Autor Schulze-Marmeling zur Erinnerungskultur

„Werder hat schon einiges getan“

Dietrich Schulze-Marmeling ist am Donnerstag Gast einer Podiumsdiskussion mit Werders Aufsichtsratschef Marco Bode. MEIN WERDER hat mit dem Autor vorher über Juden im deutschen Fußball gesprochen.
09.01.2018, 18:37
Lesedauer: 4 Min
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Von (mw)

Herr Schulze-Marmeling, der Titel der Podiumsdiskussion am Donnerstag lautet „Vergessene Vergangenheit? Jüdische Akteure im Fußball“. Lange Zeit tauchten Juden in der deutschen Fußballgeschichte tatsächlich überhaupt nicht auf. Wie kam es dazu?

Dietrich Schulze-Marmeling: Die jüdischen Fußball-Aktivisten wurden in der NS-Zeit aus der Geschichte herausgeschrieben. Und da anschließend häufig dieselben Leute die Feder führten wie in den NS-Jahren, wurden sie in der Regel auch nicht wieder hineingeschrieben. Aus Tätern, Karrieristen, Opportunisten und Mitläufern wurden selbsternannte Richter, die sich und ihre Kameraden von jeglicher Schuld und Verantwortung freisprachen. Repräsentativ für diesen Umgang mit der Geschichte war ein Buch, das 1954 in der „Schriftenreihe des Deutschen Fußball-Bundes“ erschien. Autor des voluminösen Werks mit dem Titel „Geschichte des deutschen Fußballsports“ war Carl Koppehel, von 1937 bis 1945 und von 1951 bis 1958 Pressewart des DFB. Auf den 28 A4-Seiten, die sich dem Zeitraum 1933 bis 1945 widmeten, kam das Wort »Nationalsozialismus« genau einmal vor – im Kontext eines Organisationsnamens. Der Ausschluss der Juden aus dem deutschen Fußball und die Rolle, die der DFB und seine Vereine dabei spielten, blieben unerwähnt. Julius Hirsch tauchte in einem Spielkader auf, die Ermordung des jüdischen Nationalspielers war indes keiner Erwähnung wert. Ähnlich wurden auch andere jüdische Aktivisten behandelt: Ihr Name wird genannt, nicht aber ihre jüdische Identität und ihr Schicksal.

Werder Bremen hatte mit Alfred Ries einen jüdischen Präsidenten, der während der NS-Zeit aus Deutschland flüchten musste. Nach dem Krieg kehrte er zurück und war Werders Präsident bei der ersten Deutschen Meisterschaft 1965. Trotzdem geriet er in Vergessenheit. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Ich bin mir nicht sicher, ob Antisemitismus dabei eine Rolle gespielt hat. Aus dieser Zeit sind auch Präsidenten anderer Fußballklubs zwischenzeitlich weitgehend in Vergessenheit geraten.

Im Fall Ries könnte ein Grund gewesen sein, dass ihm nach dem Krieg vorgeworfen wurde, er habe mit den Nationalsozialisten kollaboriert…

Was den Fall Ries anbelangt: Jüngste Recherchen von Arthur Heinrich (Politikwissenschaftler, Anm. d. Red.) enden ergebnisoffen. Man müsste aber ohnehin berücksichtigen, dass sich ein jüdischer Bürger hier in einer völlig anderen Situation befand als ein sogenannter arischer Bürger.

Sie haben 2011 das Fußballbuch des Jahres geschrieben: „Der FC Bayern und seine Juden“. Darin spielt der frühere Bayern-Präsident Kurt Landauer eine wichtige Rolle. Auch er war in Vergessenheit geraten. Gibt es noch mehr Parallelen zwischen Landauer und Ries?

Alfred Ries ist zweifelsohne eine sehr wichtige Person in der Geschichte Werders - ähnlich wie Kurt Landauer beim FC Bayern. Aber er hat auch - ebenfalls wie Landauer - über die Grenzen seines Vereins hinaus gewirkt – beim DFB als Presse- und Werbereferent wie als 2. Vorsitzender des DSB, Vorläufer des heutigen DOSB. Ähnlich wie Landauer ein energetischer Mann mit Visionen.

Landauer ist mittlerweile wieder sehr präsent. Es gibt eine Stiftung, die seinen Namen trägt. Kann Werder vom FC Bayern lernen, wie sich die Erinnerung an einen jüdischen Präsidenten aufrechterhalten lässt?

Soweit ich weiß, hat Werder hier schon einiges getan. So wird Ries beispielsweise im Wuseum gewürdigt. Es ist nur so: Alles, was der FC Bayern auf diesem Feld macht, erregt weitaus mehr Aufmerksamkeit. Und bekanntlich war es ein langer Weg, bis Landauer in der Erzählung der Bayern-Geschichte den ihm gebührenden Platz fand.

Warum hat das so lange gedauert?

Ich denke, die Einführung der Bundesliga war eine Art kulturelle Zäsur in den Köpfen. Erst recht, wenn es um den FC Bayern geht. Der hatte zwar bereits 1932 seinen ersten Meistertitel errungen, aber die nächste Meisterschaft wurde erst 1969 eingefahren. Nun regnete es aber Trophäen, worüber der FC Bayern vor Einführung der Liga in Vergessenheit geriet. Ich wurde 1956 geboren, wurde 1966 Fan des BVB. Was vor Einführung der Bundesliga war - das „Wunder von Bern“, Sepp Herberger, Fritz Walter - hat mich damals nicht die Bohne interessiert. Hinzu kommt: Zwischen 1945 und dem Ende der 1970er liegt eine Zeit, in der man über das Schicksal der Juden nicht gesprochen hat. Der Antisemitismus war mit den Nazis nicht verschwunden, sondern in den 1950ern und 1960ern noch sehr virulent. Als sich Landauer beim FC Bayern auf die Suche nach ehemaligen Mitgliedern begab, sprach er von „Nicht-Ariern“ - nicht von Juden. Das weitgehende Schweigen über die Vergangenheit war der Preis, den ein Jude zu zahlen hatte, um akzeptiert zu werden. Ich bin in einem bürgerlich-akademischen Haushalt aufgewachsen. Mein Vater war Offizier gewesen und wählte FDP. Meine Mutter auch. Eine Tante SPD, meine Großmutter später Grüne. Wir lebten in einer Arbeiterstadt. Sofern über Opfer des Nationalsozialismus geredet wurde, ging es um Sozialdemokraten und Kommunisten. Ganz im Hintergrund: eine anonyme Masse von Juden. Natürlich alles reiche Leute. 1978 störten dann Nazis eine Lesung des jüdischen Literaten Edgar Hilsenrath. Da war ich 19 - und erst jetzt begann ich, mich mit dem Schicksal der Juden und dem Antisemitismus zu befassen.

Inzwischen hat sich im deutschen Fußball diesbezüglich einiges getan. Gibt es neben dem FC Bayern noch mehr positive Beispiele für Erinnerungskultur?

Mittlerweile sehr viele. Und häufig geht dies auf die Initiative von Fans zurück. Ich weiß von entsprechenden Aktivitäten bei Hertha BSC, dem Hamburger SV, Mainz 05, Fortuna Düsseldorf, Eintracht Frankfurt, 1. FC Nürnberg, Schalke 04, Borussia Dortmund und Göttingen 05. Und diese Aufzählung ist mitnichten vollständig. Ganz wichtig in diesem Zusammenhang: die Initiative „NIE WIEDER! Erinnerungstag im deutschen Fußball“.

Das Interview führte Christoph Bähr.

Podiumsdiskussion

„Vergessene Vergangenheit? Jüdische Akteure im Fußball“ lautet der Titel einer Podiumsdiskussion, die das Fanprojekt Bremen, die Bürgerschaft und die Heinrich-Böll-Stiftung veranstalten. Am Donnerstag, 11. Januar, geht es ab 19 Uhr im Festsaal der Bremischen Bürgerschaft unter anderem um den jüdischen Werder-Präsidenten Alfred Ries und die Erinnerung an ihn. Zu Gast sind Werders Aufsichtsratschef Marco Bode, der Journalist und Buchautor Dietrich Schulze-Marmeling, der Historiker Marcus Meyer sowie Werder-Fan Fabian Ettrich, der an einer Broschüre über Ries mitgearbeitet hat. Moderiert wird die Runde von MEIN-WERDER-Reporter Christoph Bähr. Der Eintritt ist frei.

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