DAK-Studie: Ärzte verschreiben häufig Medikamente ohne Mehrwert für Patienten

Hälfte neuer Arzneimittel ohne Zusatznutzen

Berlin. Der CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn sieht darin eine „kleine Revolution“, die Pharmalobby hingegen hält es für eine „Innovationsbremse“: das 2011 in Kraft getretene Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz (Amnog). Die Novelle sieht vor, dass Unternehmen nur noch für Medikamente mit nachgewiesenem Zusatznutzen einen höheren Preis verlangen dürfen.
18.02.2015, 00:00
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Hälfte neuer Arzneimittel ohne Zusatznutzen
Von Alexander Pitz
Hälfte neuer Arzneimittel ohne Zusatznutzen

DAK-Chef Herbert Rebscher

DPA

Der CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn sieht darin eine „kleine Revolution“, die Pharmalobby hingegen hält es für eine „Innovationsbremse“: das 2011 in Kraft getretene Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz (Amnog). Die Novelle sieht vor, dass Unternehmen nur noch für Medikamente mit nachgewiesenem Zusatznutzen einen höheren Preis verlangen dürfen. Zuvor konnten die Hersteller den Preis frei bestimmen. Inzwischen werden neue verschreibungspflichtige Arzneimittel auf ihren zusätzlichen Therapienutzen hin überprüft. Die Ergebnisse sind Grundlage für die Preisverhandlungen zwischen Pharmakonzernen und Krankenkassen.

Aber ist diese von Schwarz-Gelb angestoßene Reform ein Erfolg? Mit dieser Frage hat sich eine aktuelle Studie der DAK-Gesundheit befasst. Die Kasse kommt zu dem Schluss, dass das Gesetz zwar „sozialpolitisch erfolgreich und sinnvoll“ sei, aber noch Schwachstellen habe.

Das Amnog nutzt den Patienten, weil echte Innovationen von Scheininnovationen unterschieden und überhöhte Preise gedämpft werden können“, sagte DAK-Chef Herbert Rebscher gestern bei der Präsentation der Studienergebnisse in Berlin. Längst nicht alle Medikamente, die auf den Markt kämen, bedeuteten einen echten Fortschritt in der Therapie. So weise nur jedes zweite neue Mittel einen zusätzlichen Nutzen für die Patienten auf. Das habe die Auswertung der DAK ergeben. Problematisch sei jedoch, dass die durch die Testergebnisse gewonnenen Erkenntnisse von den verschreibenden Ärzten kaum beachtet würden. „Es kommt vor, dass Präparate ohne Zusatznutzen beachtliche Verordnungszahlen und -zuwächse erreichen“, kritisierte Rebscher. Als Beispiel wird in der Studie unter anderem ein Mittel gegen Multiple Sklerose namens Fampyra erwähnt. Obwohl im Vergleich zu konventionellen Medikamenten kein Therapiefortschritt festgestellt worden sei, habe sich der Umsatz in den beiden Jahren nach der Nutzenprüfung verzehnfacht. Aus Rebschers Sicht ein Unding. „Es muss uns gelingen, die Resultate der wissenschaftlichen Bewertung in die Köpfe der Ärzte zu bekommen“, sagte er. Weshalb das bislang nicht gelinge, darüber könne er nur spekulieren.

Der Medizinprofessor Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, macht das „aggressive Marketing“ der Pharmaunternehmen für die Ungereimtheiten bei der Verschreibungspraxis verantwortlich. Fachzeitschriften würden oftmals von den Konzernen gesteuert, zudem gebe es jede Menge gesponserte Fortbildungen, bei denen einseitige Informationen verbreitet würden. „Das führt dazu, dass kritische Testergebnisse bei vielen Ärzten gar nicht ankommen“, so Ludwig. Das sei ein „riesiges Manko“, das einen intelligenten Umgang mit dem Amnog verhindere.

„Das Amnog ist ein lernendes System“, räumte CDU-Politiker Jens Spahn ein. Das Gesetz bedeute jedoch das „Ende der Mondpreise für Medikamente“ und sei daher ein großer Erfolg. Ganz anders sieht das der Verband der forschenden Arzneimittelhersteller (VfA), der eine einseitige Ausrichtung auf Kostendämpfung beklagt. „Eine stärkere Beachtung der Versorgungsqualität ist überfällig“, sagte VfA-Hauptgeschäftsführerin Birgit Fischer. Eine Refinanzierung der milliardenteuren Arzneimittelforschung sei nicht mehr gewährleistet, wenn hierzulande die Preise für neue Medikamente unter den europäischen Durchschnitt sinken würden.

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