Nach G20-Gipfel in Hamburg Bremer Polizisten: „Das war Krieg“

Bremer Polizisten berichten von ihren Erlebnissen rund um den G20-Gipfel in Hamburg. Für ihre Unterstützung und den gefährlichen Einsatz bekommen sie drei Tage Sonderurlaub.
12.07.2017, 12:51
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Bremer Polizisten: „Das war Krieg“
Von Jan Oppel

Die Bilder von den Ausschreitungen beim G20-Gipfel gingen am vergangenen Wochenende um die Welt: Vermummte warfen Steine auf Polizisten, bauten Barrikaden, plünderten Geschäfte und zündeten Autos an. Zwei Bremer Polizisten waren mittendrin. Ihr Einsatz ist vorbei. Was bleibt, sind die Bilder im Kopf.

„Diese Erlebnisse werde ich noch lange mit mir herumtragen“, sagt Horst Detken, Leiter der technischen Einheit. In Hamburg war der Bremer für die Koordination der Wasserwerfer und Sonderfahrzeuge zuständig. Um seine Erlebnisse zu verarbeiten, hat der 62-Jährige ein Gedächtnisprotokoll geschrieben. Detken ist seit mehr als 40 Jahren im Polizeidienst. „Ich habe schon viel gesehen, aber so etwas habe ich noch nicht erlebt“, sagt er.

Ein Schlachtfeld

„Das war Krieg“. Detken weiß, wovon er spricht. Als er mit seinen Kollegen durch die verwüsteten Straßen fuhr, fühlte sich das für ihn an wie eine Zeitreise. 1999 war der Kommissar aus Bremen im Kosovo eingesetzt. Der Krieg war da gerade vorbei und die Straßen ein Schlachtfeld. In Hamburg dauerten die Krawalle nur ein verlängertes Wochenende.

Alles hatte am vergangenen Donnerstag bei der „Welcome to Hell“-Demo am Hamburger Fischmarkt begonnen. Hier hatten sich Hunderte Vermummte unter die Teilnehmer gemischt. Die Polizei schritt ein – offenbar, um den schwarzen Block der Linksautonomen vom Rest der Demonstranten zu trennen. Im Nachhinein warfen die Verantwortlichen der Kundgebung den Beamten übertriebene Härte vor.

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Ob dieser Einsatz nun verhältnismäßig war oder nicht, darüber wollen die Bremer Polizisten nicht sprechen. Eins sei aber klar: „Die Lage ist eskaliert“, sagt Detken. Steine, Flaschen, Pyrotechnik: Er und seine Kollegen seien „unter ständigem Beschuss“ gewesen. Längst nicht alle Angreifer seien vermummt gewesen. Jugendliche hätten die Beamten attackiert, aber auch Ältere „weit über 60“, erzählt Detken.

Bezeichnungen wie „schwarzer Block“ oder Linksextremisten findet er unpassend – „für mich sind das einfach Straftäter, die uns angegriffen haben“. Die Lage sei kaum zu überblicken gewesen, zudem behinderten zahlreiche Schaulustige die Arbeit der Polizei. Er selbst habe sich in seinem gepanzerten Wagen verhältnismäßig sicher gefühlt, sagt Detken. Für die Kollegen auf der Straße sei der Einsatz hingegen die Hölle gewesen.

Randalierer attackieren Anwohner

Daniel S. war in der ersten Reihe. Der stellvertretende Leiter der Bremer Beweissicherungs- und Festnahme-Einheit, kurz BFE, führte in Hamburg eine Hundertschaft mit Beamten aus Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein an. Seine Einheit hatte die Aufgabe, den schwarzen Block vom Rest der Demonstranten zu isolieren. Im Flaschenhagel versuchten S. und seine Kollegen, das Areal zu räumen. Festnahmen seien unter diesen Bedingungen gar nicht mehr möglich gewesen.

Die Demo am Donnerstag sollte aber nur ein Vorgeschmack auf das sein, was die Polizisten am Freitagabend im Schanzenviertel erwartete. Am Schulterblatt eskalierte die Lage. In der Chaos-Nacht brannten Barrikaden, Geschäfte wurden geplündert, von einem Dach aus bewarfen Vermummte die Polizei mit Steinen und einem Molotow-Cocktail. BFE-Leiter S. kämpfte mit seiner Einheit Meter für Meter den Zugang der Sternschanze frei. Die Randalierer zündeten immer neue Barrikaden an. Als Anwohner diese löschen wollten, seien die Chaoten auch auf sie losgegangen, berichtet S. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass von denen jemand in diesem Viertel wohnt“, sagt er. „Das waren Krawalltouristen.“

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Seit zwölf Jahren ist S. bei der BFE. „So etwas habe ich noch nicht erlebt“, sagt auch er. Die Angreifer hätten sich mit Eisenstangen und Steinen bewaffnet und seien auf die Beamten zugestürmt. Nach jedem Zusammenstoß hatte S. verletzte Kollegen zu beklagen. Selbst beim Rückzug seien die Beamten angegriffen worden. Prellungen durch Steinwürfe oder Schläge, herausgeschlagene Kniescheiben und ein Halswirbeltrauma: 16 der 42 Bremer BFE-Beamten waren am Ende der Nacht außer Gefecht gesetzt.

10.000 Liter fasst der Tank eines Wasserwerfers. „Normalerweise reicht der eine ganze Demo lang“, erklärt Detken. Am Freitag war das Wasser nach einer guten halben Stunde verschossen. Mehrmals mussten die Polizisten an Hydranten in der Sternschanze nachtanken. Brenzlig wurde es dann in den frühen Morgenstunden: Von einem Baugerüst aus wurden Detken, S. und die anderen Polizisten mit Stahlkugeln beschossen. Die Kugeln gruben sich in das Blech der Einsatzfahrzeuge und zerfetzten einen Autospiegel. „Da hatte ich schon ein mulmiges Gefühl“, sagt S. Die Brutalität der Angreifer sei zu diesem Zeitpunkt „völlig enthemmt“ gewesen.

G20-Bilanz der Polizei

Die G20-Bilanz der Bremer Polizei: 19 Verletzte. BFE-Leiter S. sieht in dem Einsatz dennoch einen Erfolg. Immerhin habe es keine Toten gegeben. Von Donnerstag bis Sonntag blieben ihm und seinen Kollegen gerade sechs Stunden Ruhezeit. Nun bekommen sie drei Tage Sonderurlaub. Einige kämpfen noch mit Belastungsstörungen. Der soziale Dienst der Polizei kümmert sich um die seelische Aufarbeitung des Gipfel-Wochenendes.

Am Ende zeigt S. noch ein Foto auf seinem Smartphone. Ein Kollege hat es ihm geschickt. Eine Kinderzeichnung, Sonne, Wolken und ein Heißluftballon sind darauf zu sehen. Daneben steht in bunten Buchstaben: „Papa – welcome back to heaven.“

Polizisten bekommen Sonderurlaub

Bremer Polizisten, die zur Unterstützung zum G20-Gipfel in Hamburg entsandt wurden, bekommen für ihren gefährlichen Einsatz drei Tage Sonderurlaub.

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Damit folge Bremen einer Initiative Hamburgs, der sich bislang Berlin, Niedersachsen, Bayern, das Saarland und Schleswig-Holstein angeschlossen hätten, erklärte Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) am Mittwoch. Der Sonderurlaub sei ein Zeichen der Wertschätzung für den geleisteten Einsatz unter tagelanger höchster Nervenanspannung. "Die Kolleginnen und Kollegen haben in Hamburg immer wieder ihr Leben und ihre Gesundheit riskiert."

Die Bremer CDU-Fraktion forderte in einem Antrag an die Bürgerschaft, Gewalt von Linksextremisten entschiedener entgegenzutreten. Mit Angriffen auf Polizisten, aber auch gegen Unbeteiligte, hätten die Randalierer eine "nie dagewesene Qualität von Krawall, Zerstörung und Gewalt" herbeigeführt, so die Christdemokraten. Konsequenzen nach derartigen Ereignissen dürften nicht nur appellativen Charakter haben. Die Bürgerschaft müsse alle Formen politisch motivierter Gewalt gleichermaßen bekämpfen. Die Strukturen des linksextremistischen und autonomen Spektrums in Bremen müssten aufgedeckt werden.

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