Negativzins für Vermögen Auch Kleinsparern im Nordwesten drohen Strafzinsen

Bundesweit fordern schon etwa 150 Banken einen Negativzins für Vermögen. Dass Banken in Bremen und in der Region irgendwann nachziehen werden, ist realistisch.
25.11.2019, 22:29
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Auch Kleinsparern im Nordwesten drohen Strafzinsen
Von Nico Schnurr

Die Strafzinsen breiten sich weiter aus: Inzwischen verlangen bundesweit etwa 150 Banken einen Negativzins für Vermögen, ein Drittel davon auch bei Privatkunden. Das erste Geldinstitut, die Volksbank in Fürstenfeldbruck bei München, fordert jetzt ab dem ersten Euro Minuszinsen ein – zumindest bei Neukunden.

„Ich habe es lange für unmöglich gehalten, dass der Negativzins für Kleinsparer kommt“, betonte Annabel Oelmann am Montag, „dass es nun tatsächlich soweit ist, ist ein absoluter Tabubruch.“ Die Chefin der Bremer Verbraucherzentrale warnt: „Wenn der erste Schock überwunden ist, werden weitere Banken nachziehen. Womöglich irgendwann auch in Bremen und der Region.“

Die Sparkasse Bremen erklärte auf Anfrage, sie wolle möglichst vermeiden, Privatkunden zu belasten. Man unternehme „erhebliche Anstrengungen, um Kunden vor den negativen Auswirkungen der Negativzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) zu bewahren“. Ausschließen, dass es anders kommt, will die Sparkasse allerdings nicht. „Da wir nicht wissen, wohin sich die Geldpolitik der EZB weiter entwickelt, können wir Garantien für die Zukunft leider nicht geben“, teilte eine Sprecherin des Unternehmens mit.

Die EZB hat die Einlagezinsen, die sie von Banken erhält, wenn sie Geld bei ihr parken, im September auf minus 0,5 Prozent gesenkt. Seitdem verschärft sich die Situation. Viele Banken reichen die Last weiter – erst an Firmenkunden und nun auch an normale Sparer. Die Volksbank Bremen wollte sich auf Anfrage nicht dazu äußern, ob Negativzinsen künftig an ihre Privatkunden weitergegeben werden. Seit August müssen Firmenkunden bei der Bank einen Negativzins zahlen. Er wird individuell ausgemacht, je nach Geschäft und Guthaben, und kann so hoch ausfallen wie der Einlagezins, den die EZB veranschlagt.

Die Commerzbank ist schon weiter: Sie bereitet Strafzinsen auf hohe Einlagen von Privatkunden vor. „Mit unseren sehr vermögenden Privatkunden suchen wir das Gespräch“, sagte ein Unternehmenssprecher, „in diesen Fällen reden wir allerdings über Einlagen von mehreren Hunderttausend Euro.“ Ab welcher Einlagenhöhe die Strafzinsen genau gelten sollen, lässt das Unternehmen offen. „Es gibt keine hart definierte Grenze.“ Für die Mehrheit ihrer Privatkunden, die Kleinsparer, schließt die Commerzbank Negativzinsen aber nach wie vor aus. Bei Firmenkunden ist das anders. Da erhebt die Bank schon länger Strafzinsen – ebenfalls ab einer bestimmten Einlagenhöhe, die nun an die gesunkenen Zinsen angepasst werden soll.

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In Niedersachsen müssen sich auch die Kleinsparer seit einer Weile auf mögliche Negativzinsen bei den Sparkassen einstellen. Thomas Mang, Präsident des Sparkassenverbandes Niedersachsen, betonte bereits im August, dass er ein politisches diskutiertes Verbot von Strafzinsen für Kleinsparer ablehne. „Ich bin gegen solche Eingriffe“, sagte Mang. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht seien die Sparkassen „fast schon bei einer Notwehrmaßnahme“, sollte ein nennenswerter Marktteilnehmer Negativzinsen einführen. Inzwischen häufen sich solche Einzelfälle.

Die Nachrichten von neuen Negativzinsen für Privatsparer nehmen stetig zu: Die Sparkasse Rotenburg-Osterholz hat ihren Strafzins auf minus 0,5 Prozent gesenkt. Zahlen müssen Privatkunden mit einem Vermögen von mehr als einer Million Euro. Die Skatbank im thüringischen Altenburg hat nicht nur die Negativzinsen auf 0,5 Prozent gedrückt, sondern gleich auch die Grenze, ab der sie gelten. Sie liegt nun bei 100 000 Euro.

„Das Sparverhalten der Deutschen wird sich ändern müssen“, glaubt Verbraucherschützerin Oelmann, „mit den Strafzinsen dürfte vielen klar werden, dass Sparen im klassischen Sinne kaum noch etwas einbringt.“ Die Zinssätze sinken seit der Finanzkrise. Seitdem sie unter der Inflationsrate liegen, sei als Kleinsparer ohnehin nicht mehr an Rendite zu denken. „Lange waren die Deutschen sicherheitsorientierte Sparer“, sagte Oelmann, „künftig bringt nur das Risiko noch Rendite.“

Jeder Anleger müsse sich überlegen, ob er „seine Einlagen praktisch unverzinst auf einem Tages- oder Festgeldkonto belässt“, sagte der Commerzbank-Sprecher. Das Unternehmen versuche schon jetzt, die vermögenden Privatkunden von alternativen Anlagemöglichkeiten zu überzeugen.

Glaubt man den Ökonomen Aloys Prinz und Hanno Beck, dann haben die Deutschen längst eine altmodische Alternative zum Konto gefunden: das Bargeld. Die Negativzinsen trieben die Sparer dazu, Scheine zu horten. Das Bargeld wandele sich vom Unsicherheitsmedium, das von Inflation bedroht wird, zu einem Absicherungsmedium. Die beiden Ökonomen glauben: „Bargeld wird zum Rettungsanker.“ Deswegen fordern sie, dass die EZB den Sparern neue Scheine mit höherem Wert zur Verfügung stellt, beispielsweise Banknoten über 10 000 Euro. Bezahlen wäre damit nicht möglich. Die Scheine sollen eine Aufgabe übernehmen, für die bislang Banken zuständig gewesen sind: Wert aufbewahren.

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