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Baumann über Werders neues Selbstbewusstsein
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„Wir gehen ein gewisses Risiko ein“

Jean-Julien Beer 17.08.2019 5 Kommentare

(nordphoto)

Werder geht wieder mit dem mutigen Ziel Europapokal in die Saison. Wie viel Abenteuerlust schwingt dabei mit?

Frank Baumann: Diesmal sicher weniger als vor der vergangenen Saison. Nachdem wir sechs schwierigere Jahre zu überstehen hatten, war es damals deutlich mutiger, offen von Europa zu reden. Aber es war notwendig,  ein gewisses Risiko in der Zielsetzung einzugehen, um zu verdeutlichen, dass wir eben nicht mit Mittelmaß zufrieden  sind, sondern den Anspruch und diese Sehnsucht  nach internationalen Spielen unter der Woche im Weserstadion haben. Das muss einfach in jedem von uns drin sein, damit es irgendwann auch klappt.

Sie haben sich vereinsintern schon häufiger für ein höheres Anspruchsdenken stark gemacht. Wie weit sind Sie auf dem Weg, Werder wieder selbstbewusster zu machen?

Ich glaube schon, dass wir da auf einem sehr guten Weg sind. Da strahlt natürlich auch vieles vom Platz auf die Tribünen und in die Geschäftsstelle aus. Seit Florian Kohfeldt die Trainerposition übernahm, hat er einen ganz wichtigen Anteil daran, dass wir jetzt wieder an uns  glauben. Das merkt man bei der Mannschaft, bei den Mitarbeitern und in den Führungsebenen. Wir sind jetzt einfach wieder mutig und selbstbewusst. Als ich vor drei Jahren Geschäftsführer wurde, gab es Überlegungen als ein strategisches Ziel im sportlichen Bereich zu definieren, dass Werder  dauerhaft Mitglied der Bundesliga sein soll. Das war mir aber zu wenig. Es war schon auch ein Kampf, gerade wenn man jahrelang gegen den Abstieg spielte und sich Wochen vorher erst fünf Minuten vor Saisonschluss gerettet hat, als strategisches Ziel den internationalen Wettbewerb auszugeben. Es war uns bewusst, dass so eine Entwicklung dauert. Es wird auch in den nächsten Jahren ein schwieriger Weg bleiben. Und selbst wenn man den Europapokal mal erreicht hat, hört es ja nicht auf. Dann muss man diese Leistung bestätigen. Es ist ein dauerhafter Prozess.

Wie wichtig wäre die Teilnahme am Europapokal, um Werder weiter zu entwickeln?

Irgendwann ist es wichtig, diesen nächsten Schritt dann auch zu schaffen. In vielerlei Hinsicht. Finanziell, weil damit höhere Einnahmen verbunden sind. Aber auch, um manche Spieler vielleicht noch länger an Werder zu binden, denen wir den nächsten Schritt in ihrer Karriere ermöglichen müssen. Diese Spieler wecken das Interesse von anderen Vereinen, die international spielen. Bei aller Identifikation – irgendwann möchten diese Jungs natürlich im Europacup spielen. Ich habe das Gefühl, dass sie es unbedingt hier bei Werder erreichen möchten. Man kann sich als Spieler ja auch parallel zum Verein entwickeln, wie es bei mir der Fall war. Als ich zu Werder kam, hat der Klub noch gegen den Abstieg gespielt. Und dann haben wir uns Stück für Stück entwickelt. Ich als Spieler, aber auch der Klub. Dann haben wir regelmäßig  sogar Champions League gespielt und es gab für mich keinen Grund  mehr, Bremen zu verlassen.

Werder wird an diesem Wochenende den HSV überholen und die meisten Bundesligaspiele haben. Wie schwer ist es, einen solchen Traditionsverein heute in der Bundesliga zu halten?

Die Konkurrenz in der Liga hat in den vergangenen Jahren noch einmal deutlich zugenommen. Vor allem natürlich durch Klubs, die eine gewisse Anschubfinanzierung von außen hatten, etwa die Werksklubs. Nach Leverkusen zum Beispiel Wolfsburg, die noch nicht ewig in der Bundesliga dabei sind. Hoffenheim und Leipzig sind zumindest in der Startphase deutlich unterstützt worden. Sie profitieren von diesen finanziellen Mitteln, dadurch ist es für uns als Traditionsverein schwieriger geworden. Es hat ja in den vergangenen Jahren auch immer wieder einen erwischt. Der VfB Stuttgart ist abgestiegen, der 1. FC Köln mehrfach, der Hamburger SV musste auch runter. Wir waren auch in akuter Abstiegsgefahr. Ich glaube aber, dass wir aktuell damit nichts zu tun haben werden. So selbstbewusst sind wird. Aber es ist natürlich kein Selbstläufer, dass es immer gut geht. Wir als Geschäftsführung sind gefordert, den Verein in den nächsten Jahren so zukunftsfähig zu gestalten, dass Werder auch in  den nächsten Jahrzehnten noch Mitglied der Bundesliga ist.

Ist es bei allen Nachteilen ein Wettbewerbsvorteil, dass in Bremen inzwischen wieder Kontinuität herrscht, auf der Trainerposition und im Kader? Immerhin hat die halbe Liga wild durchgemischt.

Ich glaube ja. Es ist aus verschiedenen Gründen ein Vorteil. Der Trainer ist für mich die wichtigste Person im Klub. Da sind wir jetzt sehr gut aufgestellt und sehr zufrieden. Kontinuität in der Mannschaft hilft, dass die Automatismen funktionieren, das ist diese Saison auch ein Vorteil für uns. Viele unserer Profis kennen die Spielidee schon, alles ist gefestigter. Es gab viele Trainerwechsel in der Liga, gerade bei unseren direkten Konkurrenten um die internationalen Plätze, wie Schalke, Hoffenheim, Hertha, Wolfsburg oder Gladbach. Es wurden auch  mehr Spieler ausgetauscht. Das ist immer Chance und Risiko zugleich. So ein Neuanfang kann auch mal dauern. Deshalb freuen wir uns, dass wir mit Florian Kohfeldt sogar verlängern und auch viele Spieler weiter von unserem Weg überzeugen konnten.

Würde Sie gerne mal mit so richtig viel Geld Spieler kaufen?

Wir haben auch die letzten Jahre immer mal wieder größer in Spielertransfers investiert.

Aber oft musste ein Verkauf helfen, um überhaupt einkaufen zu können.

Das stimmt natürlich und wird bei Werder aber auch nie komplett anders werden. Wir werden nie 30 Millionen mehr ausgeben können, als wir einnehmen. Wir wollen weiter vernünftig wirtschaften, gehen aber diese Saison schon ein gewisses finanzielles Risiko ein, weil wir eben keine großen Transfereinnahmen hatten. Trotzdem haben wir mit Niclas Füllkrug und Marco Friedl zwei Spieler gekauft und Ömer Toprak ausgeliehen. Es ist Mut erforderlich, um gewisse Investitionen zu tätigen. Da gehören auch die Vertragsverlängerungen dazu, die häufiger mit einer Gehaltserhöhung verbunden sind. Wir können aber dieses überschaubare Risiko eingehen, weil es uns in den letzten Jahren gelungen ist, durch die Entwicklung von Spielern interessante Werte zu schaffen.

Werder muss immer aufs Geld schauen. Wie kann man die Einnahmeseite verbessern? Geht das letztlich nur über Transfers?

Der größte Hebel ist immer der sportliche Erfolg. Der internationale Wettbewerb bringt signifikante Mehreinnahmen, auch durch das bessere TV-Ranking, aber auch durch die Wertentwicklung der Spieler. Es wird bei uns immer mal wieder Verkäufe geben müssen, wie bei allen Klubs in Deutschland, außer vielleicht bei den Bayern. Und das ist gar nicht schlimm, weil man mit den Transfereinnahmen wieder einen guten Kader zusammenstellen kann. Deshalb ist es wichtig, sich immer wieder Gedanken zu machen, wie der Kader in zwei oder drei Jahren aussehen könnte.

Kommenden Sommer könnte Werder für manchen Spieler eine Rekordablöse erzielen. Auch solche Einnahmen haben Sie also im Hinterkopf.

Es wird nach dieser Saison mit Sicherheit mehr Abgänge geben als in diesem Sommer. Jetzt haben wir nur einen Stammspieler verloren, Max Kruse. Dazu ein paar Kaderspieler. Das war sehr wenig. Es ist wahrscheinlich, dass wir nach dieser Saison zwei oder drei Stammspieler verlieren. Das ist eine Chance für den Verein, aber auch für andere Spieler, sich zu entwickeln.

Es wird oft von anderen betont, wie wichtig die vielen Vertragsverlängerungen bei Werder waren. Sie erwähnen das eher beiläufig. Sehen Sie Ihre Arbeit in dieser Hinsicht ausreichend gewürdigt?

(lacht) Erstens ist es mir überhaupt nicht wichtig, dass ich gewürdigt werde. Und zweitens ist es ja eine Gemeinschaftsarbeit, wenn wir Spieler wie die Brüder Eggestein und Milot Rashica oder unseren Trainer Florian Kohfeldt halten konnten. Aber das wird natürlich schnell vergessen, wenn dann andernorts mal ein Transfer über die Bühne geht und dann das Gefühl aufkommt: Alle machen was, nur Werder nicht! Es wird dabei auch nicht immer bedacht, dass diese anderen Klubs häufig vorher wichtige Spieler verloren haben. Wichtig ist in einer Transferphase, dass man in diesem Job nicht die Nerven verliert und sich eben nicht von einem öffentlichen Druck verleiten lässt, Entscheidungen zu treffen, nur damit kurzfristig Ruhe einkehrt. Das ist für mich aber nicht problematisch.

Wie wichtig war in diesem Sommer das Signal an die Konkurrenz, dass Werder kein Selbstbedienungsladen ist, sondern selbst entscheidet, ob ein Spieler verkauft wird?

Das ist eine wichtige Haltung. Ich glaube aber, dass es durch die gestiegenen Fernsehgelder in der Bundesliga und international kaum mehr einen Klub gibt, der unbedingt verkaufen muss. Die finanzielle Basis ist bei vielen Vereinen heute deutlich gesünder als vor 15 Jahren. Das macht manche Spieler natürlich auch richtig teuer, weil sie nur verkauft werden, wenn es wirklich ein außergewöhnliches Angebot für sie gibt. Das gilt nicht nur für Werder, sondern inzwischen auch für Klubs wie Freiburg oder Augsburg. Ich bin überzeugt, wenn wir es gewollt hätten, diesen Sommer einen Spieler auf den Markt zu werfen, dann hätten wir einen Rekordtransfer für Werder tätigen können. Aber in diesem Jahr war uns die Kontinuität wichtiger.

Apropos Kontinuität. Sie sollen Kohfeldt Ihr Wort gegeben haben, ebenfalls bis mindestens 2023 bei Werder zu bleiben. So lange läuft Ihr Vertrag gar nicht. Ist der neue Kontrakt schon aufgesetzt? Oder schieben Sie das Thema im Moment zur Seite?

Letzteres, weil es definitiv gerade wichtigere Themen bei Werder gibt. Natürlich wurde mein Vertrag nach Florians Verlängerung auch in den Medien thematisiert. Aber ich bin da ganz entspannt. Ich habe noch zwei Jahre Vertrag. Insofern müssen wir dies jetzt nicht in der Öffentlichkeit diskutieren

Mit Max Kruse ging nicht nur der Topscorer, sondern auch ein Spieler, der wenigstens etwas für Reibung sorgte, auch in der Kabine. Ist es Ihnen jetzt nicht zu harmonisch in der Mannschaft für ein Profi-Team?

Nein. Wir haben grundsätzlich eine Mannschaft, die von der Mentalität absolut top ist. Das ist erstmal gut. Es wird schon noch Reibung geben, weil der Konkurrenzdruck größer geworden ist. Das hat man bereits in den letzten Trainingseinheiten vor dem Saisonstart sehen können. Zudem haben viele Spieler, die vergangene Saison noch in der zweiten Reihe zufrieden waren, nun den nächsten Schritt gemacht und stellen teilweise zurecht Ansprüche.

An wen denken Sie?

Johannes Eggestein, der im Vorjahr schon viel spielte. Marco Friedl hat jetzt höhere Ansprüche, Josh Sargent, auch Kevin Möhwald. Diese Spieler haben alle eine sehr gute Entwicklung genommen. Letzte Saison kamen sie aus einer kompletten Herausforderer-Rolle, jetzt aber haben sie gezeigt, dass sie gut in der Bundesliga spielen können und möchten dies noch häufiger zeigen. Das wird eine gesunde Reibung geben, die auch wichtig ist. Grundsätzlich muss man bei der Kaderzusammenstellung natürlich darauf achten, dass die Charaktere auch zueinander passen und man nicht zu viele unzufriedene Spieler hat.

Zurück zum Ziel Europapokal. Kann es auch dann eine gute Saison sein, wenn das Ziel erneut verfehlt wird?

Gegenfrage: Wäre es denn eine gute Saison, wenn wir nur 46 Punkte holen, also sieben Punkte weniger, das aber für Europa reichen würde?

Vermutlich würden alle jubeln. Aber sollte man nicht vermeiden, dass viele enttäuscht wären, wenn es trotz vieler Siege wieder nicht reicht?

Es geht primär darum, dass wir die Wahrscheinlichkeit auf Erfolg erhöhen, indem wir in der täglichen Arbeit weiter so fokussiert und ehrgeizig an unserem Ziel arbeiten. Dann können wir es in naher Zukunft auch erreichen. Das Gefühl am Ende einer Saison hängt immer davon ab, ob man vielleicht mehr hätte erreichen können. Wenn wir gemeinsam alles raus gehauen und eine tolle Saison gespielt haben, aber andere vielleicht doch besser waren, dann muss man das anerkennen. Zufrieden würden wir als Verantwortliche dann trotzdem nicht sein. Das heißt aber ja nicht, dass man die Fans nicht trotzdem begeistern kann. Gerade das haben wir vergangene Saison in der Liga und im Pokal gezeigt, als die Leute oft zufrieden nach Hause gegangen sind.

Was wäre für Sie persönlich der schönere Weg nach Europa? Über die Bundesliga oder durch einen Pokalsieg?

Die Bundesliga ist natürlich unser Hauptwettbewerb. Aber irgendwann mal etwas in der Hand zu halten, wäre auch nicht so verkehrt.

Sie wissen ja vom Doublegewinn 2004, wie sich das anfühlt…

Stimmt. Aber diesmal würde ich das unseren Spielern überlassen.


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