Börsenaussicht

Ausblick auf die Wirtschaft in 2019

Zum Jahresende brach der Dax noch einmal ein. Für das kommende Jahr 2019 erhoffen sich die Experten mehr Klarheit nach dem Brexit.
28.12.2018, 21:49
Lesedauer: 7 Min
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Von Lisa Boekhoff und Benjamin Krieger

Turbulent ist es in den vergangenen Tagen an der Börse zugegangen. Zum Jahresende brach der Dax erneut ein und fiel am Donnerstag mit auf 10 279 Punkten auf den niedrigsten Schlusskurs seit November 2016. „Jetzt liegt die runde 10 000er-Marke näher als der Widerstand bei 11 000 Punkten“, kommentierte Analyst Konstantin Oldenburger vom Broker CMC Markets den Absturz. Im Dezember summieren sich die Einbußen des Dax seit Jahresbeginn jetzt auf fast 20 Prozent. Immerhin sorgte der letzte Handelstag mit einem Plus von 1,71 Prozent für Versöhnung.

Am Freitag war der allerletzte Handelstag eines schwierigen Börsenjahres – dem verlustreichsten Jahr seit der Finanzkrise 2008. Nach sechs Gewinnjahren in Folge mussten Anleger am deutschen Aktienmarkt 2018 herbe Verluste hinnehmen. Dabei hatte das Jahr hoffnungsvoll begonnen: Am 23. Januar stieg der deutsche Leitindex auf das historische Hoch von 13 596 Punkten. Doch nur gut zwei Wochen später war der Index bereits bis auf 12 000 Punkte eingebrochen.

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Aus Angst vor steigenden Zinsen in den USA zogen die Anleger die Reißleine. Signale der Entspannung im Handelskrieg zwischen den USA und China bescherten dann im Frühjahr eine vorübergehende Erholung. Doch ab Mitte Juni ging es an der Börse immer weiter bergab. Der US-chinesische Handelskrieg verschärfte sich wieder. Die Konjunktur zeigte Anzeichen der Ermüdung, vor allem im Wachstumsmotorland China. Der sich immer mehr zuspitzende Brexit, der Ausverkauf an der US-Technologiebörse Nasdaq und zeitweise auch die italienische Schuldenkrise trieben die Investoren in die Flucht. Bei aller Kursschwäche gab es aber doch bei einzelnen Aktien für Anleger durchaus einiges zu gewinnen.

Mehr Klarheit im ersten Halbjahr 2019

Chefvolkswirt Christian Lips von der NordLB sieht die globale Wirtschaft derzeit an einer Weggabelung stehen. „Allerdings warnen wir auch vor einem verfrühten Alarmismus. Schließlich können sich die Erwartungen wieder verbessern.“ Im ersten Halbjahr 2019 verspricht er sich mehr Klarheit in Sachen Handelskonflikt und Brexit. Dieser Ansicht ist auch Sascha Otto, Börsenexperte der Sparkasse Bremen, der ebenfalls Lösungen für einige politische Probleme erwartet, die zuletzt die Märkte unter Druck gesetzt hätten. Im Rückblick, bewerten die beiden, hätten sie die Auswirkungen des Handelskonflikts und des Brexits auf Deutschland zu Beginn des Jahres unterschätzt.

„Die Eskalation des Handelskriegs – geschürt durch den US-Präsidenten Donald Trump – hatten wir so nicht erwartet. Auch unsere Hoffnungen auf einen Sieg der Vernunft beim Brexit hat sich zumindest bis jetzt noch nicht erfüllt“, sagt Lips. Die „chaotische Diskussion in Großbritannien über die verschiedenen Brexitvarianten“ und die „aggressive Politik unter Donald Trump“ hätten einen großen Anteil an der Stimmungseintrübung und schwächeren Wirtschaftsentwicklung. „Gerade der protektionistische Kurs der US-Regierung war so nicht abzusehen“, sagt Otto.

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Statt einer harten Landung geht Ludwig Blomeyer, verantwortlich für die Firmenkunden in der Geschäftsleitung der Deutschen Bank Bremen, insgesamt für 2019 nun „eher von einer Verlangsamung des Wachstums“ aus. Wie sich die Wirtschaft entwickelt? Was an den Märkten los sein wird? Wie sich die Anleger verhalten sollten? Im Konjunkturausblick für 2019 geben fünf Experten der Banken aus Bremen und Niedersachsen ihre Einschätzungen.

Christian Lips

Nachdem die deutsche Wirtschaft 2017 noch auf der Überholspur unterwegs war, haben zuletzt immer mehr Bremslichter aufgeleuchtet: Die Wirtschaft hat einen Spurwechsel vollzogen und wird sich vorerst mit geringerem Tempo entwickeln. Aktuell sprechen alle wichtigen Frühindikatoren für eine verlangsamte Konjunkturentwicklung 2019. Mit einer Normalisierung der Pegelstände und einer Beseitigung des Zertifizierungsstaus bei PKW sollte die Wirtschaft zwar zu einem moderaten Wachstum zurückfinden. Neben den Problemen in der Auto- und Chemiebranche dämpften zuletzt aber auch Kapazitätsengpässe und das zunehmend unsichere globale Umfeld.

Bei einem Ausbleiben großer Schockereignisse dürfte die Wirtschaft 2019 real um 1,3 Prozent wachsen. Unterstützung erwarten wir vom privaten Konsum, der von einer anhaltend guten Arbeitsmarktentwicklung und einer wieder etwas niedrigeren Inflationsrate profitiert. Zudem ist bei anstehenden Tariflohnverhandlungen mit hohen Abschlüssen zu rechnen. Zumindest vorübergehend erwarten wir eine Phase der Investitionszurückhaltung, bedingt durch die erhöhten globalen Risiken und das eingetrübte Sentiment auf wichtigen Exportmärkten.

Wo steht der Dax Ende 2019? Der Aktienmarkt befindet sich infolge der globalen Risiken in schwerer See. Grundsätzlich scheinen deutsche Aktien nach den Kursrückschlägen nicht gerade überteuert. Sofern der Konjunktur eine weiche Landung gelingt, halten wir einen Aufholeffekt in Richtung 12 600 Punkte durchaus für möglich.

Andreas Setzer

Das Jahr 2019 wird ein Börsenjahr mit vielen Gesichtern: Handelskonflikte, Brexit, Italien und Notenbank-Entscheidungen dürften die Märkte wohl weiterhin in Atem halten und auch für eine schwankungsreiche Börsenentwicklung sorgen. Zwar spricht der fortgesetzte wirtschaftliche Aufschwung grundsätzlich für Aktien als Anlageklasse, die nachlassende Konjunkturdynamik dürfte das Ausmaß für Kursgewinne in 2019 aber begrenzen. Doch Chancen gibt es immer. Offene Immobilienfonds sollten ihren Höhenflug weiter fortsetzen, zumal sie im Vergleich zu Direktanlagen über „stille Performance-Reserven“ verfügen. Sie bleiben erste Wahl für den konservativen Investor.

Ruhe bewahren

Zudem gilt weiter, die eigene Geldanlage breit zu diversifizieren – so lassen sich unnötige Risiken vermeiden oder reduzieren. Stellschrauben im Portfolio sollten regelmäßig nachjustiert werden, denn hektischere Schwankungen erfordern schnellere Reaktionen. Für das Jahr 2019 gilt mehr denn je: Bleiben Sie nah dran am Marktgeschehen und lassen Sie sich gut informieren. Als Bremer Hanseaten bewahren wir zudem wie gewohnt unsere Ruhe und Aufmerksamkeit.

Wo steht der Dax Ende 2019? Der Dax wird sich 2019 in einer Spanne von 10 000 bis 12 000 – mit einem kleinen Kursplus zum Jahresende – bewegen. Denn statt des großen Zugs nach oben werden viel Bewegung und damit erforderliche taktische Schwenks das nächste Dax-Jahr prägen.

Sabine Niemeyer

Das Jahr 2019 bleibt herausfordernd. Vor allem die Politik dürfte zu noch größeren Schwankungen an den Kapitalmärkten führen. Blickt man auf Aktien, können dennoch solide Unternehmensgewinne und günstige Bewertungen ein gutes Umfeld für moderat steigende Aktienkurse bieten. Nach fast zehn Jahren steigender Kurse reagieren die Anleger mittlerweile sensibler. Bei einem langfristigen Anlagehorizont aber ist es wichtig, sich nicht von kurzfristigen Marktereignissen verunsichern zu lassen. Für Renten dürfte sich die Situation 2019 kaum verbessern. Im Gegenteil: In den USA und der Eurozone ist im Zuge einer insgesamt positiven Konjunkturentwicklung mit weiter steigenden Anleihezinsen und dementsprechend sinkenden Kursen zu rechnen. Im Portfoliokontext spielen Renten zur Streuung der verschiedenen Geldanlagen dennoch eine wichtige Rolle.

In den USA sollte der Inflationsdruck 2019 erhalten bleiben. Das ist eine Folge der Vollbeschäftigung, kombiniert mit einer lockeren Steuerpolitik und Strafzöllen. In der Eurozone könnte die Inflation rund zwei Prozent erreichen. Für die Inhaber von Sparbüchern und Festgeldern bedeutet das ein zusätzliches Jahr mit Verlusten. Ein Ende der Niedrigzins-Phase ist bestenfalls fern am Horizont erkennbar. Langfristig orientierte Kapitalanleger sollten in diesem Umfeld zu Anlageinstrumenten greifen, bei denen eine positive Rendite erwartet wird: Aktien, Finanzinstrumente mit Kapitalschutz oder Immobilieninvestments.

Wo steht der Dax Ende 2019? Den Dax sehen wir bei 12 300 Punkten.

Sascha Otto

Zum Ende des Jahres 2018 präsentierten sich die Aktienkurse stark angeschlagen. Dies lag vor allem an politischen Themen. Auch 2019 werden der Handelskonflikt zwischen den USA und China und insbesondere der Brexit die Märkte weiter beschäftigen. Den Unternehmen selbst geht es noch sehr gut, allerdings haben sich vor allem die Aussichten etwas eingetrübt. Mit einer Rezession rechne ich jedoch auch 2019 nicht. Vielmehr dürfte die Wachstumsrate in Deutschland bei rund 1,5 Prozent liegen und damit leicht unter dem Wert von 2018. Diese leicht gedämpfte konjunkturelle Entwicklung wird dazu führen, dass die EZB keine große Zinswende einläuten wird. Die Sparer müssen hierzulande also weiterhin mit niedrigen Zinsen leben. Da die Inflation aber erneut bei knapp zwei Prozent liegen wird, gibt es keine Alternative zur Anlage in Wertpapieren oder Immobilien.

Für den Aktienmarkt bleibe ich optimistisch. Bereits im Januar kann es zu einer Entscheidung in den Brexit-Verhandlungen kommen. Auch eine weitere Eskalation im Handelskonflikt sehe ich derzeit nicht. Wir gehen also davon aus, dass sich die Aktienmärkte weltweit zum Anfang des Jahres erholen werden, da wir eine Lösung in einigen politischen Themen erwarten, welche die Märkte zuletzt deutlich unter Druck gesetzt haben. Danach scheint das Potenzial hingegen ausgeschöpft.

Wo steht der Dax Ende 2019? Insgesamt wird 2019 kein Selbstgänger, nach den jüngsten Rückschlägen gibt es aber wieder Raum für Optimismus. Den Dax sehen wir bei etwa 11 500 Punkten.

Lars Köhler

Geopolitische Unsicherheiten dämpfen das Wachstum der globalen Wirtschaft. Insbesondere der Handelskonflikt zwischen den USA und China trübt die Investitionsfreude – inzwischen auch bei Unternehmen in Deutschland. Im Jahr 2019 dürfte der transatlantische Freihandel ins Trump’sche Visier geraten. Spannungen in der europäischen Haushaltspolitik und die fehlenden Entscheidungen zum Brexit verbreiten ebenfalls keine gute Stimmung. Die Wachstumsraten werden aufgrund guter Binnennachfrage aber lediglich abflachen, nicht einbrechen.

Zinswende fällt aus

Die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank wird expansiv bleiben, eine Erhöhung des Einlagenzinses ist für das letzte Quartal des Jahres 2019 möglich. Eine echte Zinswende wird für den Euro erneut ausfallen. Die Fed wird mit weiteren Zinserhöhungen die Geldpolitik für den US-Dollar weiter straffen, jedoch aufgrund der hohen Verschuldung in den USA vermehrt auf Konfrontationskurs zur US-Konjunktur geraten. Damit hält die Fed einen wichtigen Schlüssel für das Börsenjahr 2019 in der Hand. Trotz geringerem Wirtschaftswachstum sehen wir bei den Unternehmen Chancen für ein moderates Gewinnwachstum.

Wo steht der Dax Ende 2019? Den Dax sehen wir zum Jahresende 2019 bei 11 900 Punkten. Es gibt also auch unter den veränderten Rahmenbedingungen Chancen. Schlüsselfaktoren für den Anlageerfolg werden Aktivität und gute Selektion sein.

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