Aus dem 3D- Drucker Bremer Techniklabor produziert 1000 Schutzvisiere pro Woche

Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt hat am Standort in Bremen Technik für den Mars produziert. Nun beliefert es den Krisenstab mit Schutzvisieren für den Kampf gegen die Pandemie.
26.04.2020, 08:00
Lesedauer: 3 Min
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Bremer Techniklabor produziert 1000 Schutzvisiere pro Woche
Von Björn Struß

Es ist ein konstantes Surren, mit dem sich der schwarze High-Tech-Kasten im Lehrlabor der Hochschule Bremen (HSB) bemerkbar macht. Seit drei Wochen arbeitet diese Maschine nahezu ohne Unterbrechung, um im Kampf gegen die Pandemie zu helfen. 3-D-Drucker kamen lange nur in der Forschung und in der Industrie zum Einsatz, zuletzt waren sie in Elektrofachmärkten auch für den Privatgebrauch zu haben. Nun gehören die Drucker zu der Infrastruktur, mit der Bremen die Krise meistern will. Denn Schutzvisiere sind für den Krisenstab zu einer wichtigen Ressource geworden.

Von einem Visier ist in dem 3-D-Drucker der Hochschule noch so gut wie gar nichts zu erkennen. Nur ein schmaler Spalt erlaubt einen Blick auf die Arbeitsfläche im Inneren. Zwei Düsen bewegen sich immer wieder in einem gleichen Muster und verteilen Schicht für Schicht einen dünnen Streifen Plastik. Die geschaffene Struktur ist in diesem Moment nur wenige Millimeter hoch. Ein Display informiert über den Fortschritt des Vorgangs: 14 von 213 Schichten sind fertig, der Rest folgt innerhalb von elf Stunden und 35 Minuten. Insgesamt braucht der Drucker zwölf Stunden, bis er den Auftrag des Computers erfüllt hat.

Visiere verringern Gefahr der Tröpfcheninfektion

Auf einem Tisch hat Dirk Hennings die Kopfbügel aufgereiht, die in den vergangenen Tagen entstanden sind. Um daraus ein Visier zu machen, das die Gefahr der Tröpfcheninfektion reduziert, braucht es noch ein Gummiband und die Visierfolie. Hennings ist promovierter Ingenieur, der in diesem Labor eigentlich sein Wissen an Maschinenbau-Studenten weitergibt. Doch die Arbeit mit dem Nachwuchs findet notgedrungen nur noch online statt.

In Kooperation mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) ergab sich kurzfristig ein neuer Verwendungszweck für das Labor. „Einen Tag, nachdem die Anfrage kam, konnten wir mit der Produktion beginnen“, berichtet Hennings. Dies sei der große Vorteil der 3-D-Drucker. Mit dem passenden Plan kann es sofort losgehen. Einzig nötige Ressource ist Plastik, welches als Kabelrolle problemlos nachzubestellen ist. „Die mögliche Stückzahl ist aber gering“, erklärt Hennings. Sein 3-D-Drucker liefert pro Woche 30 Kopfbügel. Die Industrie nutze die Technik deshalb fast nur für Prototypen.

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Mit einem Netz aus Zulieferern fertigt das DLR im Bremer Standort nahe des Fallturms aktuell etwa 1000 Schutzvisiere pro Woche. Neben der HSB ist auch die Universität Bremen, das Faserinstitut sowie die Wilhelm Lippold GmbH & Co. KG beteiligt. Auch zwei Privatpersonen beteiligen sich mit einem eigenen Drucker. Der Krisenstab verteilt die Visiere an medizinisches Personal und Rettungskräfte, die direkten Kontakt zu Covid-19-Patienten haben.

Beim DLR betreut Toni Delovski mit sieben weiteren Kollegen die Produktion. Das Team entwickelt eigentlich Technologie für die Raumfahrt. Schon vor der Krise lief die Arbeit im DLR unter vielen Vorsichtsmaßnahmen. „Wer auf anderen Planeten nach Spuren von Leben sucht, sollte keine eigenen mitbringen“, erklärt Delovski. Schutzkleidung sorgt dafür, dass etwa keine Hautschuppen in die Technik gelangen.

Visiere können immer wieder aufgesetzt werden

Das Arbeiten mit Mundschutz kennt Delovski deshalb sehr gut. Gleichzeitig muss auch sein Team die neuen Abstandsregeln einhalten. Deshalb sind maximal fünf Personen zur selben Zeit im Labor. „Lieferengpässe gibt es bei den Gummibändern. Die sind derzeit Mangelware“, sagt Delovski. Für eine höhere Stückzahl habe er sich in den vergangenen Tagen um eine intakte Lieferkette gekümmert. Beim Start der Produktion profitierte das DLR von einer engagierten Gemeinschaft an Technikbegeisterten, die online ihre Ideen austauscht. „Einen ersten Plan für die Kopfhalterung gab es da sehr früh“, berichtet Delovski. Gemeinsam mit dem Krisenstab habe er dann nur noch Detailfragen klären müssen. So seien etwa kleinere Lücken ausgebessert worden, weil sich dort Schmutz und Viren ansammeln können. Denn die Visiere sind keine Wegwerfware. Nach gründlicher Reinigung können sie immer wieder aufgesetzt werden.

Bis auf einen Zulieferer besteht die entstandene Infrastruktur aus Instituten, die der Staat finanziert. Im gesetzlichen Rahmen ist dies nur so lange möglich, wie es kein Angebot aus der Privatwirtschaft gibt. So soll eine Wettbewerbsverzerrung vermieden werden. „Wir warten gewissermaßen, bis die Industrie aufwacht“, sagt Delovski.

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Für Dirk Hennings von der HSB ist es aber nachvollziehbar, dass es noch keine industrielle Produktion der Visiere gibt. „In normalen Zeiten braucht es drei Monate, bis ein Unternehmen zum Beispiel ein Spezialwerkzeug in Serie produzieren kann“, erklärt er. Für hohe Stückzahlen brauche es einen Gussrahmen, der einen Anschaffungspreis von etwa 60.000 Euro habe. Deshalb hält er es für unwahrscheinlich, dass die Privatwirtschaft in naher Zukunft die Visiere an den Krisenstab liefern wird.

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