Altenheime in der Corona-Krise

Pflegeheime: Was die Lockerungen für Angestellte, Angehörige und Bewohner bedeuten

Das Besuchsverbot in Pflegeheimen wird stetig gelockert. Wie schützt man Alte und Kranke, ohne sie abzuschotten? Zu Besuch in zwei Heimen, wo sie ständig neu ausloten, wie viel Risiko die Risikogruppe verträgt.
22.08.2020, 05:00
Lesedauer: 7 Min
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Pflegeheime: Was die Lockerungen für Angestellte, Angehörige und Bewohner bedeuten
Von Nico Schnurr

Es wird besser, das weiß Stephanie Lange, seit ihre Mutter wieder redet. An einem Sonntag im August hat Lange ihren Stiefvater abgeholt, dann sind sie nach Woltmershausen gefahren, zum Altenheim Haus Weserhof. Es ist das erste Mal gewesen, dass Langes Stiefvater seine Frau seit Corona auf ihrem Zimmer besuchen konnte. Über Monate hat er mit dem Gedanken gelebt, seine Frau vielleicht nicht wieder zu sehen. Allein hat er es nicht mehr zum Heim geschafft, also musste er warten, bis die Stieftochter ihn mitnimmt und sie zu zweit rein dürfen. Seit einigen Tagen ist das wieder erlaubt.

Wer danach sucht, wird unterschiedliche Antworten darauf finden, was die neuen Lockerungen der Besuchsregeln in Altenheimen bedeuten. Da sind die Pflegekräfte, die von noch mehr Aufgaben berichten und dem Gefühl, unmöglich allen Erwartungen gerecht werden zu können. Da sind die Heimleiter, die manchmal denken, die Politik hätte die Verantwortung bei ihnen abgeladen. Da sind Bewohner, die Hoffnung schöpfen, denen es plötzlich wieder besser geht. Und da sind erleichterte Angehörige wie Stephanie Lange. „Ich habe gedacht, meine Mutter geht kaputt“, sagt sie, „nun blüht sie langsam wieder auf.“

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Leben mit Corona, das bedeutet auch Abwägen von Risiken. Familienfeste stattfinden lassen oder absagen? Verreisen oder zu Hause bleiben? In einer Pandemie, wo Feiern zu Superspreading-Events und Ferienorte zu Risikogebieten werden können, geht es ständig auch darum, wie viel vom alten Leben in den neuen Alltag passt. Nirgendwo kann man dieses Abwägen besser beobachten als in Altenheimen, wo der Eingriff in die Freiheitsrechte so massiv gewesen ist wie vielleicht nirgendwo sonst in dieser Krise.

Auf einen Urlaub in der Ferne kann man im Zweifel verzichten, auf eine Feier auch. Aber keinen Besuch der Liebsten mehr? Seit Monaten wird das Besuchsverbot in Altenheimen aufgehoben, in kleinen Schritten. Vor jeder Änderung wird neu ausgelotet, wie viel Risiko die Risikogruppe verträgt. Wie man Alte und Kranke schützt, ohne sie abzuschotten. Und wann der Schutz des Lebens lebensgefährlich wird.

„Was bleibt einem, wenn man keinen Besuch mehr bekommen darf?"

Mitte August, ein Vormittag in Woltmershausen. Das Haus Weserhof liegt gegenüber vom Tabakquartier. Moderne Wohnriegel mit hohen Fenstern. Im Rücken des Gebäudes wartet Stephanie Lange, 48, Flugbegleiterin. Vor ihr ranken sich Sonnenblumen, sie steht im Garten des Heims. Hinter ihr lehnen Senioren in Stühlen, lesen Zeitung, schlürfen Kaffee. Lange dreht sich um und mustert sie. „Was bleibt einem, wenn man keinen Besuch mehr bekommen darf? Eine Zeit lang hatten diese Menschen doch fast nichts mehr.“ Wenn sie kann, besucht Lange ihre Mutter täglich, meistens morgens, sie bleibt dann bis zum Mittag. Normalerweise. Als sie ihre Mutter nicht mehr sehen durfte, habe sie das mitgenommen. „Ich fühlte mich schuldig“, sagt Lange, „ich dachte, ich kann doch meine Mutter nicht mit einer Situation allein lassen, unter der sie leidet.“

Etwas mehr als ein Jahr ist es her, als Langes Mutter, eine Frau, die mit Anfang 80 noch Golf spielte und High Heels trug, nach einer Hirnblutung neu anfangen musste. Sie musste wieder sprechen lernen, Wort für Wort, Satz für Satz. Ein mühsamer Weg, aber es ging voran. Bis Corona kam. Mit dem Beginn der Pandemie, erzählt Lange, wurde ihre Mutter stiller, erst sagte sie weniger, dann verstummte sie. Die Logopädin kam nicht mehr ins Heim. Auch Lange konnte nicht mehr mit ihrer Mutter sprechen, sie schrieb nun Briefe. Aufmunternde Worte an die Mutter und Beschwerden an den Senat, denn Besuche im Altenheim waren nun verboten und telefonieren konnte die Mutter nicht.

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Manchmal fuhr Lange zum Haus Weserhof und wartete vor der Tür. Die Pfleger holten ihre Mutter ans Fenster. Die Tochter blickte in ein regungsloses Gesicht, hinter der Scheibe stand eine apathische Frau. Die Mutter starrte raus und schwieg. Als das Besuchsverbot später gelockert wurde und die Logopädin wieder ins Heim kam, sagte die Mutter weiter kaum etwas. Das änderte sich, erinnert sich Lange, als sie wieder regelmäßig zu Besuch kommen durfte. Erst trafen sie sich draußen im Garten, unter einem Pavillon, zwischen ihnen ein langer Tisch, dann auch auf dem Zimmer. Als zuletzt Langes Stiefvater dabei war, antwortete die Mutter wieder. Ein paar Worte nach Monaten der Stille.

„Bei diesen ganzen Verordnungen sollte man nie vergessen, dass es um das Leben von Menschen geht“, sagt Lange im Garten des Altenheims, „der Schutz ist wichtig, aber man muss sich fragen: Ist es wirklich verhältnismäßig, den Menschen die Freude zu nehmen?“

Zeit für die Bewohner

In der Neustadt, knapp vier Kilometer vom Haus Weserhof entfernt, liegt das Altenpflegeheim der Inneren Mission. Silvia Dierkes, 31, sitzt in einem nüchternen Raum, dem Besprechungszimmer der Pflegekräfte. Dierkes leitet den Pflegedienst der Einrichtung. Gerade hat sie eine neue Kraft eingestellt, die vor allem Besucher zu den Zimmern begleiten soll. Allein dürfen sich die Gäste nicht durch das Heim bewegen. Wenn sich Pfleger nun um die Angehörigen kümmern, mit ihnen mitlaufen, Hygieneeinweisungen geben, den Zettel mit den persönlichen Angaben einsammeln und dann vielleicht noch für Gespräche bereitstehen sollen – wann bleibt dann noch Zeit für die Bewohner? „Man muss aufpassen, dass am Ende nicht die Pflege leidet“, sagt Dierkes, „wir sind sowieso schon knapp besetzt.“

Für die Pflegekräfte sei die Pandemie „eine ziemliche Belastung“, sagt Dierkes. Viele steckten auch im Privatleben zurück und blieben oft zu Hause. Sie wollten die Heimbewohner nicht gefährden. Einen bestätigten Corona-Fall hat es in Dierkes Heim bisher nicht gegeben, nur Verdachtsfälle, den ersten Anfang April. Ein Bewohner hatte erhöhte Temperatur, etwas über 38 Grad Celsius. Dierkes war sofort klar, was das heißen könnte. Dem Heim fehlte Schutzkleidung, eine Woche hätten die Vorräte vielleicht gereicht, länger nicht. Der Verdacht bestätigte sich nicht und irgendwie konnten sie auch neue Masken auftreiben, aber der Modus für die nächsten Monate war damit klar, sagt Dierkes im Besprechungszimmer der Pflegekräfte: „Man hat Corona immer im Nacken.“

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Einen Raum weiter, im Café des Heims, streichelt Marcus Hansing über den Arm seiner Mutter Sieglinde, tastende, vorsichtige Berührungen. Zum ersten Mal seit Monaten trennt die beiden keine Scheibe. Etwas komisch sei das gewesen, die Mutter immer nur hinter Plexiglas sitzen zu sehen. „Ein bisschen wie im Zoo“, sagt Hansing, aber immer noch besser als die Zeit davor. „Ohne Besuche ist das doch gefängnismäßig.“ Sieglinde Hansing, 88, versucht, ihrem Sohn zu folgen. Manchmal fallen ihre Augen zu. Sie sitzt im Rollstuhl, ihre Hände kneten ein Kissen, das auf ihrem Schoß liegt. Hansing hat noch bis vor ein paar Jahren einen Friseursalon betrieben. Am Anfang des Jahres erlitt sie einen Schlaganfall. Erst wenige Wochen vor dem Besuchsverbot zog sie ins Altenpflegeheim in der Neustadt. „Ungewohnt ist das alles“, sagt der Sohn, „der Schlaganfall, Corona, die Distanz, ihr jetzt wieder über den Arm streicheln zu können – alles ungewohnt.“

Mehr als ein Gast pro Bewohner in der Woche erlaubt

Marcus Hansing schiebt eine Schale über den Tisch. Bisher hat er das Obst immer den Pflegern geben müssen, Erdbeeren an der Scheibe vorbeizuschummeln, war verboten. Nun darf er seiner Mutter wieder Beeren reichen, und er kann sich bei den Besuchen auch wieder mit seinen Geschwistern abwechseln, weil nun mehr als ein Gast pro Bewohner in der Woche erlaubt ist. „Ungewohnt muss ja nicht immer schlecht heißen“, sagt Marcus Hansing, „das ist doch jetzt schon mal deutlich besser als zuletzt.“ Zuletzt, damit meint er, als seine Mutter in den Wochen des Besuchsverbots körperlich abbaute und kaum noch sprach. Jetzt erzählt ihr Sohn vom Urenkel, der sie bald besuchen komme, und die Mutter antwortet, sie spricht leise, fast flüsternd: „Da freue ich mich.“

In Woltmershausen sitzt Thomas Gerbert-Jansen im Garten vom Haus Weserhof. Der Heimleiter, 53, könnte mit seinen Flip-Flops und der weißen Hose auch wie ein Typ wirken, der die Dinge locker nimmt, aber das täuscht. Er sagt Sätze wie: „Wir müssen die Kontrolle behalten.“ Oder: „Ich muss Grenzen ziehen.“ Gerbert-Jansen setzt nicht alle Lockerungen um, die der Senat erlaubt. Als Heimleiter hat er diese Freiheit, „uns wird die Verantwortung ja zugeschoben“, sagt er. Gerbert-Jansen begrenzt die Besucherzahl im Haus Weserhof weiterhin. Höchstens zehn Bewohner, die maximal zwei Gäste gleichzeitig im Haus empfangen. Es ist sein Versuch, etwas zu kontrollieren, das kaum zu kontrollieren ist.

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Gerbert-Jansen will das Heim vor dem Virus schützen, aber es liegt ja nicht in seiner Macht, was draußen vor den Zäunen der Einrichtung passiert. Auch der Heimleiter muss hoffen, dass sich die Leute im Urlaub und auf Feiern nicht so verhalten, als wäre Corona vorbei. Gerbert-Jansen weiß, dass er sein Heim noch so gut vorbereiten kann. Mit den Urlaubsrückkehrern und dem nahenden Herbst, wenn die Bewohner ihren Besuch wieder häufiger drinnen empfangen, wird das Risiko steigen, dass irgendwer das Virus ins Heim schleppt. Dann wäre es mit den Besuchen erst mal wieder vorbei. „Am Ende würde es natürlich heißen, das Heim ist schuld“, sagt Gerbert-Jansen, „es braucht ja immer einen Sündenbock.“

Stephanie Lange trägt auch im Garten des Woltmershauser Altenheims einen Mundschutz, nur für das Foto nimmt sie ihn kurz ab. Für Flüge kauft sie sich FFP2-Masken. Die Einwegmasken, die ihr die Airline stellt, reichen der Flugbegleiterin nicht. „Ich passe so sehr auf, dass manche denken, ich würde spinnen.“ Sie könne das nicht verstehen, die müssten sich mal in ihre Lage versetzen. „Ich könnte mir nicht verzeihen, wenn ich Corona ins Heim meiner Mutter bringen würde, also bin ich extrem vorsichtig.“ Lange hofft, dass die meisten so handeln, um die Alten und Kranken zu schützen. Manchmal, wenn sie in den Nachrichten die Bilder der überfüllten Urlaubsorte sieht, ist sie sich da nicht so sicher.

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