Am 17. Oktober ist in Bremen Schluss

Sag’ zum Kaufhof leise tschüss

Bremens Kaufhof öffnet für Kunden ein letztes Mal am 17. Oktober. Dann ist Schluss. Ein Animateur ähnlich wie im Ferienclub versucht Kunden zur Rabattschlacht zu bewegen - ein Streifzug durch leere Regale.
05.10.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Sag’ zum Kaufhof leise tschüss
Von Florian Schwiegershausen
Sag’ zum Kaufhof leise tschüss

Wo in der Galeria Kaufhof noch vor wenigen Wochen Herrenanzüge hingen, soll ein Absperrband die Kunden am Betreten hindern.

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„Alles muss raus – bis zu 80 Prozent Rabatt!“ Mit solchen Plakaten sind die Schaufenster und Türen der Galeria Kaufhof in der Bremer Innenstadt dichtgehangen. Sie dienen gleichzeitig als Sichtschutz, um die leeren Auslagen zu verdecken. Früher sollten die Schaufenster mit adrett drapierten Anzügen und Kleidern die Kunden ins Kaufhaus locken. Um das zu kompensieren, setzt der Bremer Kaufhof in den letzten Tagen seines Bestehens auf Animation wie im Ferienclub.

Ein junger Mann mit Schiebermütze, Nasen-Mundschutz und in der Hand ein Mikrofon steht an einem extra aufgebauten Stand nahe dem Eingang am Hanseatenhof. Einige Türen sind auf, damit draußen bloß keiner seine Ansagen überhört: „Jede dieser Uhren kostet zehn Euro. Die Armbänder sind aus Leder, oder bei dieser hier ist es ein Milanaisearmband, also dieses Metallarmband. Aber den Kennern unter Ihnen brauche ich das ja nicht zu erklären.“ Die Ansagen des Verkaufsanimateurs scheinen zu wirken.

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Es zieht die Kunden derart an den Verkaufsstand, dass an korrekten Corona-Abstand nicht zu denken ist. „Ein ganz schönes Modell haben Sie sich da ausgesucht“, lobt der Mann mit der Schiebermütze einen Kunden. Welcher Kunde hat bei solch aufmunternden Worten schon ein schlechtes Gewissen, wenn er genau dort einkaufen geht, wo in wenigen Wochen Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren?

Ansagen sollen Kunden zum Kauf animieren

Auch mit der Ansage, dass es die Uhren nur noch wenige Tage gebe, will der Mann am Mikrofon den Kaufanreiz verstärken: „Danach geht es in den Kaufhof nach Düsseldorf – aber wenn der schließt, gibt es in Düsseldorf ja noch zwei andere.“ Wenn die verbliebenen Mitarbeiter im Bremer Kaufhof solche Ansagen hören, dürften sie einen Kloß im Hals haben. Denn in Bremen gibt es eben nur einen Kaufhof, und nach dem 31. Oktober endet in der Hansestadt diese Warenhaus-Ära.

Tobias Uelschen, Gewerkschaftssekretär bei Verdi in Bremen, sagt: „Für die Kunden ist in gut zwei Wochen Schluss. Für sie schließt der Kaufhof nach dem 17. Oktober. In den restlichen zwei Wochen bis Ende Oktober wird das Haus leer geräumt.“ Allerdings gibt es schon jetzt nicht mehr viel Ware, die man dann ausräumen müsste. Wer sich als Kunde vom Schiebermützenmann ins Erdgeschoss hat locken lassen, kann sich an vielen Ecken nur noch ungefähr vorstellen, was dort mal als Ware gehangen hat. Die Vitrinen, hinter denen sich Markenuhren und Schmuck befanden, sind leer. Lediglich noch einige Swarowski-Uhren funkeln wie ein Fels in der Brandung sicher hinter Glas.

Zweite Etage fast leer geräumt

Die erste Etage ist bereits zur Hälfte leer, die zweite Etage fast leer. Notdürftig aufgehängtes rot-weißes Absperrband soll Kunden hindern, die Bereiche zu betreten, in denen nur noch leere Regale stehen. In der Spielwarenabteilung wartet noch eine Drachentöter-Playmobil-Figur auf ein neues Zuhause. Verdi-Gewerkschaftssekretär Uelschen erläutert: „Für die Liquidation ist ein externes Unternehmen beauftragt. Das hängt auch die Prozent-Plakate in die Schaufenster, räumt die Regale ab und transportiert sie weg.“ Die verbliebenen Mitarbeiter kümmern sich laut Uelschen lediglich um die Ware. Von den Artikeln aus dem regelmäßigen Aktionsprospekt hat der Kaufhof in den vergangenen Wochen längst keine Ware mehr erhalten.

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Den Medien sagen die Mitarbeiter nichts. Einer begründet, ihnen sei verboten worden, mit der Presse zu reden. Tobias Uelschen von Verdi hat folgenden Eindruck: „Die Mitarbeiter, die bis jetzt verblieben sind und auch bis zum Schluss bleiben, sind ein gutes Team und halten kollegial zusammen. Es ist vielleicht auch so, dass sie erst dann richtig realisieren, dass es das Ende ist, wenn sie am letzten Tag das Haus durch den Personaleingang verlassen haben.“ Wenn es dann so weit ist, endet hier nach 48 Jahren die Geschichte eines Kaufhauses mit einem Vollwarensortiment.

Jan Böhmermann: „Für viele Bremer ist das immer noch Horten.“

Erst neulich in einem Podcast zum 75. Geburtstag von Radio Bremen sagte der Moderator Jan Böhmermann: „Für viele Bremer ist das immer noch Horten.“ Denn als Horten wurde das Haus im September 1972 eröffnet. Daher rührt noch diese charakteristische Wabenoptik an der Außenwand, die typisch für die Horten-Häuser waren, damit man sie von weitem erkennen konnte. Ein Hingucker im Bremer Haus ist der Lichtbaum, der vom Keller bis in die vierte Etage hochrankt, und um den sich die Rolltreppen schlängeln.

1992 stockte Kaufhof seine Anteile an Horten auf und übernahm die Warenhauskette bis 1994 ganz. Damit zog auch das Galeria-­Shop-Konzept ins Haus ein: Die Waren wie beispielsweise Schuhe waren nach Marken sortiert. Es erweckte den Eindruck kleiner Shops innerhalb eines Warenhauses. Dieses Konzept erzeugte damals etwas Aufbruchstimmung. Und der nachträglich gebaute gläserne Panorama-Aufzug an der Außenfassade brachte die Kunden vom Parkdeck oben auf dem Dach direkt in die gewünschte Etage. Doch der Fahrstuhl ist seit Jahren defekt und steht fast sinnbildhaft dafür, dass in den letzten Jahren kaum ins Haus investiert wurde.

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Die Fahrt mit dem Auto auf das Parkdeck des Kaufhof-Dachs ist noch möglich. Wer von dort aber das Kaufhaus betreten möchte, muss zu Fuß die Fahrtrampe zurück eine Etage nach unten laufen, denn auf der höchsten Parketage ist die Tür zum Treppenhaus verschlossen und der Innenraum dort mit leeren Regalen vollgestellt. Vor 15 Jahren gab es hier im Sommer sogar eine Strandbar. Mit kühlen Getränken konnten die Besucher den Blick über die Dächer Bremens genießen.

Kunden pöbeln vor lauter Rabattrausch

Das war mal. So, wie der Bremer Kaufhof am 17. Oktober den letzten Tag geöffnet hat, ergeht es auch in Hamburg dem Kaufhof auf der Mönckebergstraße. Dort hingen die Mitarbeiter Zettel ins Schaufenster: „Wir werden unsere Kunden vermissen.“ Und: „Mit uns stirbt ein Stück Einzelhandel.“ Hätten die Kunden anfangs noch tröstende Worte dort gefunden, habe sich das nach einigen Wochen gewandelt. So berichtete Ines Reinhard, die Betriebsratsvorsitzende vom dortigen Kaufhof der „Hamburger Morgenpost“, dass es vor lauter Rabattrausch der Kunden sogar zu Pöbeleien gekommen sei: „Einige Kunden haben seit Beginn des Abverkaufs den Respekt vor den Mitarbeitern und der Ware verloren.“

Die Kollegen von Karstadt in Bremerhaven haben Aufschub erhalten. Das Haus schließt Ende Januar 2021. Was in allen Häusern trotz des Abverkaufs übrig bleibt, geht an einen Abnehmer. Der wird sich darum kümmern, wie die Ware an Sonderposten-Läden weitergeht. Der Edeka im Erdgeschoss und der Saturn in der dritten und vierten Etage werden bleiben. Im Gespräch ist, dass die ­leeren Etagen das Möbelhaus Opti beleben will. Dabei handelt es sich um ein Familienunternehmen aus Bayern. Als letzte Erinnerung an die Horten- und Kaufhof-Ära werden also die Lampen am Lichterbaum weiter leuchten.

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