Kulturfestival am Osterdeich

Breminale-Veranstalter über Arbeit, Absagen und Ängste

Auch wenn es trotz des Veranstaltungsverbots eine Förderung für die Breminale gibt, wissen die Festival-Veranstalter Jonte von Döllen und Esther Siwinski noch nicht, wie es nächstes Jahr weiter geht.
12.07.2020, 05:00
Lesedauer: 6 Min
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Breminale-Veranstalter über Arbeit, Absagen und Ängste
Von Pascal Faltermann
Breminale-Veranstalter über Arbeit, Absagen und Ängste

2019 lief noch alles seinen gewohnten Gang: Wegen der Corona-Pandemie wurde die Breminale in diesem Jahr abgesagt.

Shirin Abedi
Kein Festival auszurichten, bedeutet bestimmt weniger Arbeit, könnte man denken. Wie viel hatten Sie durch die Corona-bedingte Absage trotzdem zu tun?

Esther Siwinski: Genau, es bedeutete eigentlich das Gegenteil. Wir waren sehr damit beschäftigt, alle Mitarbeiter, Dienstleister, Partner, Freunde – also alle, die wir schon Anfang des Jahres gebucht hatten, darüber zu informieren, dass wir nicht stattfinden. Die Breminale ist, auch wenn sie groß ist, eine ziemlich intime Veranstaltung. Alle kennen sich. Fast schon eine Inkognito-Geschichte.

Wie viele E-Mails, Nachrichten und Telefonate mussten Sie schreiben und führen? Waren das 100 oder eher 10.000?

Jonte von Döllen: Alles zusammen liegen wir da wohl in der Mitte. Allerdings war der Effekt tatsächlich andersherum. Ich habe viel punktuell telefonieren müssen, aber nicht so diffus, wie es sonst gewesen wäre, wenn wir die Breminale veranstaltet hätten. Bei uns hat in den Wochen vor der Absage schlagartig aufgehört, das Telefon zu klingeln. In den Wochen, wo noch nichts klar war, wurde es sehr ruhig. Mit der Absage ging es wieder los. Alle wollten Bescheid wissen. Dabei waren aber viele in der Branche sehr vorsichtig. Dann mussten wir ein paar Wochen lang aufräumen. Das war aber unproblematisch, alle Beteiligten haben Verständnis gezeigt und waren gleichermaßen verunsichert.

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Und das lief alles glatt?

Von Döllen: Alle waren sehr bemüht, sich nicht noch gegenseitig irgendwelche Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Zum Glück waren viele Verträge noch gar nicht unterzeichnet zu dem Zeitpunkt. Aber auch wenn, dann wäre das bei den meisten gut gegangen.

Wie viele Künstler hatten denn einen Vertrag?

Von Döllen: Einen unterschriebenen Vertrag hatten etwa zehn Künstler, einige aus dem Kinderprogramm. Wir sind insgesamt immer eher spät dran, wir machen unser Programm erst, wenn die anderen fertig sind. Uns war Anfang März klar, dass in Sachen Corona was kommt. Also haben wir Dinge vorbereitet.

Aber stehen Verträge mit Gastronomen, Sicherheitsfirmen oder Zeltbauern nicht viel früher fest?

Siwinski: Klar, ein Großteil ist seit Jahren dabei und kommt auch immer wieder. Aber seitdem wir es machen, haben wir bei den Gastronomen auch immer geschaut, dass neue, lokale Anbieter dazu kommen. In diesem Jahr haben wir uns zum Beispiel auf die Freunde von der Rockwurst gefreut.

Von Döllen: Ja, ein paar sind reserviert.

Siwinski: Es gibt Partner, die stehen tatsächlich lange fest. Oft verabschiedet man sich mit der Ansage: „Wir sehen uns im nächsten Jahr“. Die rufen wir irgendwann im April an.

Aber ist das nicht ein mündlicher Vertrag?

Siwinski: Nein, nicht zwingend. Wir wollten dieses Jahr etwas ändern und ein bisschen umstrukturieren. Da gab es dann den ein oder anderen, dem wir absagen mussten, weil wir eben ein Zelt oder eine Bühne nicht mehr aufstellen wollten. Wir hatten Anfang des Jahres viel geplant, angefragt und mündliche Ankündigungen gemacht. Von ein paar Partnern haben wir Fristen bekommen, bis wann wir kostenlos wieder stornieren können, weil sie das Ausmaß, das auf uns zu rollte, genauso wenig wie wir begreifen konnten.

Die Breminale ist abgesagt, aber Esther Siwinski und Jonte von Döllen haben sich zumindest eine kleine Überraschung für die Bremer überlegt.

Die Breminale ist abgesagt, aber Esther Siwinski und Jonte von Döllen haben sich zumindest eine kleine Überraschung für die Bremer überlegt.

Foto: Karsten Klama
Noch mal zurück zu den Künstlern. Können Sie sagen, wer dieses Jahr gespielt hätte?

Von Döllen: Wir haben uns dagegen entschieden, die Namen zu nennen, weil wir einige mit ins nächste Jahr nehmen wollen.

Die Bremer Bands Rhonda und Mantar haben aktuelle Alben veröffentlicht. Wären das nicht die typischen Kandidaten gewesen?

Von Döllen: Ja, die beiden Bands sind toll.

Heißt das, sie dürfen nächstes Jahr spielen?

Von Döllen: Rhonda und Mantar dürfen immer. Da müssen wir nur schauen, ob es bei denen passt. Das sind schon hochklassige Formate, sozusagen. Da brauchen wir einen kleinen Bonus, um die bezahlen zu können. Aber klar, das sind Wunschkandidaten.

Apropos Kosten: Wie sieht das mit den Fördergeldern aus? Gibt es das Geld, obwohl das Festival nicht stattgefunden hat?

Siwinski: Wir haben die Fehlbedarfsfinanzierung von der Wirtschaftsförderung Bremen (bis zu 60.000 Euro, Anm. d. Red.) und das Geld aus dem Kulturhaushalt (65.000 Euro) vorab beantragt und aus beiden Häusern die Zusagen erhalten. Das war aber alles vor dem Ausbruch von Corona. Als das ganze Ausmaß des Virus immer deutlicher und das Szenario des Veranstaltungsverbotes immer realistischer wurden, sind wir natürlich nervös geworden.

So einen Fall hat es ja noch nie gegeben und alle, auch die Kulturbehörde und die WfB mussten sich dazu sortieren. Glücklicherweise mussten wir nicht lange warten, bis die Ansage kam, dass wir die bewilligten Mittel trotz Veranstaltungsverbot erhalten. Unsere Arbeit und alle durch die Festivalvorbereitung entstandenen Kosten sind ja da, auch wenn es in diesem Jahr keine Breminale gibt. Wir arbeiten weiter und versuchen jetzt, unser Unternehmen aufrecht zu erhalten und es irgendwie übers Jahr zu schaffen.

Von Döllen: Wir waren in einer guten Situation, weil die Gelder bereits eingestellt waren. Schwieriger ist es bei Betrieben, die von ihren Fixkosten erdrückt und somit gerettet werden müssen.

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Gibt es trotzdem Einschränkungen?

Von Döllen: Es war erst einmal die Bestätigung, dass wir weiterarbeiten können. Aber wir sind jetzt alle in Kurzarbeit.

Siwinski: Um das zu ergänzen: Die Zusage gilt nicht nur für uns, sondern einheitlich für alle, die eine Förderzusage bekommen haben. Auch wenn uns dieses Geld hilft, wird das alles eine enge Kiste.

Ist diese Situation existenzbedrohend?

Von Döllen: Wenn die Gelder und die Unterstützung von unseren Sponsoren nicht wären, auf jeden Fall. Bis jetzt kommen wir gerade noch klar. Aber wir befinden uns in einer Pandemie. Es ist noch nicht sicher, dass wir nächstes Jahr eine Breminale machen können, wie wir sie kennen. Wenn man dieses Szenario bedenkt, wird es natürlich bedrohlich.

Wie kann eine Breminale mit Pandemie stattfinden?

Siwinski: Wir haben für dieses Jahr das Grundgerüst für ein Festival geplant, welches wir gerne in das nächste Jahr übernehmen würden. Die Arbeit, die wir bereits reingesteckt haben, ist also nicht für die Katz. Aber trotzdem sind wir an einem Punkt, an dem wir schauen, wie sich die Situation entwickelt, und ob es überhaupt eine Veranstaltung geben kann. Also vielleicht mit Erfassung der Besucherzahlen oder einem Zaun drumherum. Das sind Optionen, mit denen wir rechnen, dass so etwas passieren kann.

Sie stehen als Veranstalter jedes Jahr vor neuen Problemen: Kurzfristige Übernahme der Breminale, dann Diskussionen um Geld und Förderung, eine Ausschreibung und jetzt die Corona-Absage. Wie zermürbend ist das?

Von Dölllen: Es hilft ein bisschen, dass wir nichts dafür können.

Siwinski: Das nagt schon ganz schön an mir. Ich frage mich manchmal, ob ich ein bisschen naiv an die ganze Sache herangegangen bin. Das war vielleicht auch ganz gut, denn sonst hätte ich es nicht gemacht. Aber es ist ein toller Job und die Breminale ein richtig großartiges Projekt. Wenn sie stattfindet, dann ist alles ein bisschen vergessen und vergeben.

Von Döllen: Die Situation fühlt sich bedrohlich an, weil wir nicht wissen, wie wir nächstes Jahr stattfinden können. Zudem machen wir uns große Sorgen um unsere Partner. Wir haben keine Ahnung, wie diese die Krise überstehen.

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Gibt es eine Alternative für dieses Jahr?

Siwinski: Wir haben über einige Alternativen lange nachgedacht und uns dafür entschieden, keine parallelen oder alternativen Veranstaltungen zu machen.

Von Döllen: Es wird aber eine kleine Überraschung geben in der Woche, in der die Breminale stattfindet. Vom 15. bis 19. Juli wird es am Osterdeich etwas zu sehen geben.

Siwinski: Wir machen keine Party, Konzerte oder Theater. Wir zeichnen stattdessen die Breminale, die Bühnen ein. Es soll ein Zeichen, ein Lichtblick oder auch Gruß an alle sein.

Von Döllen: Und es wird Soli-Festival-Bändchen und Soli-T-Shirts geben. Außerdem werden in der Woche, in der eigentlich die Breminale hätte stattfinden sollen, unsere Festivalplakate in der Stadt hängen.

Das Interview führte Pascal Faltermann.

Info

Zur Person

Esther Siwinski (36) ist technische Leiterin und Projektleiterin bei der Breminale. Zudem leitet sie als Geschäftsführerin die veranstaltende Agentur Concept Bureau.

Jonte von Döllen (34) ist künstlerischer Leiter bei der Breminale und damit verantwortlich für das Bühnenprogramm des Kulturfestivals am Osterdeich.

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