Investor will Bremer Privathochschule kaufen

Jacobs-Uni steht vor Übernahme

Eine Schweizer Forschungseinrichtung steht vor dem Einstieg in die private Jacobs-Universität in Bremen. Kopf des Projekts ist ein Geschäftsmann aus Singapur, der international im Software-Geschäft tätig ist.
13.09.2021, 13:52
Lesedauer: 4 Min
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Jacobs-Uni steht vor Übernahme
Von Jürgen Theiner
Jacobs-Uni steht vor Übernahme

Die Jacobs University in Bremen-Nord hat bald einen neuen Mehrheitseigentümer.

VAHID NESRO

Das Schaffhausen Institute of Technology (SIT) wird voraussichtlich neuer Mehrheitseigentümer der privaten Jacobs University in Bremen-Nord. Das geht aus Unterlagen hervor, die dem WESER-KURIER vorliegen. Das SIT ist eine in der Schweiz ansässige Privathochschule und Forschungseinrichtung, die 2019 gegründet wurde und sich noch in der Aufbauphase befindet. Hinter diesem Projekt steht der russischstämmige Geschäftsmann Serguei Beloussov, der Staatsbürger Singapurs ist und mehrere international tätige Software-Unternehmen aufgebaut hat.

Eine endgültige Entscheidung des Senats über den Einstieg des SIT steht noch aus, sie soll voraussichtlich in der nächsten Woche getroffen werden. Bremen hatte Ende vergangenen Jahres nach dem Rückzug der Jacobs-Stiftung aus der Privathochschule übergangsweise die Mehrheitsanteile übernommen. Die Wissenschaftsbehörde war seither auf der Suche nach einem Investor, in dessen Hände die Geschäftsanteile übergeben werden können. Minderheitsanteile sind weiterhin im Besitz der Reimar-Lüst-Stiftung und der Vereinigung der Jacobs-Absolventen.

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Das SIT hat nach Informationen des WESER-KURIER zugesagt, mindestens 25 Millionen Euro auf dem Campus in Bremen-Nord zu investieren und im Bedarfsfall einen Betrag in gleicher Höhe nachzuschießen. Inhaltlich sollen die Studienangebote der Jacobs University stark auf Computerwissenschaften ausgerichtet werden. Stichworte sind Künstliche Intelligenz, Interaktion von Mensch und Maschine sowie die Entwicklung sogenannter Quanten-Computer, die bei der Rechenleistung einen gewaltigen Sprung gegenüber herkömmlicher Technologie versprechen. Die vorhandenen Studienangebote der Jacobs-Uni sollen weitgehend erhalten bleiben, allerdings teilweise auf das neue Profil hin weiterentwickelt werden.

Die Wissenschaftsbehörde führte seit dem Winter Vorgespräche mit fast 20 möglichen Investoren, die ihr Interesse an einem Einstieg auf dem Grohner Campus bekundet hatten. Zwischengeschaltet war die Bremer Firma Translink Corporate Finance, die solche Geschäfte begleitet und das Bewerbungsverfahren strukturiert. Die Behörde von Senatorin Claudia Schilling (SPD) stellte dabei von Beginn an klar, dass potenzielle Erwerber der Jacobs University nicht mit finanziellen Hilfen Bremens rechnen könnten. Neben dem Schaffhausen Institute of Technology kamen letztlich drei weitere mögliche Investoren in die engere Wahl. Verhandelt wurde unter anderem mit einer Gruppe möglicher Geldgeber, die Verbindungen zum früheren Jacobs-Management haben. Sie wollten ihre Aktivitäten in einer Schweizer Holding bündeln und die Jacobs-Anteile mit diesem Vehikel erwerben. Auch ein chinesischer Fonds zeigte Interesse. Hinter ihm steht letztlich der chinesische Staat. Dieses Übernahmemodell sah vor, in China eine Partneruniversität mit dem Namen Jacobs University aufzubauen. Ein vierter Gesprächsstrang führte zu einer Gesellschaft niederländischen Rechts, die in mehreren Ländern private Hochschulen betreibt.

Nach Abschluss der Gespräche hält die Wissenschaftsbehörde die Schweizer Forschungseinrichtung offenbar für die beste Adresse, auch weil der Einstieg des SIT eine weitere Steigerung der Studentenzahlen verspricht. Gegenwärtig sind in Grohn 1500 junge Leute eingeschrieben. Langfristig sollen es 4500 sein, wobei ein Teil der Studiengänge in digitaler Form oder in Teil-Präsenz organisiert sein soll. Wissenschaftsstaatsrat Tim Cordßen-Ryglewski bestätigt die Einigung bisher nicht offiziell, weil das Verfahren noch läuft. Er beschränkt sich auf die Aussage: "Es zeichnet sich eine sehr gute Lösung ab, wir sind auf den letzten Metern."

Mit Verwunderung wird der Ablauf des Verkaufsprozesses derweil in der türkischen Hauptstadt Ankara aufgenommen. Nach Informationen des WESER-KURIER gab es ein detailliertes Angebot der dort ansässigen Ostim Tech University, einer Hochschule mit technischem Profil. Ihr Angebot sah unter anderem Investitionen in den Campus in Höhe von rund 115 Millionen Euro vor. Dieses Geld sollte in den Bau neuer College-Gebäude und Laboratorien, in wissenschaftliche Ausrüstung und den Bau eines Science Parks fließen. Auch eine deutliche Steigerung der Zahl der Studenten und Professoren war vorgesehen. Im Mai gab es erste Gespräche mit dem Akquisitionsvermittler Translink und Vertretern der Jacobs-Geschäftsleitung. In Ankara empfand man den Dialog offenbar als vielversprechend. Anfang Juni kam dann allerdings die Absage von Translink – Ostim Tech sei nicht mehr in der engeren Wahl.

Dies wirft die Frage auf, nach welchen Kriterien Translink Corporate Finance und das Bremer Wissenschaftsressort die möglichen Anwärter auf einen Kauf der Jacobs-Mehrheitsanteile ausgewählt haben. Wie wurde entschieden, welches Angebot seriös und verhandlungswürdig ist? Nach Angaben von Behördensprecher Rainer Kahrs waren dabei unter anderem drei Faktoren ausschlaggebend. Einer davon sei die Abwicklung der Transaktion innerhalb einer vorgegebenen Frist, ein anderer die Bereitstellung ausreichender Mittel für den operativen Betrieb der Jacobs-Uni. Außerdem sollten sich die Erwerber mit bestimmten Rahmenbedingungen einverstanden erklären, unter anderem mit dem Abschluss eines Erbbauvertrages mit der Stadt.

Zur Sache

Campus und Oeversberg

Sollte der Einstieg des Schaffhausen Institute of Technology bei der Jacobs University perfekt werden, würden sich auch die Eigentumsverhältnisse auf dem Grohner Campus und dem angrenzenden Freizeitgelände Oeversberg, auf dem mehrere Sportvereine Anlagen unterhalten, ändern. Gegenwärtig gehört das Campus-Grundstück der Jacobs-Uni. Das Gelände soll auf die Stadt zurückübertragen werden, die Jacobs-Uni würde es anschließend über einen Erbbauvertrag für 99 Jahre nutzen können. Die Stadt plant zudem, den Oeversberg wieder komplett in ihr Eigentum zu überführen, was den Sportvereinen eine langfristige Perspektive sichern würde. Insgesamt muss Bremen hierfür rund 2,7 Millionen Euro aufbringen. Derzeit gehört die Osthälfte des Oeversbergs der Privathochschule.

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