Kommentar über die Bremer Innenstadt Die „alte City“ funktioniert nicht mehr

Damit die Bremer City auch in Zukunft bestehen kann, muss aus ihr ein lebendiges Quartier werden, meint unsere Gastautorin Elke Heyduck von der Arbeitnehmerkammer Bremen.
03.01.2021, 05:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Elke Heyduck

Mehr als 40.000 Menschen arbeiten in der Bremer City – nirgends in der Stadt gibt es eine höhere Arbeitsplatzdichte. Und doch wird allzu oft, wenn wir über die Innenstadt reden, hauptsächlich von Stadtentwicklung gesprochen – und zu wenig über Beschäftigung. Klar ist, nicht erst seit Corona: Die City als reine Konsumzone funktioniert nicht mehr, erst recht nicht, wenn die ­Läden und das Angebot austauschbar sind.

Online-Handel, Einkaufszentren am Stadtrand, von denen wir übrigens in Bremen besonders große haben, veränderte Konsummuster – das zeigt täglich, dass die „alte City“ nicht mehr funktioniert. Bremen hat schon heute mehr Einzelhandelsfläche als andere Großstädte, Hannover zum Beispiel oder Dortmund. Viel Fläche liegt am Stadtrand, wo bequem eingekauft werden kann. Im Wettbewerb mit diesen Einkaufsparks kann eine ausschließlich auf Konsum angelegte Innenstadt nur verlieren. Was also tun? Es geht um nicht mehr und nicht weniger als darum, aus der Innenstadt ein lebendiges Quartier zu machen. Und was heißt das? Es heißt: Kitas und Kultur in die Stadt. Bildung und Bürgerservice. Wohnhäuser, Waschsalons, Wissenschaftseinrichtungen. Gastronomie und Gemeinschaftseinrichtungen. Alles, was ein gut gemischtes Quartier ausmacht.

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Hilfreich wäre ein Leuchtturmprojekt, das den Aufbruch symbolisiert und einen Strukturwandel einleitet – wie die Uni in Leipzig, mitten in der Stadt, wie die Bibliothek in Birmingham, die die Industriestadt auf den Wissenspfad gesetzt hat, oder auch der Altmarktgarten in Oberhausen – mit Jobcenter, Dachgarten und Lebensmittelproduktion in der City. Zentral aber ist bei all dem das Thema Arbeit. Es braucht Gründer und innovative Handwerker, die die City unverwechselbar machen. Sie müssen aber auch erschwingliche Räume vorfinden. Wir brauchen Kanzleien, IT-Schmieden, Ärzte, Architekten – die großstadttypischen wissensintensiven Dienstleistungen müssen attraktive ­Milieus finden und weiter wachsen.

Aus dieser Mischung von neuer und alter Arbeit, von Wohnen und Verweilen können dann auch wieder Chancen für den qualifizierten Einzelhandel entstehen. Die Beschäftigten – hauptsächlich Frauen – brauchen eine Perspektive. Es geht hier ja nicht um einzelne Ladenschließungen, sondern um echten Strukturwandel. Sprechen wir also, wenn wir über die Innenstadt reden, über Arbeit. Und tun wir es gemeinsam – denn nichts ist für die Entstehung eines neuen Quartiers hinderlicher als das Durchsetzen von Einzelinteressen.

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Zur Person

Unsere Gastautorin ist Geschäftsführerin der Bremer Arbeitnehmerkammer. Sie hat Kulturwissenschaft und Germanistik in Bremen studiert.

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