Tchibo-Managerin Nanda Bergstein im Interview „Ziel ist es, die Beschäftigten zu stärken“

Tchibo-Managerin Nanda Bergstein über Menschenrechte, nachhaltige Baumwolle und Viskose. Tchibo hatte bereits 2006 die Weichen gestellt, um ein 100-prozentiges nachhaltiges Wirtschaften zu erreichen.
17.03.2021, 21:08
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„Ziel ist es, die Beschäftigten zu stärken“
Von Peter Hanuschke

Frau Bergstein, Tchibo hat bereits 2006 die Weichen gestellt, um ein 100-prozentiges nachhaltiges Wirtschaften zu erreichen. Bei wie viel Prozent ist das Unternehmen inzwischen angelangt?

Nanda Bergstein: Wir haben ein sehr diverses Geschäft von Kaffee über Textilien bis hin zu Hartwaren-Produkten aller Art. Eine Zahl allein würde den Fortschritt in der Umsetzung nicht abbilden. Wir haben daher einen klar definierte Plan für unsere verschiedenen Geschäftsbereiche und Lieferketten.

Haben Sie Beispiele?

Textilien bilden beispielsweise einen großen Anteil unseres Geschäftes. Bei Baumwolle werden Ende dieses Jahres die hundert Prozent erreicht sein, und der Einsatz von nachhaltiger Viskose wird bis dahin bei 80 Prozent liegen. In Summe werden wir bis 2025 alle Textilien auf nachhaltige Materialien umgestellt haben. Bei Hartwaren-Produkten sind wir gerade bei der Neuberechnung. Die Forschung hat sich in diesem Bereich ziemlich weiterentwickelt. Wir schätzen, dass die Hälfte dieser Produkte 2025 auf Nachhaltigkeit umgestellt sein werden.

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Zu Nachhaltigkeit gehört auch die Einhaltung von Menschenrechten und Sozialstandards in den Fabriken. Wie wird so etwas kontrolliert beziehungsweise in der Umsetzung gewährleistet?

In der Umsetzung in den Lieferländern haben wir die Erfahrung gemacht, dass Kontrolle allein nicht den gewünschten Erfolg bringt. Der Gedanke, dass man von sehr weit weg alles kontrollieren kann, was vor Ort passiert, hat alle ein bisschen auf Irrwege geführt. Die Fokussierung lag lange Zeit insgesamt immer nur auf Auditierung und Kontrolle. Damit erreicht man nicht das Ziel. Es ist wie in der Schule. Es reicht nicht, wenn der Lehrer nur die Hausaufgaben kontrolliert. Er muss erreichen, dass die Schüler bereit sind, etwas lernen zu wollen.

Welchen Weg verfolgt Tchibo?

Natürlich kontrollieren und auditieren wir auch weiterhin. Unser Fokus liegt aber darauf, die Menschen vor Ort mitzunehmen. Dafür haben wir Moderatoren in den jeweiligen Ländern ausgebildet, die in den Fabriken, mit den Menschen und dem Management zusammenarbeiten, um gemeinsam einen Weg für Verbesserungen zu gehen. Wir arbeiten auch sehr eng mit den Gewerkschaften vor Ort und international mit deren Dachorganisationen zusammen. Ziel ist es, die Beschäftigten zu stärken und in die Lage zu versetzen, für ihre Rechte selbst eintreten zu können.

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Welche Barrieren gibt es in den verschiedenen Ländern?

Unserer Erfahrung nach gibt es in allen Produktionsländern Fabriken, die den Weg mitgehen und mit denen arbeiten wir zusammen. Aber natürlich gibt es kulturelle Barrieren. Dies hat nichts mit mangelnder Verantwortung zu tun. Jedes Land hat seine eigene Philosophie und Werte. Ein großes Problem liegt in der Gender-Thematik. Gerade in der Textilbranche gibt es viele Näherinnen. Und da es in vielen Produktionsländern eine ausgeprägte Gender-Diskriminierung gibt, sind Standards für Frauen in den Fabriken oft niedriger. Es gibt auch große Unterschiede in der Geschwindigkeit, wie etwas umgesetzt wird. Das hat etwas damit zu tun, dass nicht alle Unternehmen Wert auf bestimmte Standards in den Produktionsländern legen oder es werden nicht immer die richtigen Lösungswege verfolgt, weil der Fokus zu sehr auf Kontrolle und zu wenig darauf liegt, die Menschen mitzunehmen.

Was erhoffen sie sich vom sogenannten Lieferkettengesetz, das große Unternehmen zu mehr Nachhaltigkeit verpflichten soll?

Nachhaltigkeit betrifft nicht nur große Unternehmen. Jedes Unternehmen kann unabhängig von der Größe seinen Beitrag leisten. Es gibt viele Lieferanten, auch kleinere, die sich sehr engagieren. Wir haben uns sehr für dieses Gesetz eingesetzt. Uns ging es darum, dass es eine verbindliche Verantwortung für Unternehmen gibt, sich für Umwelt und Soziales verantwortlich zu fühlen und sich dafür einzusetzen. Wir erhoffen uns vom Gesetz auch, dass es einen Push gibt, damit Unternehmen vor Ort stärker zusammen arbeiten. Etwa so, wie das im Bangladesch-Abkommen für Gebäude- und Feuersicherheit der Fall ist. Viele Probleme sind sehr komplex und können nur gemeinsam gelöst werden. Da braucht es die Kraft von vielen. Wir hoffen, dass das Lieferkettengesetz dahingehend Anreize schafft.

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Welche Rolle spielt beim Thema Nachhaltigkeit der Endverbraucher? Honoriert er nachhaltiges Wirtschaften oder entscheidet am Ende doch der Preis des Produkts?

Nachhaltigkeit bedeutet auch, dass ein Unternehmen in Lieferketten und Produkte investiert. Insofern spielt der Endverbraucher eine entscheidende Rolle, weil er die Produkte ja kaufen soll. Als wir mit dem Thema Nachhaltigkeit begonnen haben, ­hatten wir zunächst die Lieferketten im Blick. Es gab 2005 eine Kampagne gegen Tchibo ­wegen kritischer Arbeitsbedingungen in Bangladesch. Wir haben uns aus der Sache heraus in das Thema hineinbegeben, bis es letztlich zum wichtigen Bestandteil unserer Unternehmensphilosophie geworden ist. Anfänglich war das Thema noch nicht so im Fokus von Verbrauchern. Inzwischen gibt es einen gesellschaftlichen Umbruch. Das Thema Nachhaltigkeit ist dem Verbraucher spürbar wichtiger geworden. Ob er es aber auch ­honoriert, ist noch schwer zu sagen. Wir ­haben uns als Unternehmen jedenfalls dazu entschieden, dem Verbraucher zunehmend nur noch nachhaltige Angebote zu machen. Es ist für uns einfach wichtig, Produkte mit einer guten Qualität anzubieten, bei deren Herstellung hohe Umwelt- und So­zial­standards berücksichtigt werden. Das gilt gleichermaßen für Non Food und für Kaffee.

Zu Nachhaltigkeit gehört auch ein schonender Ressourceneinsatz.

Wir versuchen, so viele nachwachsende Rohstoffe wie möglich einzusetzen. Auch achten wir auf die Langlebigkeit unserer Produkte sowie ein Design, das es erlaubt, die Materialien wieder dem Rohstoffkreislauf zuzuführen. Daran wurde und wird intensiv gearbeitet.

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Mit Babybekleidung-Share waren sie Vorreiter, aber das Mietmodell von Babysachen kam beim Verbraucher nicht so an.

Das Programm bezog sich auch auf andere Produkte. Das war leider nicht so erfolgreich, aber wir haben viel daraus gelernt und entwickeln daraus ein Folgemodell, weil wir daran glauben, dass es richtig ist, Produkte wiederzuverwenden.

War für das Tchibo-Mietmodell die Zeit noch nicht da?

Wir haben gelernt, dass das Konzept von Mieten nicht auf diese Produkte zu übertragen ist, sondern das Besitzen mehr im Fokus steht. Deshalb denken wir, dass Secondhand-Konzepte sinnvoller sind.

Das Gespräch führte Peter Hanuschke.

Info

Zur Person

Nanda Bergstein ist seit 2018 als Director Corporate Responsibility für den Bereich Unternehmensverantwortung bei Tchibo verantwortlich. Nach ihrem Studium der Internationalen Beziehungen an der TU Dresden und Gender, Development and Globalisation an der London School of Economics startete sie 2005 ihre berufliche Karriere bei der Hamburger Nachhaltigkeitsberatung Systain. 2007 wechselte sie in den Bereich Unternehmensverantwortung bei Tchibo, wo sie die Menschenrechtssparte aufbaute. Sie ist Referentin auf der 35. Internationalen Baumwolltagung.

Info

Zur Sache

Internationale Baumwolltagung

Bioprodukte, Lieferkettengesetz oder Satellitentechnik im Baumwollanbau - bei der zweitägigen 35. Internationalen Baumwolltagung, die an diesem Donnerstag endet, haben alle Themen eines gemeinsam: Im Mittelpunkt stehen ökologische und wirtschaftliche Nachhaltigkeit. Die Veranstaltung, die von der Bremer Baumwollbörse und dem Faserinstitut Bremen organisiert wird, erhebt für sich den Anspruch, auch die Themen aufzugreifen, die in der Öffentlichkeit häufig im Fokus der Kritik stehen. Zu der Veranstaltung, die erstmalig in einem virtuellen Format stattgefunden hat, hatten sich etwa 400 Teilnehmer aus über 30 Ländern angemeldet.

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