Hohe Heizkostenabrechnungen

Behörde knöpft sich Vermieter Vonovia vor

Auffällig hohe Abrechnungen hat die Vonovia SE aus Bochum an ihre Mieter in Blumenthal verschickt. Das könnte jetzt ein juristisches Nachspiel haben. Die Umweltbehörde prüft den Sachverhalt.
11.01.2018, 17:58
Lesedauer: 3 Min
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Behörde knöpft sich Vermieter Vonovia vor
Von Patricia Brandt

Die Vonovia SE aus Bochum ist Deutschlands größter Vermieter. In Lüssum hat der Immobiliengigant seine Mieter in der Vergangenheit mehrfach mit extrem hohen Heizkosten in Bedrängnis gebracht. Nach zwei Berichten im WESER-KURIER und dessen Regionalausgabe DIE NORDDEUTSCHE haben sich nun die Bremer Behörden eingeschaltet. Das Umweltressort lässt prüfen, ob die Vonovia gegen Kartellrecht verstößt. Das Wohnungsunternehmen indes kündigt vier Wochen nach den Berichten an, dass es seine Heizkosten senken will.

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Unter dem Titel „Auffällig hohe Abrechnungen“ hatte der WESER-KURIER unter anderem über die Heizkostenabrechnung von Viktoria Azhgirevich-Popek aus der Lüssumer Heide berichtet. Die allein erziehende Mutter von vier Kindern sollte der Vonovia für fünf Monate einmalig 4744,52 Euro nachzahlen. Hohe Nachzahlungsforderungen sind in dem ökonomisch schwachen Gebiet im Norden der Hansestadt, wo die Vonovia 224 Wohnungen unterhält, keine Seltenheit. Das belegen interne Verwaltungsunterlagen, die der Redaktion vorliegen. In einigen Fällen laufen die Heizungen demnach seit Monaten oder sogar Jahren auf Hochtouren. Sie sollen sich nicht abstellen lassen. Bremen hat die Rechnungen offenbar in vielen Fällen trotzdem für Sozialhilfeempfänger und Arbeitslose gezahlt – nach Auskunft des Bremer Mieterschutzbunds ohne vorherige Prüfung.

Das soll sich ändern. „Das Bremer Umweltressort ist aufgrund der Berichterstattung in der NORDDEUTSCHEN und dem WESER-KURIER auf den Fall aufmerksam geworden und wird nun als Energiekartellaufsicht seiner Aufsichtspflicht nachkommen“, sagt Ressortsprecher Jens Tittmann. Es gehe nicht um einzelne Abrechnungen: „Es geht darum zu schauen, ob der Fernwärmepreis kartellrechtlich statthaft ist.“

Kartellrechtliche Ermittlungen

Die Behörde will vor allem feststellen, warum die Nebenkostenabrechnungen so hoch sind. Tittmann: „Wenn die Preise überhöht sind, muss man gucken: Ist der Schlusspreis überhöht, weil jemand aus seiner Wohnung eine Saunalandschaft gemacht hat? Wenn man aber feststellt, dass der Fernwärmepreis überhöht ist, wenn das also Strukturen sind, die durch zentrale Zulieferverträge zu überhöhten Marktpreisen bei der Vonovia führen, aus denen die Mieter nicht rauskommen, dann hat jemand ein Kartell gegründet – gemeinsam mit der Vonovia – um überhöhte Marktpreise zwangsmäßig durchzuleiten.“

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Die Umweltbehörde hat die Verbraucherzentrale Bremen beauftragt, sie bei der Überprüfung zu unterstützen. „Geprüft wird, ob Kosten für die Fernwärme, die in Rechnung gestellt wurden, zu hoch sind“, sagt Inse Ewen, Beraterin der Organisation. Die Verbraucherzentrale hatte bekanntlich festgestellt, dass der Fernwärmepreis, den die Vonovia ihren Mietern für das Jahr 2014 berechnet hat, bei 15,8 Cent pro Kilowattstunde lag. Die Beraterin hat sich inzwischen auch aktuelle Abrechnungen angeschaut, die die Vonovia kurz vor Weihnachten in die Lüssumer Heide geschickt hatte. „Der Fernwärmepreis war jetzt zwar mit elf Cent deutlich günstiger, aber immer noch deutlich höher als bei der SWB.“ Die SWB verlangt nach eigenen Angaben einen Fernwärmepreis von rund 8,5 Cent pro Kilowattstunde. Die Vonovia bezieht ihre Fernwärme von der Firma Fernwärme Nord.

Verunsicherte Anwohner

Viele Anwohner in der Lüssumer Heide sind wegen der Nachforderungen verunsichert. Einige haben sich bereits hilfesuchend an die Quartiersmanagerin Heike Binne gewandt. Die höchste Nachzahlungsforderung beläuft sich zurzeit auf rund 1500 Euro. „Bei der Überprüfung der Heiz- und Betriebskosten konnten keine Unstimmigkeiten festgestellt werden“, betont jedoch Vonovia-Sprecherin Bettina Benner auf Anfrage. Die Unternehmenssprecherin versichert, dass die „gemeldeten Mängel beziehungsweise Defekte an Heizköpern schnellstmöglich behoben“ würden. „Danach erfolgt eine Korrekturabrechnung auf Basis eines Mittelwertes."

Astronomisch hohe Heizpreise soll es künftig nicht mehr geben: Das Unternehmen erwartet mittelfristig eine Absenkung der Heizkosten. Zum einen, weil der Konzern gemeinsam mit der Fernwärme Nord die Übergabetechnik modernisieren wolle. Zum anderen, weil die Vonovia einen neuen Vertrag mit der Fernwärme Nord verhandelt habe. Ab Januar 2018 sollen die Mieter in Blumenthal rückwirkend einen Durchschnittspreis von 9,5 Cent pro Kilowattstunde zahlen.

Die Fernwärme Nord sieht der angekündigten Überprüfung gelassen entgegen. Eine kartellrechtliche Prüfung der Fernwärmepreise aller Versorger im Land Bremen habe bereits 2010 stattgefunden. „Hier gab es für unser Unternehmen kein Beanstandung“, sagt Prokurist Olaf Nehring. Im Übrigen könnten sich die Mieter nicht von der Fernwärme abkoppeln. Nehring: „Ein Fernwärmeversorgungsvertrag wird mit dem Gebäudeeigentümer geschlossen, da der Fernwärmeanschluss die Zentralheizung für das Gebäude ersetzt. Aus technischer Sicht ist es im Gegensatz zur Strom- beziehungsweise Gasversorgung nicht möglich, dass ein Fernwärmeversorger gezielt nur bestimmte Wohnungen in einem Mehrfamilienhaus versorgt.“

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