Durch die Blockade am Suezkanal In zwei Wochen wird es eng an den deutschen Kaimauern

Wenn in zwei Wochen die verspäteten Schiffe vom Suezkanal in den deutschen Seehäfen ankommen, könnte es in den Containerterminals eng werden. Wie der Hapag-Lloyd-Chef und Bremer Logistiker die Lage einschätzen.
09.04.2021, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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In zwei Wochen wird es eng an den deutschen Kaimauern
Von Petra Sigge

Ab der 16. Kalenderwoche kann es vor allem an den Kaimauern im Hamburger Hafen eng werden, sagt Christoph Holtkemper. Grund ist die erst vor wenigen Tagen aufgelöste Blockade am Suezkanal. Holtkemper ist Geschäftsführer von Roland Umschlag im Bremer Güterverkehrszentrum. Dort werden Züge organisiert, die Container nach Wilhelmshaven und Hamburg bringen und dort auch Container abholen. Holtkemper sagt: „Die Seehäfen stehen schon jetzt voll mit Containern - eben auch mit den Containern, die für den Export bestimmt sind und jetzt auf die verspäteten Schiffe warten.“

Ab 19. April werden dann die verspäteten Schiffe vom Suezkanal erwartet. „Das wird vor allem den Hamburger Hafen betreffen“, sagt der Roland-Geschäftsführer, der gleichzeitig Schatzmeister bei der Bremischen Hafenvertretung ist. Für sein Unternehmen rechnet er ab der übernächsten Woche mit zusätzlichen Sonderzügen.

Holtkemper ergänzt: „Die verspäteten Schiffe kommen ja zusätzlich zu den nach Plan fahrenden Verkehren aus Nord- und Südamerika hinzu. Deshalb wird es wohl in Hamburg eng.“ Er wird sich in der kommenden Woche damit beschäftigten, was das für ihn und sein Team bedeutet. Doch vor allem in Rotterdam könnte es Probleme geben: „Das ist für viele Schiffe der erste Hafen in Europa. Das könnte nochmals zu weiteren Tagen Verzögerung führen.“

Wilhelmshaven statt Hamburg als Option

Um die Situation in Hamburg zu entzerren, so sagt Holtkemper, könnten die Schiffe ihre Importcontainer zum Beispiel auch in Wilhelmshaven abladen, weil es dort Kapazitäten gibt: „Danach fahren sie dann nach Hamburg und nehmen da die wartenden Exportcontainer auf. Das bedeutet für die Reeder zwar mehr Aufwand und kostet Geld, es wäre aber eine Möglichkeit.“

Der Hapag-Lloyd-Vorstandsvorsitzende Rolf Habben Jansen sieht aktuell jedoch keine Notwendigkeit dafür. Am Donnerstagabend sagte er bei einem Ausblick auf die kommenden Monate: „Wir gehen derzeit alle möglichen Optionen durch. Man kann nicht ad hoc ein Schiff auf einen anderen Hafen umleiten, weil dort Platz ist. An der Struktur der Umläufe wollen wir nichts ändern.“ Das gelte sowohl für die Schiffe von Hapag-Lloyd als auch für die Schiffe der Allianzpartner. Von der Suezkanal-Sperre sind neun Schiffe der Hamburger Reederei betroffen.

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Doch auch der Hapag-Lloyd-Chef sieht, dass die Verspätung durch die Blockade am Suezkanal die ohnehin angespannte Situation verschärft: „Jede Woche fehlt es an Kapazitäten, um alles transportieren zu können. Man bräuchte derzeit 20 Prozent mehr Container als gerade vorhanden sind.“

Schiffsraum knapp und Raten verdreifacht

Robert Völkl, Geschäftsführer vom Verein Bremer Spediteure, kann das bestätigen: „Die für die Containerschiffe notwendigen Leercontainer stehen bei Weitem nicht in der benötigten Zahl zur Verfügung.“ Zudem sei der Schiffsraum äußerst knapp: „Stellplätze müssen zum Teil viele Wochen vor der geplanten Schiffsabfahrt gebucht werden. Die Frachtraten haben sich teilweise verdoppelt und verdreifacht.“

Der Mangel an Leercontainern habe sich vor Ostern durch die fehlenden Ankünfte der Schiffe vom Suezkanal noch einmal verschärft. Laut Völkl werden die Containerterminals in den Häfen vor große Herausforderungen gestellt: „Ab einer bestimmten Zahl kann die eigentlich hohe Produktivität der Häfen nur noch eingeschränkt aufrechterhalten werden.“ Hapag-Lloyd-Chef Habben Jansen beobachtet ebenfalls eine kritische Situation in den größeren Häfen und nannte dabei Rotterdam. Misslich seien dabei auch die Einschränkungen, die der Pandemie geschuldet seien.

Völkl vom Verein Bremer Spediteure sieht begrenzte Kapazitäten bei Bahnen und Lkw: „Nicht jeder Container kann im gewünschten Zeitfenster abgefahren werden. Dabei warten die Industrie und der Handel teilweise händeringend auf ihre Waren aus Fernost.“ Das bedeute zusätzliche Lagergelder und anteilige Containermieten, die von den Reedereien berechnet werden. „Die Speditionsunternehmen sind mit ihren Teams auf das große Arbeitsaufkommen in den nächsten Tagen vorbereitet – nicht nur im Import.“ Auch im Export seien die Zeitfenster eng für die Anlieferung in den Häfen. „Auf die zur Verfügung stehenden Kapazitäten haben die Spediteure jedoch keinen Einfluss“, ergänzte Völkl.

Grundsätzlich lobt Rolf Habben Jansen, wie die Suezkanal-Behörde die Blockade durch die „Ever Given“ gelöst hat: „Man darf nicht vergessen, dass jedes Jahr 25.000 Schiffe den Suezkanal passieren, und es ist Jahre her, dass es dort einen solchen Vorfall gab.“ Hapag-Lloyd sei nicht weit entfernt davon gewesen, die eigenen Schiffe umzuleiten. Habben Jansen sagte: „Noch weitere 24 Stunden und wir hätten die Order gegeben, dass die Schiffe den Weg um Afrika herum nehmen.“

Bei der französischen Reederei CMA CGM und ihren Allianzpartnern sind 16 Schiffe auf dem Weg nach Europa betroffen - inklusive der „Ever Given“. Sie werden in den kommenden Tagen die ersten europäischen Häfen ansteuern.

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