Aladin in der Insolvenz

Bremer Clubs kämpfen ums Überleben

Angespannte Situation für Clubs und Konzertlocations in Bremen: Trotz der Insolvenz soll es beim Aladin in Hemelingen mit Konzerten und Partys weitergehen. Es wird nach Lösungen gesucht.
14.11.2018, 22:32
Lesedauer: 4 Min
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Bremer Clubs kämpfen ums Überleben
Von Pascal Faltermann
Bremer Clubs kämpfen ums Überleben

Das Ehepaar Gerdes hat das Aladin im Juli 2011 von Bernhard Linnenbaum übernommen, der das Aladin 34 Jahre lang geleitet hatte.

Vasil Dinev

Privat geführte Clubs, Diskotheken und Veranstaltungsstätten haben es schwer in der freien Wirtschaft. Bundesweit haben Lokalitäten für Konzerte, Musik und Partys Probleme. Aktuellster Fall in Bremen ist das Aladin in Hemelingen. Die Betreiberfirma der traditionsreichen Spielstätte und Disco Aladin Music Hall an der Hannoverschen Straße steckt in einem Insolvenzverfahren. Laut den Gesellschaftern und dem Insolvenzverwalter wird an Lösungen gearbeitet, damit es weiterhin Konzerte und Partys in dem Gebäudekomplex gibt.

In der Hansestadt kämpfen aber auch andere Lokalitäten ums Überleben. So herrschen an der Bremer Discomeile keine rosigen Zeiten mehr. Auch im Viertel tut sich einiges. Es ist und bleibt ein Kampf gegen das Clubsterben – seit Jahren. Die Situation des Aladin hört sich dramatischer an als sie ist. Da sind sich Beteiligte, Szenegrößen und andere Clubbetreiber sicher.

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Denn in dem 2500 Quadratmeter großen Gebäudetrakt, der früher mal ein Kino beherbergte, soll nicht Schluss sein. Trotz der finanziellen Schieflage der Firma der Gesellschafter Werner und Elisabeth Gerdes, die zudem Geschäftsführerin ist, soll der Betrieb weitergeführt werden. Auch nach Bekanntwerden der Insolvenz ging beispielsweise das Konzert des britischen Singer-Songwriters Frank Turner am Dienstagabend im mit 1650 Besuchern ausverkauften Aladin über die Bühne.

Und auch die künftigen Auftritte von Doro (16. November), Feuerengel (7. und 8. Dezember) oder den Donots (25. Januar 2019) sowie Partys in der Veranstaltungsstätte sollen stattfinden. „Alle verkauften Tickets für Konzerte und Partys behalten ihre Gültigkeit“, sagt der eingesetzte Insolvenzverwalter Berend Böhme von der Kanzlei Böhme & Oelbermann.

Der Anwalt zeigt sich optimistisch. Von der Insolvenz seien 58 geringfügig Beschäftigte betroffen sowie fünf festangestellte Mitarbeiter. Sie sollen drei Monate lang weiterhin ihr Geld bekommen. Wie genau die Zukunft des Aladin aussieht, kann noch niemand sagen. Es hätten sich bereits Interessenten gemeldet, die den Laden gerne betreiben würden, sagt der Insolvenzverwalter.

Mehrere Gründe für die Schulden

Lösungen könnten Mitbetreiber, ganz neue Betreiber oder aber auch eine Liquidierung der Betreibergesellschaft „Elwege Gmbh“ sein. Oberstes Ziel aller Beteiligten bleibe es aber, das Aladin weiterzuführen. Die Diskothek erfreue sich großer Beliebtheit und gehöre zu Bremen wie die Stadtmusikanten, so Werner Gerdes. Dass sich nicht mal zwei Tage nach Bekanntwerden der Nachricht bereits eine Unterstützergruppe von gut 2000 Personen im Netz gefunden habe, verdeutliche dies. Ein Vorteil laut Böhme: Werner Gerdes ist nicht nur Gesellschafter der insolventen Firma, sondern auch Eigentümer des Gebäudes.

Zu den Schulden der Aladin-Betreiber soll es aus mehreren Gründen gekommen sein. Das Ehepaar Gerdes führte von Ende 2013 bis Dezember 2017 die Großraumdiskothek Stubu. Dort lief nicht alles glatt. „Wir haben das Stubu in den letzten beiden Jahren nicht mehr wirtschaftlich betrieben“, sagt Werner Gerdes. Am Ende seien bis zu 40 Prozent weniger Besucher gekommen. Das Aladin habe das Stubu dann im Prinzip quersubventioniert, erklärt Böhme. Der laufende Pachtvertrag sei schließlich im gegenseitigen Einvernehmen aufgelöst worden. Als einen weiteren Grund nennt Werner Gerdes den heißen Sommer 2018: Besucher hätten lieber Open-Air-Partys besucht oder im Biergarten gesessen als in einem Club zu feiern.

Das Ehepaar Gerdes hat das Aladin im Juli 2011 von Bernhard Linnenbaum übernommen, der das Aladin 34 Jahre lang geleitet hatte. Er galt als ein Urgestein der Bremer Gastronomen-Szene, erlebte gut 1000 Konzerte von Künstlern wie Accept, Einstürzende Neubauten, Motörhead, Peter Maffay bis hin zu Rio Reiser und Roland Kaiser. In seiner Zeit gab es Hunderte von „Dröhnnächten“ und Mottopartys, die erst in der Aladin Music Hall, ab 1993 auch im angrenzenden Tivoli und den Locations Party Point und Roadhouse über die Bühne gingen. Das Aladin wurde 1977 als Disco in Hemelingen gegründet und gilt als überregional bekannte Veranstaltungsstätte. Auch Musiker wie Die Ärzte, Die Fantastischen Vier, Iggy Pop, Iron Maiden, Johnny Cash, Metallica, Motörhead oder Nirvana und Run DMC spielten hier.

Umsätze zurückgegangen

Die Situation der Clubs in Bremen ist nicht einfach. Als Gründe werden ein verändertes Ausgehverhalten, Lärmbeschwerden, Gentrifizierung oder juristische Streitereien genannt. Tim Meister, von 2007 bis 2010 Stubu-Betreiber, sagt, dass es im Stubu bei Getränken und der Musik die Qualität gefehlt habe. Bestätigen kann er aber auch, dass die Umsätze im Stubu in den vergangenen zehn Jahren um die Hälfte geschrumpft sind.

Andere aktuelle Beispiele: Im Juni 2016 schloss an der Discomeile der Club Lightplanke seine Türen. Das Tanzlokal Woodys ein paar Meter weiter am Rembertiring hat die Lautsprecherboxen bereits im Januar 2016 abgestellt. Die Betreiber der Lokalitäten an der Meile hatten zudem stets mit einem Schmuddelimage und einem zunehmenden Drogen-, Urin- und Müllproblem zu kämpfen. Die Diskothek Gleis 9 hinter dem Überseemuseum wird demnächst abgerissen.

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Es muss für das geplante Ensemble aus Fernbusterminal, Hotel und Parkhaus weichen. Die Betreiber suchen noch nach einem neuen Ort. Im Viertel gab es zum Beispiel im Römer in den vergangenen Jahren immer wieder Betreiberwechsel. Aus dem Rock-Domizil wurde ein Club. Mittlerweile betreibt Till Wijnen (Im Lu und Honigdachs) den Römer. Im Moments an der Straße vor dem Steintor sind ebenfalls seit geraumer Zeit die Türen geschlossen.

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