Spaniens Jugend

"Generation Null" hat in der Heimat keine Chance

"Wir müssen zwischen Arbeitslosigkeit, Unsicherheit oder Exil wählen", beschreibt die spanische Studentin Ema Zelikovitch die Lage vieler junger Leute in Spanien, die nach ihrer Ausbildung auf der Straße stehen. "Das schlimmste an dieser Situation sind Verzweiflung und Enttäuschung", sagt sie.
21.08.2015, 00:00
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Von Ralph Schulze
"Generation Null" hat in der Heimat keine Chance

Arbeitslose stehen in einer langen Schlange vor einem Jobcenter in der spanischen Hauptstadt Madrid.

dpa

"Wir müssen zwischen Arbeitslosigkeit, Unsicherheit oder Exil wählen", beschreibt die spanische Studentin Ema Zelikovitch die Lage vieler junger Leute in Spanien, die nach ihrer Ausbildung auf der Straße stehen. "Das schlimmste an dieser Situation der jungen Generation sind Verzweiflung und Enttäuschung", sagt die Studentin. Wenn das Studium abgeschlossen sei, tue sich oftmals ein großes Loch auf – es scheine, als seinen alle Mühen umsonst gewesen.

Jeder zweite junge Spanier unter 25 Jahren ist arbeitslos. Eine soziale Katastrophe, die rund 800.000 Menschen im Land betrifft. Hunderttausende junge Menschen haben inzwischen, mangels Hoffnung und Perspektiven, die Koffer gepackt und ihrer Heimat den Rücken gekehrt.

„Wir gehen nicht, sondern sie werfen uns raus“, lautet der Protestruf der Bürgerinitiative „Juventud sin Futuro“ (Jugend ohne Zukunft). Viele junge Leute müssen gezwungenermaßen in die Welt ziehen, „weil sie keine andere Wahl haben“, beklagt diese Selbsthilfegruppe. Die Emigration Richtung Deutschland, England oder Lateinamerika biete zumindest „eine Chance, sich den Lebensunterhalt zu verdienen, was in Spanien nicht möglich ist“.

Das Drama der verlorenen jungen Generation hat sogar den Stoff für einen erfolgreichen Kinofilm geliefert: Die spanische Komödie „Perdiendo el norte“ (Die Orientierung verlieren) erzählt eine Geschichte, wie sie sich südlich der Pyrenäen tausendfach abspielt: Zwei gut ausgebildete Jungakademiker, ein Wissenschaftler und ein Volkswirt, verlassen Spanien in Richtung Berlin, um dort ihr Glück zu suchen. Die beiden sind freilich ziemlich blauäugig und ohne Deutschkenntnisse – was nicht untypisch ist und die Jobsuche in der Bundesrepublik ziemlich erschwert.

In Spanien werden diese jungen Verzweifelten „Generation Null“ genannt, weil sie keine Einnahmen, keine Arbeitschancen und keine Hoffnung haben. Dazu gehört auch die 25-jährige Patricia Ceballos, die über sich selbst sagt: „Ich bin eine der vielen Krankenschwestern, die gezwungen waren, Spanien zu verlassen, um in England eine würdige Arbeit zu finden.“ Sie würde nach fast zwei Jahren fern der Heimat gerne zurückkommen, aber das sei bei den „elenden Bedingungen“ zu Hause nicht möglich. Wie ihr gehe es vielen – „und das lässt bei uns allen Frustration und Wut aufkommen“.

Einen kleinen Lichtblick gibt es aber: Die Jugendarbeitslosigkeit ist erstmals seit Jahren wieder knapp unter die 50-Prozent-Marke gefallen. Laut EU-Statistikbehörde Eurostat betrug die Beschäftigungslosigkeit bei der aktiven Bevölkerung unter 25 Jahren zuletzt rund 49 Prozent – 2013 waren es noch 57 Prozent gewesen.

Spaniens konservativer Regierungschef Mariano Rajoy, der angesichts seines andauernden Popularitätstiefs händeringend nach guten Nachrichten sucht, nennt diese leichte Verbesserung am Jobmarkt eine „exzellente“ Entwicklung und träumt schon vom Ende der spanischen Beschäftigungskrise. Zumal auch die generelle Arbeitslosigkeit langsam abnimmt und nun bei 22 Prozent statt wie früher bei 26 Prozent liegt – immer noch mehr als doppelt so hoch wie der EU-Durchschnitt.

Glücklicherweise ist der jahrelang stotternde Wirtschaftsmotor wieder angesprungen, vor allem dank des boomenden Urlaubsgeschäfts im Sonnenland. Die meisten neuen Jobs werden im Tourismus geschaffen. Doch das sind keine stabilen Arbeitsplätze, sondern unsichere Saisonjobs. Junge Ingenieure, Naturwissenschaftler oder Lehrerinnen, die mangels qualifizierter Angebote als Kellner, Küchenhilfe oder Zimmermädchen zu einem niedrigen Lohn schuften, sind vielerorts zu finden.

Millionenschwere Beschäftigungsprogramme, die von der EU unterstützt werden, sollen nun beim Jobaufschwung helfen. So gibt es etwa finanzielle Anreize für Arbeitgeber, die Jugendliche einstellen. Außerdem werden Start-ups vom Staat unterstützt. Junge Arbeitslose, die sich als Firmengründer versuchen wollen, können ihr Arbeitslosengeld auf einen Schlag kassieren und das Geld direkt in ihre neue Existenz investieren.

Zudem wurden Tarifverträge und Kündigungsschutz aufgeweicht. Was viele Arbeitgeber nutzen, um Zeitkräfte zu Dumpinglöhnen einzustellen, die sie von heute auf morgen wieder feuern können. Aus den „Mileuristas“, jenen rund 50 Prozent der spanischen Arbeitnehmer, die nur 1.000 Euro brutto im Monat verdienen, wird zunehmend die Schicht der „Ni-Mileuristas“, die deutlich weniger als 1.000 Euro verdienen. Ein Drittel aller Beschäftigten muss sich inzwischen mit dem Mindestlohn von 649 Euro begnügen. Bei den bis zu 25-Jährigen sind es gar 75 Prozent, die mit diesem Mini-Lohn abgespeist werden.

Deswegen glaubt der 29 Jahre alte Alberto Garzón, der als Spaniens jüngster Parlamentsabgeordneter die Probleme der Jugend gut kennt, auch nicht an ein schnelles Ende des spanischen Jobdramas. Der leichte Aufschwung am Arbeitsmarkt, sagt der Sprecher der Oppositionspartei „Vereinigte Linke“, sei vor allem der Schaffung prekärer Beschäftigungsverhältnisse zuzuschreiben. Von dem Verdienst könne die Mehrheit jedoch nicht würdig leben.

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