebote gab es erst aus Spanien und dann aus Italien, auch aus zwei Ländern im arabischen Raum flatterten Anfragen herein. Aber derlei interessiert Füllkrug nicht. Was er braucht, ist Vertrauen – und das Gefühl, gebraucht zu werden. Als er im Vorjahr unter Markus Anfang beides nicht bekam, sah seine Bilanz anders aus: Da hatte Füllkrug in der zweiten Liga nach fünf Spielen noch kein Tor geschossen.

Für seinen Kopf war es gut, schon vor dieser Bundesligasaison den Vertrag in Bremen bis 2025 verlängert zu haben. Dass Werder bis dahin auch mal absteigen kann, das weiß er natürlich. Aber es macht ihm nichts aus. Nach dem Abstieg sagte er auf die Frage, ob er die Stadien in Dortmund oder München nicht vermissen werde: „Ich treffe auch gerne in Aue oder Sandhausen.“ Mit seinen 19 Toren in der Aufstiegssaison hat er bewiesen, dass er das ernst meint. Je eins davon schoss er übrigens in Aue und Sandhausen.

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