Nähe zur rechten Szene? Werder-Fans attackieren Wiese – und der wehrt sich

Bremer-Fans haben sich am Sonnabend mit einem Protest-Banner in der Ostkurve klar gegen Tim Wiese positioniert. Während Werder den Vorfall erst intern klären möchte, gibt der Ex-Keeper eine deutliche Antwort.
02.10.2022, 13:16
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Von kni

Eigentlich gehört Tim Wiese bei den Fans des SV Werder Bremen zu den beliebtesten Ex-Profis, was auch beim Abschiedsspiel von Claudio Pizarro vor einer Woche deutlich zu hören war, wenngleich es auch da schon einige Pfiffe für den einstige Keeper gab. Nun legten die Kritiker öffentlichkeitswirksam nach. Beim 5:1-Heimsieg der Bremer gegen Borussia Mönchengladbach präsentierten Fans  in der Ostkurve ein Banner mit einer deutlichen Ansage: „Wer mit Nazis abhängt, hat im Weserstadion nichts zu suchen – keine Bühne für Tim Wiese!" Nachdem Wiese selbst am Sonntagmorgen mit deutlichen Worten auf diese Aktion antwortete, reagierte am Nachmittag auch Werder auf den Vorfall.

„Das ist absoluter Schwachsinn. Ich habe nichts mit der rechten Szene zu tun und positioniere  mich auch ganz klar gegen Rechts“, betonte Wiese am Sonntagmorgen auf Nachfrage unserer DeichStube: „Jeder, der mich näher kennt, weiß doch, dass ich mit vielen Migranten befreundet bin. Einige instrumentalisierende Möchtegern-Fans haben deshalb auch schon spekuliert, dass ich mit irgendwelchen Clans kooperiere. Das ist doch alles Unsinn.“

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Auslöser des Fan-Protests gegen Wiese sind Fotos in den sozialen Medien, die den 40-Jährigen mit Mitgliedern des Motorradclubs „Radikal Kameradschaft Bremen“ zeigen.  Diese Gruppe würde mit 'Kategorie C'-Sänger Hannes Ostendorf „gemeinsame Sache machen", behauptet der Twitter-Account  „AfD Watch Bremen" – und Ostendorf gehöre der rechten Hooligan-Szene an.  Wiese bestätigt den Kontakt zu Heiko Dörfer, dem Gründer der „Radikal Kameraden Bremen“. „Heiko betreibt seit 25 Jahren ein Fitnessstudio in Lilienthal. Dort haben wir uns vor Jahren kennengelernt, weil ich dort intensiv trainiere. Wir sind befreundet. Heiko ist nicht rechtsradikal, in sein Studio gehen doch ganz viele Leute - Omas, Opas, alle“, sagt Wiese.

Auch Dörfer selbst weist die Vorwürfe gegenüber unserer DeichStube zurück: „Ja, ich bin ein Patriot und liebe mein Land. Aber wir sind nicht rechtsradikal. Wir halten uns als Motorrad-Club nicht mit Nazis auf, sondern fahren einfach nur Motorrad.“ Einen Kontakt zu Ostendorf räumt er allerdings ein. Der habe ebenfalls mal für kurze Zeit in dem Fitnessstudio trainiert und den Club dann um Motorräder für ein Musik-Video gebeten. „Das  haben wir gemacht – und dann sind von der Polizei Fotos von uns bei der Anfahrt gemacht worden“, erinnert sich Dörfer.

Warum sollte ich Zuhause bleiben?
Tim Wiese

In einer Polizeimeldung vom 5. Juni 2021 hieß es dann später: „Die Polizei Bremen stoppte am Vormittag in Walle ein Treffen von etwa 70 Personen. Einige Teilnehmer waren der rechtsextremen Szene zuzuordnen. Die Einsatzkräfte stellten Motorräder, Baseballschläger, zwei CDs mit dem Bild von Adolf Hitler und Pyrotechnik sicher. Die Personen trafen sich am Vormittag in der Cuxhavener Straße. Viele reisten mit Autos an, es waren aber auch etliche Motorradfahrer dabei. Diese trugen Kutten mit der Aufschrift ,Radikale Kameraden Bremen‘. Am Geländer der Fußgängerbrücke über der Cuxhavener Straße befestigten Vermummte ein Banner mit den Aufdrucken „Kategorie C‘ und „hungrige Wölfe‘“. Seit dieser Veröffentlichung  würde sein Motorradclub mit der rechten Szene in Verbindung gebracht, sagt Dörfer, „aber das stimmt einfach nicht“. Es habe keine weiteren Vorfälle gegeben und auch ein Verbot des Clubs sei überhaupt kein Thema gewesen.

Wiese war am Samstagabend nicht im Weserstadion, wo er eigentlich regelmäßig zu Gast ist. Und er will auch in Zukunft kommen: „Warum sollte ich Zuhause bleiben?“ Mit Werder habe er in der Vergangenheit schon mal über das Thema gesprochen: „Da gibt es keine Probleme.“ Eine Zusammenarbeit wie mit anderen Ex-Profis gibt es allerdings auch nicht. Der Klub positioniert sich regelmäßig mit Aktionen wie „Klare Kante gegen rechts“ und ist deshalb in den sozialen Medien aufgefordert worden, dies auch im Fall Wiese zu tun. 

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"Das Thema Tim Wiese begleitet uns schon länger. Wir haben bereits Ende vergangenen Jahres Hinweise zu entsprechenden Posts in den sozialen Medien bekommen“, berichtete Werder-Präsident Hubertus Hess-Grunewald auf Nachfrage unserer Deichstube. Via Instagram und Facebook hatten Wiese und Dörfer Bilder von gemeinsamen Treffen verbreitet. „Daraufhin haben wir, also Frank Baumann und ich, ein sehr klares Gespräch mit Tim geführt und ihm unsere unmissverständliche Haltung gegen Rechts verdeutlicht. Wir haben ihm gesagt, dass wir diese Haltung gerade auch von ihm als ehemaligen verdienten Spieler erwarten. Es gab bislang aus verschiedenen Gründen keine Zusammenarbeit mit ihm, deswegen mussten wir da nichts beenden.“

Zum Abschiedsspiel von Claudio Pizarro vor einer Woche hätte Werder Wiese wohl eher nicht eingeladen, „da haben wir Claudios Wunsch entsprochen“, so Hess-Grunewald. Der Peruaner sei schließlich der Veranstalter gewesen. Von dem Banner in der Ostkurve beim Gladbach-Spiel war Werder im Vorfeld informiert worden, wie es in solchen Fällen üblich ist. Da es sich nicht um einen beleidigenden, diskriminierenden oder strafrechtlich relevanten Inhalt gehalten habe, wäre das Banner nicht beanstandet worden. Wieses Reaktion auf die Fan-Kritik begrüßt Hess-Grunewald: „Tim hat sich nun klar von einer rechten Gesinnung und Menschen mit rechter Gesinnung distanziert. Das ist ein guter und richtiger Schritt. Aber wir werden ihn auch an diesen Aussagen messen und genau hinschauen.“ Ein Stadionverbot für den Ex-Profi sei aber so oder so kein Thema, „weil wir keine Gesinnungskontrolle an unseren Stadiontoren vornehmen“, so der Werder-Präsident: „Wer sich an die Stadionordnung hält, darf sich auch die Spiele anschauen."

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