Corona zieht Bremens Wirtschaft nach unten

Jeder dritte Beschäftigte in Kurzarbeit

Die Milliarden-Rücklagen für das Kurzarbeitergeld werden wohl nicht ausreichen. Denn die Zahl der Kurzarbeit ist auf einem „historischen Hoch“. In der Arbeitsagentur spricht man von einer Wirtschaftskrise.
04.06.2020, 05:30
Lesedauer: 3 Min
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Von Florian Schwiegershausen und Jürgen Hinrichs

Bremen. Im Bezirk der Arbeitsagentur Bremen-Bremerhaven sind noch nie so viele Erwerbstätige in Kurzarbeit gewesen. Der Leiter der Arbeitsagentur, Joachim Ossmann, sieht die Zahl auf „einem historischen Hoch“. So sagte er es am Mittwoch bei der Präsentation der aktuellen Arbeitslosenstatistik. Demnach haben im Bezirk der Arbeitsagentur, zu dem Bremen, Bremerhaven und der Landkreis Osterholz gehören, bis Ende Mai 7665 Betriebe Kurzarbeit angezeigt. Davon betroffen sind 157 288 Arbeitnehmer. Auf die Gesamtzahl umgerechnet entspricht das laut Arbeitsagentur jedem dritten Arbeitnehmer.

Dabei hat die Kurzarbeit nahezu alle Branchen erfasst – besonders aber die Automobil- und die Stahlindustrie, den Groß- und Einzelhandel, die Logistik sowie das Hotel- und Gaststättengewerbe. Ob von den Betrieben tatsächlich alle in Kurzarbeit gegangen sind, weiß die Arbeitsagentur erst mit Verzögerung: dann, wenn die Betriebe ihre Listen einreichen, um die Kurzarbeit abzurechnen. Deutschlandweit gibt es laut Bundesarbeitsagentur Kurzarbeitsanzeigen für knapp zwölf Millionen Beschäftigte. Auch hier heiße das nicht, dass diese Menschen auch alle kurzarbeiten werden.

Nach vorläufigen Hochrechnungen haben im März tatsächlich mehr als zwei Millionen Arbeitnehmer konjunkturelles Kurzarbeitergeld erhalten. Der Rekord vor der Corona-­Krise stammt vom Mai 2009, als in der Finanzkrise 1,44 Millionen Menschen in Kurzarbeit waren. Die Bundesarbeitsagentur rechnet für April mit sechs Millionen Kurzarbeitern. Das würde bedeuten, dass mehr als jeder siebte Erwerbstätige in Kurzarbeit wäre und damit weniger als in Bremen und umzu. Laut Arge-Chef Detlef Scheele wird wohl die Rücklage für das Kurzarbeitergeld in Höhe von 26 Milliarden Euro nicht ausreichen. Notfalls muss der Bund Geld nachschießen, denn jeder Betrieb hat ein Recht auf Kurzarbeit.

So wie die Zahl der Kurzarbeiter hat im Land Bremen auch die Zahl der Arbeitslosen zugenommen. Die Arbeitslosenquote stieg gegenüber dem Vormonat um 0,4 Punkte auf 11,4 Prozent. Verglichen mit Mai 2019 ist das ein Plus von 1,4 Punkte. Einen Jahreswert auf diesem Niveau gab es zuletzt 2011. Auf die Stadt Bremen heruntergebrochen stieg die Quote im Mai gegenüber April ebenfalls um 0,4 Punkte auf 10,8 Prozent. In Bremerhaven liegt die Arbeitslosenquote bei 14,5 Prozent. Insgesamt stieg in Niedersachsen die Arbeitslosenquote von April auf Mai um 0,3 Punkte auf sechs Prozent. Im Mai 2019 lag die Quote bei fünf Prozent.

„Wir stecken in einer ernsten Wirtschaftskrise“, sagt Bärbel Höltzen-Schoh, Regionalchefin der Arbeitsagentur Niedersachsen-Bremen, zu den Folgen der Schließungen und Unterbrechungen der Geschäftstätigkeit während des Lockdowns. „Die Frühjahrsbelebung ist ausgefallen.“ Es komme auch zu Entlassungen, während Neueinstellungen fehlten.

Ebenso nahm in Bremen die Zahl der Insolvenzanträge zu. Laut Bremer Amtsgericht stieg sie im Mai gegenüber dem Vorjahresmonat um acht auf 40. Unter den Antragstellern befinden sich deutlich mehr Firmen als Solo-­Selbstständige als noch im Mai 2019.

Der Hauptgeschäftsführer der Unternehmensverbände im Lande Bremen, Cornelius Neumann-Redlin, sagte angesichts dieser Entwicklung: „Als Momentaufnahme sind diese Zahlen zutiefst ernüchternd. Gleichwohl ist zu hoffen, dass die erfolgten Corona-Lockerungen, die ich für absolut richtig halte, schnell ihren Niederschlag auf dem Arbeitsmarkt finden werden und es wieder zu Neueinstellungen kommen wird.“

Für Bremens Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt (Linke) sind die Zahlen keine Überraschung. Sie sieht dabei aber die schwierige Situation für die Betroffenen: „Ich hoffe sehr, dass wir durch die Sofortmaßnahmen, Überbrückungsgelder und das Konjunkturprogramm den Trend abmildern können. Es wird auch darauf ankommen, dass wir die Mittel des Bremen-Fonds so einsetzen, dass entsprechende Arbeitsplatzeffekte entstehen.“ Außerdem liefen weiterhin Gespräche mit Arbeitgebern und Kammern für einen neuen Ausbildungspakt.

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