Brücke zwischen Überfluss und Mangel Bremer Tafel verteilt seit 25 Jahren gespendete Lebensmittel

Mit der wachsenden Zahl an Menschen mit geringem Einkommen steigt auch die Zahl der Kunden der „Bremer Tafel“. Seit 25 Jahren verteilt der gemeinnützige Verein in Bremen gespendete Lebensmittel an Bedürftige.
09.06.2020, 05:00
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Bremer Tafel verteilt seit 25 Jahren gespendete Lebensmittel
Von Ulrike Troue

Seit 25 Jahren retten ehrenamtlich engagierte Bremerinnen und Bremer Lebensmittel, sammeln im Handel nicht mehr verkäufliche Esswaren und Non-Food-Artikel ein, um sie an Bedürftige auszugeben. Immer mehr Hansestädter, deren Einkommen im Hartz-IV-Bereich oder darunter liegt, besuchen die fünf Ausgabestellen des gemeinnützigen Vereins Bremer Tafel in Hemelingen, Bremen-Burg, Huchting, Obervieland und in der Vahr.

„Die Tafel ist stetig gewachsen“, blickt der Vorsitzende der Bremer Tafel, Uwe Schneider, zurück. Waren es 1995 noch 50 Abholer pro Tag, sind es derzeit 430. „Wir erreichen heute 2300 bis 2500 Bremer Haushalte mit etwa 6000 bis 7000 bedürftigen Personen.“ Rund ein Viertel sind Senioren. „Wir arbeiten fast ausschließlich mit Spenden“, fährt Uwe Schneider fort. Denn auch Miete, Transport- und Verwaltungskosten werden über private und privatwirtschaftliche Spender und Sponsoren gedeckt.

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Um die Kunden versorgen zu können, sind laut Schneider rund 170 bis 180 Freiwillige im Einsatz. Sie werden von Teilnehmern von Beschäftigungsmaßnahmen, Praktikanten, Freiwilligendienstlern und Minijobbern unterstützt und bilden das Herzstück des sozial ausgleichend wirkenden Vereins. Gern hätten sie als kleine Anerkennung ihres Einsatzes einen Geburtstagsempfang gegeben, sagt Tafel-Geschäftsführer Andreas Schröder. Das sei in der Pandemie-Zeit aber nicht möglich. Die Erfüllung der Corona-Hygieneschutzauflagen nehme zudem viel Zeit der Ehrenamtlichen in Anspruch, weiß Uwe Schneider.

Auch deshalb sei auf den zuerst angedachten Jubiläumsempfang zugunsten einer kleinen Geburtstagsbroschüre verzichtet worden. Wer darin blättert, erfährt, dass die Initiative, einwandfreie Lebensmittel wie Brot und Backwaren vom Vortrag, Obst und Gemüse mit Schönheitsfehlern, Lagerbestände mit kurzem Mindesthaltbarkeitsdatum, Saisonartikel, Überproduktionen oder falsch deklarierte Ware auch in der Hansestadt nicht einfach wegzuwerfen, sondern einzusammeln und an Bedürftige zu verteilen, auf Tilmann Eimers zurückgeht. Der 37-jährige Familienvater hatte im April 1995 die Idee der Berliner Tafel in Bremen bekannt gemacht.

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Soziales Engagement im Ruhestand

Bereits am 18. Mai 1995 ist der Verein Bremer Tafel unter dem Vorsitz von Oskar Splettstößer gegründet worden. „Ich war da ein Jahr im Vorruhestand, wollte mich sozial engagieren, da las ich den Aufruf im WESER-KURIER“, erzählt der Habenhauser vom Anstoß seines Engagements. Der heute 86-Jährige hat den Tafel-Vorsitz 2015 abgegeben, arbeitet nun als Schriftführer in dem gemeinnützigen Verein mit, den er maßgeblich mit aufgebaut hat.

Mit einem gespendeten Opel Kombi wurden anfangs Mutter-Kinder-Häuser, Obdachlosenheime und Suppenküchen beliefert, die heute noch wie weitere gemeinnützige Organisationen Tafelkunden sind. Mehrere Monate später wurde der erste eigene Laden in Findorff eröffnet. Ihm folgten diverse Übergangsquartiere, bis im Oktober 2007 in der Brauerstraße 13 in Hemelingen der optimale Standort gefunden war.

„Dort hat sich ein Logistikstützpunkt entwickelt“, sagt Uwe Schneider. Von Montag bis Freitag starten von dort fünf feste Touren zu den Spendern: Lebensmittelgeschäfte großer Ketten, Großhändler, Großmarkt, große Produzenten, Bäckereien und Regionallager. „Fast alle 160 Adressen werden täglich angefahren“, fährt er fort und beurteilt Bremen als guten Tafel-Standort. „Wir versorgen auch Tafeln aus dem Umland. 50 beziehen gespendete Waren von uns.“

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In der Hemelinger Zentrale gibt es über 1000 Quadratmeter Lagerfläche, darunter ein Großlager, zwei kleine Zwischenlager und Container für Kühl- und Tiefkühlprodukte. Wurden in den ersten Jahren vornehmlich leicht verderbliche Waren gespendet, werden heute vermehrt auch Fertiggerichte, Tiefkühlwaren und Non-Food-Artikel abgegeben. Jeden Tag sind laut Schneider 20 bis 25 Helfer, fünf Fahrer sowie fünf bis zehn Personen im eigentlichen Lagerbereich in Hemelingen beschäftigt. Dort enden auch drei Touren, die beiden anderen in Burg. Die Tafelhelfer kontrollieren die Waren und sortieren sie, ehe sie ausgeliefert werden. In den Ausgabestellen ist man um eine möglichst angenehme Atmosphäre bemüht, da sie sich im Laufe der Zeit zum sozialen Treffpunkt entwickelt haben.

Bedürftigkeit nachweisen

Damit der Einkauf nicht wie ein Almosen wirkt, erbittet die Tafel Eintritt für jede Ausgabestelle: zwei Euro von Singels, drei Euro von Mehrpersonenhaushalten. Jeder Kunde, der sich einmal in der Woche bedienen möchte, muss sich beim Verein vorstellen und seine Bedürftigkeit nachweisen, dafür Pass und Einkommensnachweis vorlegen. Dann bekommt er einen Kundenausweis, der auch Angaben zur Größe der Bedarfsgemeinschaft enthält, um Missbrauch zu unterbinden.

Das Angebot empfindet der alteingesessene Tafel-Kunde Christoph als reichlich. „Häufig sind Dinge dabei, die ich mir sonst gar nicht leisten würde“, sagt er. Weil insbesondere ältere Menschen und Mobilitätseingeschränkte lange Wege nur schwierig bewältigen können, wurden die 2019 neu eröffneten Ausgabestellen in Kattenturm und in der Vahr nach Auskunft von Uwe Schneider als Seniorentafeln konzipiert. Ihnen müssten weitere in anderen sozial schwächeren Stadtteilen folgen, formuliert ein Zukunftsziel. Zuerst schweben ihm eine in Gröpelingen und ein zweiter Öffnungstag in Huchting vor.

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Eine weitere Herausforderung ist die Digitalisierung. Wegen der automatischen Warenwirtschaftssysteme im Handel müsse sich die Bremer Tafel auf neue Kommunikationswege einstellen und mit Spendern mehr Kontakt auf elektronischem Weg halten. Ohne die vielen ehrenamtlichen Helfer würde das Tafel-System nicht funktionieren, weiß Uwe Schneider. Zwar würden sich immer wieder auch junge Menschen für den Verein engagieren, Studierende und Schüler in der Corona-Krise den zeitweiligen Ausfall der älteren vertrauten Gesichter kompensieren, sagt der Vereinsvorsitzende. Dennoch stehe der Verein vor einer großen Zukunftsaufgabe: „Ehrenamtliche finden, die verantwortlich einen Bereich übernehmen.“

Weitere Informationen

Nähere Informationen über die Bremer Tafel, Ausgabestellen und Öffnungszeiten oder darüber, wie Sie die Arbeit durch Spenden oder als ehrenamtlicher Helfer unterstützen können, gibt es online unter http://www.bremertafel.de und in der Hemelinger Zentrale unter der Telefonnummer 434 19 59.

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