Krankenkasse kritisiert „Wildwuchs“ bei Behandlungszentren

AOK fordert strengere Qualitätsvorgaben für Kliniken

Berlin·Bremen. Der Bundesverband der Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) hat das Bund-Länder-Konzept zur Krankenhausreform als unzureichend kritisiert. Das im Dezember vorgelegte Eckpunktepapier enthalte viele „Leerstellen“ und lasse ein schlüssiges Handlungsprogramm für mehr Qualität in der Versorgung vermissen, bemängelte Uwe Deh, Vorstand des AOK-Bundesverbands, bei der gestrigen Präsentation des AOK-Krankenhaus-Reports 2015 in Berlin.
21.02.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
AOK fordert strengere Qualitätsvorgaben für Kliniken
Von Alexander Pitz
AOK fordert strengere Qualitätsvorgaben für Kliniken

AOK-Vorstand Uwe Deh

andrea katheder | fotografie, AOK (frei)

Der Bundesverband der Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) hat das Bund-Länder-Konzept zur Krankenhausreform als unzureichend kritisiert. Das im Dezember vorgelegte Eckpunktepapier enthalte viele „Leerstellen“ und lasse ein schlüssiges Handlungsprogramm für mehr Qualität in der Versorgung vermissen, bemängelte Uwe Deh, Vorstand des AOK-Bundesverbands, bei der gestrigen Präsentation des AOK-Krankenhaus-Reports 2015 in Berlin. „Wir brauchen mehr Stringenz und Verbindlichkeit bei den Qualitätsvorgaben“, forderte er. Andernfalls werde von der Reform nur „eine große Finanzspritze für die Kliniken“ übrig bleiben.

Die von der Krankenkasse vorgelegte Studie kommt unter anderem zu dem Schluss, dass es insbesondere bei den spezialisierten Behandlungszentren enorme Qualitätsunterschiede gebe. Jede Klinik dürfe sich Zentrum nennen, ganz unabhängig von der Qualität, die sie liefere. „Allzu oft sind das dann reine Türschild-Begriffe, die den Patienten in die Irre führen“, so Deh. Die Politik müsse daher dringend bundesweit einheitliche Standards für Qualität und Finanzierung von Behandlungszentren schaffen. Andernfalls sei die Gefahr groß, dass Kliniken im großen Stil zu Zentren erklärt würden, um zusätzliche Mittel aus den Beiträgen der Versicherten zu erhalten. „Wir müssen von dem Wildwuchs wegkommen, dass jedes Krankenhaus immer mehr komplizierte Fälle behandeln will, ohne dass es die nötigen Strukturen und die nötige Behandlungsroutine hat“, sagte der Kassenvorstand. Künftig müsse klar geregelt werden, dass Kliniken, die die speziellen Anforderungen an Zentren nicht erfüllten, bestimmte Behandlungen nicht mehr anbieten dürften.

Als vorbildliches Beispiel, wie eine Verbesserung der Versorgungssituation erreicht werden könne, nennt die AOK die von der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG) zertifizierten Krebszentren, die nachweislich „qualitativ hochwertige“ Arbeit leisteten. Die meisten zertifizierten Standorte in der Onkologie gibt es derzeit für Brustkrebs (335). „Die Überlebensrate von Patientinnen, die in von uns zertifizierten Brustkrebszentren behandelt wurden, liegt nach vier Jahren bei 90 Prozent“, versicherte Simone Wesselmann, Leiterin des Bereichs Zertifizierung der DKG. Bei den anderen Einrichtungen überlebten dagegen nur 83 Prozent. „Das Zertifikat hilft den Patienten bei der Orientierung in einer komplexen Versorgungslandschaft“, so Wesselmann. So müsse ein Brustkrebszentrum, das sich zertifizieren lassen wolle, etwa eine Mindestmenge von jährlich 50 Eingriffen pro Operateur nachweisen. Große Teile der Kliniken in Deutschland seien weit davon entfernt, diese Anforderungen zu erfüllen.

Jörg Friedrich, Forschungsbereichsleiter im Wissenschaftlichen Institut der AOK, wies darauf hin, dass beim Brustkrebs dennoch schon heute eine flächendeckend gute Versorgung gegeben sei. „Wenn alle Brustkrebs-Patientinnen in Zentren mit Zertifikat behandelt werden sollten, würde sich der durchschnittliche Anfahrtsweg wegen der guten Verteilung der Standorte lediglich von 14 auf 22 Kilometer erhöhen“, sagte der Experte. Für AOK-Vorstand Uwe Deh ist das der Beweis, dass ein „qualitätsorientierter Umbau“ der Strukturen möglich sei – man müsse ihn nur wollen. „Würde man nur die zertifizierten Zentren für die Behandlung vorsehen, hätten Patienten und gute Kliniken davon schnell einen Nutzen“, sagte er.

Olaf Woggan, Vorstandsvorsitzender der AOK Bremen/Bremerhaven, sieht das ähnlich. Das Phänomen der Zentrenbildung gebe es auch in Bremen, sagte er. Mit Qualitätssteigerung habe das oft nichts zu tun, in manchen Fällen gehe es nur um Marketing-Überlegungen. Ebenso gebe es aber positive Beispiele. „Die Brustzentren in Bremen leisten in der Tat gute Arbeit“, so Woggan. „Es wäre in der Hansestadt überhaupt kein Problem, Brustkrebs-Behandlungen nur dort anzubieten.“ Das böte nicht nur qualitative, sondern auch ökonomische Vorteile, ist Woggan überzeugt: „Dann muss man beispielsweise spezielle Apparate nicht mehrfach vorhalten.“

Karen Matiszick, Sprecherin des Bremer Klinikverbunds Gesundheit Nord (Geno), der zurzeit über sechs zertifizierte Krebszentren verfügt, begrüßte den Vorstoß der AOK. „Wir sind ebenfalls für einen vorsichtigeren Umgang mit dem Begriff Zentrum“, sagte sie. Sie halte es jedoch für schwierig, nicht zertifizierte Einrichtungen von der Behandlung auszuschließen. Schließlich gebe es auch kleine Kliniken, in denen gut gearbeitet werde.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+