Kommentar zur Bremer Niederlagenserie Weiter so? Dann steigt Werder ab

Nach der sechsten Niederlage spitzt sich Werders Lage zu. Trainer Florian Kohfeldt und Manager Frank Baumann betreiben Schönfärberei, meint Jean-Julien Beer. Soll wieder nur das Prinzip Hoffnung helfen?
22.04.2021, 12:24
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Weiter so? Dann steigt Werder ab
Von Jean-Julien Beer

Es ist nicht wirklich so, dass bei den Spielen von Werder Bremen zuletzt Aufwand und Ertrag in einem unfairen Verhältnis gestanden hätten, auch wenn der Verein diesen Eindruck sehr gerne erwecken möchte. Die sechste Niederlage in Folge in der Bundesliga ist selbst für Bremen ein trauriger Rekord – und der kam angesichts der Leistung, die Werder bei diesem 0:1 im Heimspiel gegen den Abstiegskonkurrenten aus Mainz gezeigt hat, nicht überraschend.

In beiden Halbzeiten hatten die Gäste mehr Torchancen, in beiden Halbzeiten schoss Werder nicht die Tore, die man halt braucht, um ein Spiel gewinnen zu können. Über weite Strecken wenigstens mal gut mitspielen – das reicht nicht. Fußball ist ein Ergebnissport, vor allem in der Bundesliga.

Natürlich darf man sich darüber ärgern, dass der Schiedsrichter den Treffer zum möglichen 1:1-Ausgleich nicht anerkannte, ein Foulspiel der Bremer war schließlich nicht zu erkennen. Aber auch dieses Tor hätte letztlich nicht zu dem Sieg gereicht, der im engen Tabellenkeller so erlösend wie vorentscheidend gewesen wäre. Ein zweites Tor in einem Spiel, und das ist Fakt, gelang Werder nun schon seit sieben Partien ohnehin nicht mehr.

Werder wird den Abstieg mit Worten nicht verhindern

Irgendwas ist halt immer, wenn Werder ein Spiel verloren hat. Mal ist der Schiedsrichter zu schwach, mal der Gegner zu stark. Mal war der Spielverlauf unglücklich, mal schoss man sich die Bälle selbst rein. Ausreden, das sagte Werders Trainer Florian Kohfeldt vor diesem sehr wichtigen Spiel gegen Mainz, wolle er jetzt nicht mehr hören. Und das ist der entscheidende Punkt: Werder muss die Spiele schon selbst gewinnen, ganz egal, unter welchen Umständen. Werder bräuchte dafür Tore, gewonnene Zweikämpfe, funktionierende Pässe, einen leidenschaftlichen Auftritt. Mit Worten werden sie den Abstieg nicht verhindern können.

Deshalb muss man die Aussagen von Kohfeldt und Sportchef Frank Baumann nach der erneuten Niederlage stark hinterfragen. War Werder wirklich die bessere Mannschaft? Muss Werder tatsächlich „auch mal weniger anspruchsvoll spielen“, um Tore zu erzielen? Muss Werder wirklich nur „einfach so weiterspielen“ wie gegen Mainz, um die rettenden Punkte zu holen?

Mit solchen Aussagen erwecken Kohfeldt und Baumann den Anfangsverdacht der Selbsttäuschung. Es ist möglich, dass sie die Fans auch nur beruhigen wollen, schließlich könnte Werder im Idealfall ein einziger Sieg in den verbleibenden vier Spielen genügen, um den Klassenerhalt zu schaffen. Aber dieser herbeigesehnte Sieg gelingt der Mannschaft seit Wochen nicht, im Gegenteil: Durch die Niederlagenserie verspielte Werder den komfortablen Vorsprung auf die Abstiegsplätze, während die Konkurrenten immer mehr Punkte holten und in der Tabelle sogar vorbeizogen, erst Augsburg, nun auch Mainz.

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Werder muss im Saisonendspurt eine andere Gangart wählen

Kohfeldt wollte nur die elf Spieler gegen Mainz aufs Feld schicken, die solche Drucksituationen aushalten und solche Spiele gewinnen. Heraus kam die nächste Niederlage. Wie schon im Vorjahr oft erlebt, konnten die Spieler den Worten ihres Trainers keine Taten folgen lassen. Was zwei Schlüsse zulässt: Entweder setzt Kohfeldt auf die falschen Spieler, dann müsste Werder ihn entlassen. Oder die Spieler können es einfach nicht besser, dann könnte kein Trainer der Welt Werder jetzt noch helfen.

Werders Schönfärberei klingt vielen Fans inzwischen unerträglich in den Ohren. Ungeschönt und richtig hingegen sind folgende Schlüsse aus der Niederlage gegen die Mainzer, die Werder in Sachen Athletik, Gier und Robustheit überlegen waren: Es ist höchste Zeit, sich im eigenen Strafraum nicht mehr so einfach wegschubsen zu lassen. Es ist auch höchste Zeit, die wenigen guten Angriffe erfolgreich auszuspielen, gerade bei einer klaren Überzahl muss man das von Bundesligaprofis erwarten können.

Es ist obendrein höchste Zeit, eine andere Gangart zu wählen: Man sollte der Mannschaft schon anmerken, ob sie gerade führt oder zurückliegt. Wenn Werder wirklich „einfach so weiterspielt“, dann wird die Mannschaft bis Saisonende kein Spiel mehr gewinnen. Und dann könnte am Ende nur noch das Prinzip Hoffnung helfen, wie im Vorjahr: Ein anderer müsste noch schlechter sein. Damals war es Düsseldorf, das überraschend verlor und die Bremer so erst in die Relegation beförderte. Diesmal wieder einen Schlechteren zu finden, könnte jedoch schwierig werden.

Kohfeldt muss nun liefern, mit einem Sieg, sonst könnte es erneut dramatisch werden. Dazu muss Werder schleunigst anders spielen. Das „Weiter so“ war schon im Sommer eine schlechte Idee. Jetzt aber wäre es die allerschlechteste.

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