Annemarie Mevissen blieb 23 Jahre lang einzige Frau im Senat Biografie über Bremer Senatorin veröffentlicht

Bremen. Die Bremerin Annemarie Mevissens ist 1952 zur Senatorin gewählt worden - und blieb 23 Jahre lang die einzige Frau im Senat. Historikerin und Forscherin Renate Meyer-Braun hat jetzt eine Biografie über Annemarie Mevissen veröffentlicht.
21.07.2011, 05:00
Lesedauer: 7 Min
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Von BrItta Schlesselmann

Bremen. Die Sozialsenatorin hat klare Vorstellungen von ihrer Politik: Krippen und Kindergartenplätze sollen es Frauen erleichtern, berufstätig zu sein. Die Politikerin fordert außerdem eine bessere Verknüpfung von Erzieher- und Grundschullehrer-Ausbildung und setzt sich für die Interessen der Jugend und der Alten ein. Der Alten? Das sagt doch keiner mehr - heute spricht man von der Generation Ü60 oder von Senioren. Doch zu Annemarie Mevissens Zeiten gab es noch "die Alten". Die Bremerin wurde 1952 zur Senatorin gewählt - und blieb 23 Jahre lang die einzige Frau im Senat. Die Themen, die sie ihr politisches Leben lang beschäftigten, sind heute so aktuell wie damals.

Jetzt ist eine Biografie der Bremer Historikerin Renate Meyer-Braun über "Frau Bürgermeister" erschienen. So ließ sich Mevissen während ihrer Zeit im Senat mit Hans Koschnick nennen. Ihrer Auffassung nach hießen die Ämter "Bürgermeister" und "Senator" - und so wollte sie auch angesprochen werden. Die weibliche Anrede hatte sich in den 50er-Jahren noch nicht durchgesetzt.

Dass sie es auf der politischen Bühne Bremens einmal so weit bringen würde, hat sich Annemarie Mevissen sicher nicht träumen lassen. Sie wurde als Annemarie Schmidt am 14. Oktober 1914 zu Beginn des Ersten Weltkrieges geboren. Gemeinsam mit ihrem zwei Jahre älteren Bruder Hans wuchs sie in der Straße "Herrlichkeit"auf dem Teerhof zwischen Großer und Kleiner Weser auf und genoss dort ein Spiel- und Abenteuerparadies mit Badeanstalt vor der Tür.

Zum Bedauern der Kinder zog die Familie 1926 aber in die Gastfeldstraße. Hier wohnten sie in einem Haus der Beamten-Baugesellschaft, die Vater Wilhelm Schmidt mit anderen gegründet hatte. Die Eltern schickten beide Kinder auf die höhere Schule. Das war für diese Zeit außergewöhnlich, denn meistens blieb die bessere Schulbildung noch den Jungen vorbehalten. "Mein Grundsatz war, sie alles lernen zu lassen, was die Schule zu bieten hatte", schrieb der Vater in seinen Erinnerungen auf.

Diese Erinnerungen des Vaters sind auch ein Grundstein für die Mevissen-Biografie. Autorin Renate Meyer-Braun hat sich als Historikerin und Frauenforscherin intensiv mit Annemarie Mevissen auseinander gesetzt - sie findet, dass die Politikerin trotz ihrer Verdienste bislang nicht ausreichend gewürdigt worden ist. Meyer-Braun gibt einen Einblick in Mevissens Entwicklung: angefangen von der Mitgliedschaft in der Sozialistischen Arbeiterjugend, über ihre Ausbildung zur Buchhändlerin bei Storm bis zu ihrer politischen Karriere. Dabei wird deutlich, welch starke Vorbildfunktion der umtriebige und fleißige Vater hatte.

Ihren Mann, den Bibliothekar Werner Mevissen, lernte sie in Leipzig kennen, die beiden heirateten im Sommer 1943. Zwei jahre später wurde Tochter Ulrike geboren, 1948 Sohn Edmund. Anders als es damals üblich war, zog sich die junge Mutter nicht aus dem öffentlichen Leben zurück: Während ihre Mutter Gesine Schmidt den gemeinsamen Haushalt in Oberneuland führte, organisierte Annemarie Mevissen Zeltlager für Bremer Jungen und Mädchen in Horstedter Sand. Ein Bild zeigt sie 1947 mit ihrer kleinen Tochter auf dem Arm inmitten einer Gruppe der "Kinderfreunde" vor einem Rundzelt, das die Amerikaner zur Verfügung gestellt hatten.

Unter anderem durch dieses Engagement wurde die Bremer SPD auf sie aufmerksam - und sie wurde für die Wahl zur Verfassungsgebenden Versammlung 1946 nominiert. Damals fiel sie durch, ein Jahr später im Oktober 1947 zog sie dann doch nach der Bürgerschaftswahl ins Parlament ein.

Im Herbst 1951 bekam sie die Chance, mit anderen deutschen Nachwuchspolitikern in die USA zu reisen. Im Rahmen des Re-Education-Programms sollten die zukünftigen politischen Führungskräfte einen Eindruck von gelebter Demokratie bekommen.

Vor ihrer Abreise fragte Bürgermeister Wilhelm Kaisen die junge Politikerin, ob sie sich vorstellen könne, nach der Wahl im Oktober 1951 Schulsenatorin zu werden. Annemarie Mevissen sagte zu - und reiste nach Amerika. In Abwesenheit wurde sie gewählt - aber nicht zur Bildungssenatorin, sondern zur Jugendsenatorin. Das erfuhr sie allerdings nicht durch den Bürgermeister. Ihr Mann informierte Annemarie Mevissen darüber.

Wilhelm Kaisen wollte, dass sie die Lage der Jugend analysiert und Vorschläge zur Verbesserung erarbeitet - mehr nicht. Doch da kannte er die Sozialdemokratin schlecht. Sie wollte mehr. Es folgte ein böser Briefwechsel, in dem Kaisen bedauerte, sie überhaupt bei der Senatswahl unterstützt zu haben. Diesen Brief bezeichnete Mevissen später als "kalt, hart und zutiefst verletzend". Biografin Renate Meyer-Braun hält das Schreiben für eine Art Schlüsselerlebnis, der Mevissens Ehrgeiz entfachte.

"Sie muss sich in diesen ersten Jahren im Senat äußerst unwohl gefühlt haben", hat Renate Meyer-Braun beim Lesen der vielen Senatsprotokolle herausgefunden. Innenminister Ehlers bremste sie häufig. Und Mevissen selbst schreibt in ihren Erinnerungen: "Schlimm war für mich, dass Kaisen meine Wortmeldungen im Senat bewusst oder unbewusst übersah und mir dadurch das Gefühl völliger Bedeutungslosigkeit gab."

Es dauerte Jahre, bis sie eine gleichwertige Senatorin war, bis ihr Ressort also personell und finanziell ebenso ausgestattet wurde wie andere. Im Laufe der Jahre wuchs aber nach und nach ihr Einflussbereich: 1958 kam das Ressort Sport hinzu und 1959 Soziales. Dabei habe es große Diskussionen gegeben, ob eine Frau denn das Sportressort leiten könnte, weiß die Biografin. Doch auch auf diesem Gebiet schaffte es Annemarie Mevissen, sich die Anerkennung ihrer männlichen Mitarbeiter zu sichern.

Ihre Sportlichkeit stellte sie gelegentlich selbst unter Beweis: Zu einer Zeit, als sie mit Hans Koschnick im Senat saß und Bürgermeisterin war, weihte sie gemeinsam mit dem Senatschef das Freibad in Blumenthal ein. Koschnick als Nichtschwimmer blieb an Land. Doch Annemarie Mevissen nahm zur Einweihung an einem 50-Meter-Schwimmen von prominenten Bremern teil - und gewann. Der WESER-KURIER titelte damals "Frau Mevissen schwamm allen davon."

Die SPD-Politikerin übernahm das Amt in einer günstigen Zeit. Bremen hatte noch Geld. Und dies wurde sowohl für neue Sportstätten als auch in den Bau von Kindergärten investiert. Letztere lagen Annemarie Mevissen besonders am Herzen. Ihre Forderungen von damals klingen immer noch aktuell: "Mehr Kindergartenplätze, bessere Ausbildung für Frauen, gleiche Chancen für qualifizierte Stellen in der Wirtschaft, Verwaltung und Politik." Ebenso zeitgemäß scheint die Forderung, Kinder möglichst lange gemeinsam zu beschulen.

Gleich zu Beginn ihrer Tätigkeit setzte sich die Senatorin für eine Verbesserung der Kinderbetreuung ein. Sie entwickelte außerdem ein Ferienspielplatzprogramm, das ab 1952 über 2000 Jungen und Mädchen aus Bremen die Möglichkeit bot, die großen Ferien "angenehm und sinnvoll" zu verbringen.

Für die älteren Kinder wurden Jugendheime gebaut und Schüleraustausche mit dem Ausland organisiert. "Diese Idee ist ihr sicher auch gekommen, weil sie selbst von ihrer Amerikareise so profitiert hat", sagt Renate Meyer-Braun. Bei ihren Recherchen ist ihr aufgefallen, wie engagiert die Politikerin in allen Bereichen war: Sie organisierte nicht nur Seniorenreisen, sie fuhr auch selbst ins Weserbergland, um die Qualität der ausgewählten Quartiere zu überprüfen.

Für die Familie blieb da nicht immer viel Zeit - auch wenn "Frau Senator" meist zum Mittagessen mit Kindern und Haushälterin nach Hause fuhr. Die Haushälterin äußert in der Biografie, dass "Frau Mevissen immer mal wieder von schlechtem Gewissen geplagt war. Aber das brauchte sie nicht zu haben. Die Kinder waren das so gewohnt. Und wenn sie da war, war sie auch für die Kinder ganz da, das war klar". Allerdings bemerkten beide Kinder als Erwachsene, dass es in den Familien ihrer Freunde anders - teilweise herzlicher - zugegangen war. Ulrike und Edmund verbrachten viel Zeit bei den Großeltern in Oberneuland.

Ihr Einsatz für Kinder, Behinderte, Alte sowie ihr Engagement für den Sport bedeuteten für die Senatorin sicher schon viel Arbeit - doch kam 1967 auf die 53-Jährige noch eine weitere Aufgabe hinzu: Sie wurde Bürgermeisterin - zumindest zweite Bürgermeisterin und damit Koschnicks Stellvertreterin.

In dieser Funktion ist sie auch noch vielen älteren Bremern in Erinnerung: 1968 kletterte sie inmitten einer Demonstration beherzt auf eine Streusandkiste und sprach zu den 2000 jungen Leuten, die gegen eine Tariferhöhung bei der Bremer Straßenbahn kämpften. Mevissen gelang es, wieder eine friedliche Stimmung herzustellen. Danach wurde sie häufig als "einziger Mann im Senat" bezeichnet. "Aber das hörte sie gar nicht gerne", weiß Renate Meyer-Braun, die Annemarie Mevissen persönlich gekannt hat.

1975 trat die engagierte Politikerin zurück - für viele überraschend. Kenner der politischen Szene vermuteten, dass sie damit den progressiven Herbert Brückner als ihren Nachfolger verhindern wollte. In einer Rede wenige Tage nach dem Rücktritt sagte sie, sie sei stolz darauf, eine der entscheidenden Epochen des Aufbaus und Neubeginns in Bremen mitgestaltet zu haben. Sie sehe aber ein, "dass diese Epoche abgeschlossen ist".

Die Zeit nach ihrem politischen Leben wollte sie verstärkt der Familie widmen. Ihr Mann ging als Bibliothekar kurze Zeit nach ihr in den Ruhestand. Er starb aber bereits 1978, seine Witwe lebte noch 28 Jahre allein. 2005 wurde sie von Bürgermeister Henning Scherf als Ehrenbürgerin ausgezeichnet, nur ein Jahr vor ihrem Tod. "Eine Ehrung, die ihr viel eher zugestanden hätte", meint die Biografin.

Im Ruhestand widmete sich Annemarie Mevissen mit Begeisterung ihren Hobbys: Sie arbeitete im Garten, malte, ging mit Hund "Nico" in Oberneuland spazieren und knüpfte so Kontakte. Sohn Edmund berichtet von einer Begebenheit, die seine Mutter in dieser Zeit lachend zum Besten gab: Auf der Straße traf sie eine Bekannte, die auf sie zukam und sagte: "Frau Mevissen, ich wollte sie unterstützen, ich habe die CDU gewählt."

Die Biografie "Frau Bürgermeister Annemarie Mevissen" ist im Hauschild-Verlag erschienen, hat 328 Seiten und kostet 24 Euro.

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