Experten fordern mehr Aufmerksamkeit für Senioren

Hohe Suizidgefahr im Alter

Laut Statistik haben in der Bundesrepublik vor allem ältere Menschen ein hohes Suizidrisiko. Nach Ansicht führender Fachleute müssen Vorsorge und Betreuung dringend verbessert werden, damit sich das Problem nicht verschlimmert.
12.03.2015, 00:00
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Hohe Suizidgefahr im Alter
Von Alexander Pitz

Laut Statistik haben in der Bundesrepublik vor allem ältere Menschen ein hohes Suizidrisiko. Nach Ansicht führender Fachleute müssen Vorsorge und Betreuung dringend verbessert werden, damit sich das Problem nicht verschlimmert.

Seit einigen Jahren steigt die Zahl der Suizide in Deutschland tendenziell wieder an. Allein im Jahr 2013 nahmen sich 10 076 Menschen das Leben. Besonders beunruhigt sind Ärzte, Experte und Forscher über die auffallend hohe Suizidgefahr bei älteren Personen. Das Nationale Suizidpräventionsprogramm und die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention (DGS) haben ein gemeinsames Memorandum mit dem Titel „Wenn alte Menschen nicht mehr leben wollen“ verfasst, um auf die besorgniserregende Entwicklung aufmerksam zu machen.

Die Zahlen sind in der Tat eindeutig. Der Anteil der über 65-Jährigen an der deutschen Bevölkerung liegt bei gut einem Fünftel, doch geschehen in dieser Altersgruppe rund 35 Prozent aller Selbsttötungen – Tendenz steigend. „Wegen des demografischen Wandels und aufgrund des hohen Suizidrisikos im Alter werden wir künftig noch mehr mit selbstmordgefährdeten alten Menschen konfrontiert werden“, warnte die Medizinprofessorin und DGS-Vorsitzende Barbara Schneider am Mittwoch in Berlin. „Dem wird sich die Gesellschaft verantwortungsvoll stellen müssen.“ Ältere Menschen gehörten zu den „Hochrisikogruppen für Suizide“.

„Der Suizid trägt die Handschrift des Alters“, bestätigte der Psychotherapeut Reinhard Lindner, Mitglied des Nationalen Suizidpräventionsprogramms. Der Anteil der Älteren steige kontinuierlich. Besonders Männer seien betroffen. Gerade wenn das Altwerden mit gesundheitlichen Schwierigkeiten und Beziehungsproblemen verbunden sei, fassten nicht wenige Personen den Gedanken, ihrem Leben ein Ende zu setzen. „Suizidalität ist aber selbst im hohen Alter gut therapierbar – entgegen aller Vorurteile“, so der Experte. Er wolle daher einen „öffentlichen Diskurs“ über das Thema anregen. Es müsse viel mehr für eine effektive Suizidprävention im Alter getan werden – zum Beispiel durch gezielte Schulungen für Ärzte, Sozialarbeiter oder Pfleger. Zudem gelte es, Betroffene besser über die Vielfalt der Behandlungsmöglichkeiten zu informieren. Psychotherapie, Beratung, Krisenintervention und Seelsorge könnten alten Menschen helfen, die sich mit Selbstmordgedanken trügen. Doch nicht nur Profis, sondern auch Angehörige und Freunde seien gefragt, wenn sich eine betagte Person isoliere und vereinsame.

In die aktuelle Sterbehilfedebatte wollen sich allerdings weder die DGS noch das Suizidpräventionsprogramm mit einem eigenen Standpunkt einmischen. In dem Memorandum ist lediglich zu lesen, dass Prävention und medizinische Versorgung „Vorrang“ hätten. Einig sind sich die Fachleute beider Organisationen aber darin, dass der von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) geplante Ausbau der Betreuung und Begleitung sterbender Menschen in der Hospiz- und Palliativmedizin bei Weitem nicht ausreiche.

Gerd Feller, Sprecher der Bremer Seniorenvertretung, sieht auch in der Hansestadt Handlungsbedarf. Die Zahl der in Bremen registrierten Selbsttötungen lag im Jahr 2013 bei 88 Fällen. Allzu häufig, so Feller, seien Menschen über 65 betroffen. Deren Anteil erreichte in den vergangenen Jahren mitunter Werte bis knapp unterhalb der 40-Prozent-Marke. „Dass es viele Bremer Senioren gibt, die über ihre Situation klagen, ist eine Tatsache“, sagte Feller. Etliche Menschen kämen mit den Gebrechen des Alters und den damit einhergehenden Einschränkungen nicht zurecht. Wenn dann noch der Halt durch die Familie fehle, könne das bei den Betroffenen zu Selbstmordgedanken führen. Feller plädiert deshalb dafür, die „aufsuchende Altenarbeit“, ein spezielles Angebot für ältere und allein lebende Menschen, gezielt auszubauen. „Das müsste es in allen Bremer Stadtteilen geben“, so Feller. „Damit wäre schon vielen geholfen.“ Kommentar Seite 2

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