Nach Brandanschlag auf Wohnungsunternehmen

Bremer Radikale auf Gewaltkurs

Polizei lässt 29-jährigen Tatverdächtigen wieder frei. Der Brandanschlag auf Autos von Vonovia könnte Teil einer Serie von Straftaten gegen die Wohnungswirtschaft sein.
04.11.2019, 21:07
Lesedauer: 3 Min
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Bremer Radikale auf Gewaltkurs
Von Jürgen Hinrichs
Bremer Radikale auf Gewaltkurs

Der Anschlag auf neun Autos ist der bisher schwerste politisch motivierte Gewalttat gegen die Wohnungswirtschaft.

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Nach dem möglicherweise politisch motivierten Brandanschlag auf Fahrzeuge des Wohnungsunternehmens Vonovia in Bremen hat die Polizei einen Tatverdächtigen wieder auf freien Fuß gesetzt. Das teilte die Behörde am Montag auf Anfrage des WESER-KURIER mit. Der 29-jährige Mann war in der Nacht zu Sonntag kurz nach dem Anschlag festgenommen worden. Bei dem Feuer wurden neun Autos beschädigt oder komplett zerstört. Nach Angaben der Polizei beläuft sich der Gesamtschaden auf rund 250.000 Euro.

Am Ort des Anschlags auf dem Gelände des Tabakquartiers in Woltmershausen liegt noch Brandgeruch in der Luft. Spezialisten der Polizei sichern Spuren und spekulieren, wie die Täter vorgegangen sein könnten. Bei fast allen Autos haben die Front und der Motorraum gebrannt. Die Scheiben sind zerborsten, ein Bild der Verwüstung.

Maschendrahtzaun durchtrennt

Die Täter hatten sich gegen drei Uhr morgens durch einen Maschendrahtzaun Zutritt verschafft. Der Draht wurde aufgeschnitten. Nach den Brandspuren zu urteilen, könnte es nach einer bekannten Methode abgelaufen sein: Grillanzünder auf den Autoreifen legen, anzünden, weglaufen. Fünf Minuten später brennt der Reifen, nach zehn Minuten das Auto.

Die Polizei will sich zu solchen Einzelheiten nicht äußern. Sie sagt nichts über den Mann, der festgenommen und wieder freigelassen wurde. Ist er weiterhin tatverdächtig? Keine Auskunft auch über ein mögliches Bekennerschreiben. „Das ist Teil der Ermittlungen, dazu können wir nicht Stellung nehmen“, erklärt ein Sprecher der Behörde. Wer den Fall an sich ziehe, sei noch nicht klar. Der Staatsschutz, zuständig für Straftaten mit politischem Hintergrund, prüfe noch.

Für Vonovia ist es nach eigenen Angaben in Bremen nicht das erste Mal, dass Fahrzeuge des Unternehmens in Brand gesteckt wurden. Im Sommer dieses Jahres sei das schon einmal passiert, berichtet auf Anfrage eine Vonovia-Sprecherin. Näheres will sie dazu nicht sagen und verweist in beiden Fällen auf die Ermittlungen der Polizei.

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Der Konzern, der allein in Bremen nach aktuellem Stand 11.381 Wohnungen besitzt, steht in der Kritik. Die Beschwerden richten sich gegen Mieterhöhungen, die als teilweise exorbitant bewertet werden. Unter dem Deckmantel von energetischen Modernisierungen werde Wucher betrieben, so der Vorwurf. In Bremen hatten Mieter dagegen geklagt und im März vor dem Landgericht recht bekommen. Ein ziviler, gewaltloser Protest, der Erfolg hatte. Doch es gibt andere Formen. Vor zwei Wochen brannten in Freiburg im Breisgau zwei Autos der Vonovia. Zu der Tat bekannte sich die Autonome Antifa. Auch in Dresden waren im Mai und August mehrere Fahrzeuge des Unternehmens in Flammen aufgegangen. Dort ermittelt das Landeskriminalamt.

Auch andere Wohnunternehmen im Visier

Im Fokus der Gewalttäter ist aber nicht nur Vonovia. Anfang Oktober wurden beim Eigentümerverband Haus & Grund in Bremen sämtliche Scheiben eingeschlagen. Bis zu sechs vermummte Personen hatten nach Aussage von Zeugen mit Feuerlöschern, Steinen, Farbflaschen und Hämmern die Glasfassade traktiert und durch die Löcher in den Fenstern Farbe in die Innenräume gesprüht. Haus und Grund beziffert den Schaden auf rund 70.000 Euro. Wesentlich schlimmer, so Geschäftsführer Ingmar Vergau, sei aber der Schock gewesen, den seine 35 Mitarbeiter am Morgen nach der Tat verarbeiten mussten. Im Internet veröffentlichten die Täter ein Bekennerschreiben, in dem sie sich gegen privates Eigentum speziell bei Wohnungen wenden. Bereits Mitte August waren vier Immobilienbüros in Findorff und Walle das Ziel. Auch dort blieben kaputte Scheiben und beschmierte Wände zurück.

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Vor dem Hintergrund der Zunahme solcher Fälle hatte die Bremer Innenbehörde im Oktober eine Erklärung abgegeben: „Die wachsende Tendenz, mit Sachbeschädigungen Aufmerksamkeit zu erzielen und politische Positionen auf höchst destruktive Art und Weise in die Öffentlichkeit zu tragen oder gar politische Gegner anzugreifen, beschäftigt die Sicherheitsbehörden in der Tat sehr“, so Rose Gerdts-Schiffler, Sprecherin von Innensenator Ulrich Mäurer (SPD). Das sei allerdings kein rein bremisches Phänomen, sondern ein bundesweites. Die mutmaßlichen Täter kämen aus unterschiedlichsten Spektren und Szenen.

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