Kommentar über die Bremer Innenstadt

Die City der Zukunft muss autoarm und klimafreundlich sein

Autoarm und klimafreundlich – klappen wird das in der Bremer City am besten, wenn nicht der Popanz aufgebaut wird, nirgendwo mehr Autos zu tolerieren. Das schafft nur fruchtlosen Streit, meint Jürgen Hinrichs.
17.01.2021, 05:00
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Die City der Zukunft muss autoarm und klimafreundlich sein
Von Jürgen Hinrichs

Bremen ist eine Autostadt. Die Geschichte reicht von Borgward bis Benz, eine stolze Bilanz erfolgreicher Produktion und Garant für Tausende von Arbeitsplätzen. Das Auto zu verteufeln, wäre deshalb geradezu schizophren. Es wird in Bremen als Wirtschaftsgut gebraucht, so einfach ist das.

Diese Feststellung muss aber nicht davon abhalten, über die Art von Mobilität und den richtigen Mix nachzudenken. Das gilt insbesondere für die Innenstadt. Sie ist in Bremen in zweierlei Hinsicht von gestern. Zum einen wegen der Fixierung auf den Einzelhandel. Die Menschen sollen zum Einkaufen kommen, das vor allem, doch sie tun es immer weniger. Die Gründe sind bekannt. Es ist Jacke wie Hose, ob man den Online-Handel nimmt oder die großen Center am Stadtrand und weiter weg. Beides hat den gleichen Effekt: Die Kaufkraft speziell im Geschäft mit Bekleidung fließt woanders hin als in die City.

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Zum anderen durchschneiden noch immer Magistralen den Kernbereich der Stadt – vierspurige Fahrbahnen, die dem Auto das absolute Vorrecht einräumen. Martinistraße und Bürgermeister-Smidt-Straße stammen aus einer anderen Zeit, sie sind deshalb nicht unbedingt verzichtbar, in der Form von heute aber nicht mehr akzeptabel. Die Innenstadt muss sich ausdehnen, zur Weser hin und zum Stephaniviertel, um von dort aus die Brücke zur Überseestadt zu schlagen. Das gelingt aber nicht, solange breite und viel befahrene Asphaltbänder den Weg versperren. Sie stören und sind nicht nur ein Ärgernis, sondern ein strukturelles Problem: Was zusammenwachsen soll, bleibt getrennt.

Die Bremer Regierungskoalition aus SPD, Grünen und Linken hat aus dieser Bestandsaufnahme Konsequenzen gezogen und mit vielen anderen Beteiligten einen modifizierten Verkehrsentwicklungsplan zu Papier gebracht. Ein Ziel ist, in der Innenstadt die Autos zurückzudrängen. Gleichzeitig soll das Gebiet zwischen Wall und Weser weiterhin gut erreichbar sein, am besten noch einfacher als bisher und ökologisch sauberer – mit mehr Bussen und Bahnen, Park-and-ride-Angeboten und Fahrrad-Schnellwegen.

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So weit, so gut. Niemand in der Stadt, der ernsthaft etwas dagegen hätte, nicht die Opposition – und auch nicht die Handelskammer als Vertretung der Wirtschaft. Sie stänkert zwar immer mal wieder gegen die grüne Verkehrssenatorin und reibt sich an Einzelprojekten. Im Großen und Ganzen kann sich aber auch die Kammer nicht der Einsicht verweigern, dass die Innenstadt ein anderes Antlitz bekommen muss. Und dazu gehört eben, den motorisierten Verkehr einzudämmen, vor allem solchen, der die City nur durchquert.

Gefragt ist stattdessen mehr Lebens- und Aufenthaltsqualität, urbane Räume zum Wohlfühlen, die mit allem bespielt werden – mit Kunst und Kultur, feiner Gastronomie, überraschenden Events, viel Wohnen und, ja, weiterhin auch mit Einzelhandel, der aber nicht mehr dominant sein wird. Das alles verbunden und erschlossen mit neu organisierten Rundläufen, die eines sicher nicht brauchen: Grenzen, die vom Auto gesetzt werden.

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Das ist kein Bremer Weg, er wird genauso in vielen anderen Innenstädten im In- und Ausland eingeschlagen. Aufrufen kann man dafür nicht nur die beliebten Beispiele Kopenhagen, Gent und Oslo. Auch Weltmetropolen wie London und Paris haben den Paradigmenwechsel vollzogen. In Deutschland tun das Städte wie Köln, Münster und Hamburg. In Berlin läuft eine Volksinitiative, um Autos weitgehend aus der City zu verdrängen.

Der Fehler in Bremen ist, dass dieses Ziel von den Grünen mit der Vokabel autofrei ideologisch überhöht wird. Dabei spricht die Praxis eine andere Sprache. Die Martinistraße etwa soll nach den Plänen der grünen Verkehrsbehörde nicht gesperrt, sondern auf zwei Fahrspuren zurückgebaut und mit Tempo 30 belegt werden. Das ist richtig, ein Anfang, und so kann es weitergehen.

Die City der Zukunft muss autoarm und klimafreundlich sein – klappen wird das am besten, wenn nicht ständig neu der Popanz aufgebaut wird, nirgendwo mehr Autos zu tolerieren. Das schafft nur unnötigen Streit und fruchtlose Diskussionen.

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