Bremer Ratskellermeister im Porträt Botschafter für Wein und Stadt

Karl-Josef Krötz hat seine Bestimmung gefunden: Als Ratskellermeister trägt er den Ruf der Weinsammlung sowie der Stadt Bremen in die Welt. Dass er kaum Freizeit hat, nimmt er gerne in Kauf.
18.10.2020, 05:00
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Botschafter für Wein und Stadt
Von Maurice Arndt

Sein Gaumen ist womöglich der wichtigste der Stadt. Was er für gut befindet, das ist es auch. Als Ratskellermeister ist das der Job von Karl-Josef Krötz. Eine Aufgabe, die ihn mächtig stolz macht. Allüren sind ihm jedoch fremd. Bremens Chefwinzer stürzt sich lieber in seine Arbeit, die er sogar mit in den Urlaub nimmt.

In wenigen Tagen steht der Herbsturlaub an. Seine erster in diesem Jahr. Für die meisten Menschen wäre klar: Wecker aus, Terminkalender leer. Für den Ratskellermeister heißt das: ein paar freie Stunden mehr zwischen Berufsterminen, die er im Alltag nicht unterbekommen hat. „Ich habe eigentlich keine Hobbys“, sagt er. Einzige Ausnahme: samstagabends, 18.00 Uhr, Sportschau. Allerdings ist das nicht ganz richtig. Denn hört man ihm auch nur wenige Augenblicke zu, wenn er über Wein spricht, wird sofort klar, dass sein Beruf für ihn sogar mehr als ein Hobby ist. Er brennt förmlich für Wein.

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Karl-Josef Krötz und der Wein, das ist ein unvermeidbares Paar. Er wurde bereits mit Riesling getauft. Groß geworden ist der 63-Jährige auf dem väterlichen Weingut. Klar, dass man schon in jungen Jahren mal am Wein nippt. Sein erster Wein? Riesling Auslese, Jahrgang 1959. Ein sogenannter Jahrhundertwein. Es wirkt so, als hätte dieser Wein seinen weiteren Lebensweg vorbestimmt. Der Riesling stammte von den Erdener Treppchen – der Heimat des Bremer Senatsweins. Erst vor kurzem probierte er erneut einen 1959er: „Der ist hitzig, heiß, mediterran“, schwärmt er mit einem breiten Grinsen.

Gebürtig stammt Krötz aus der winzigen Gemeinde Neef an der Mosel. Weinregion. Bereits mit 20 Jahren schloss er sein Studium zum Weinbauingenieur, heute Diplom-Önologe, an der Hochschule Geisenheim ab. Bis heute ist er der jüngste Absolvent. Er landete anschließend auf einem Weingut für trockene Weine, wo er Anfang der 1980er Jahre zusammen mit dem Winzermeister an der Spitze von Weinbauern stand, die trockenen Wein wieder salonfähig machten.

Nachtschicht vor dem Vorstellungsgespräch

Anerkannt in der Region und mit der Aussicht auf die Übernahme des Familien-Weingutes: Wieso landete Karl-Josef Krötz in Bremen? Ganz sicher ist er sich selbst nicht. Zwar hatte er sich auf die Stellenausschreibung, die in WESER-KURIER, FAZ und Fachzeitschriften veröffentlicht wurde beworben. Jedoch eigentlich nur, um zu schauen, „wie der eigene Marktwert so ist“. Entsprechend gelassen ging er die Aufgabe an. In der Nacht vor dem ersten Vorstellungsgespräch in der Bremer Landesvertretung in Bonn schob er eine Nachtschicht. Die Fahrt zum zweite Vorstellungsgespräch in Bremen nutzte er, um Weinflaschen auszuliefern.

Das zeigt zwei seiner Charakterzüge: Pflichtbewusstsein und Pragmatiker-Mentalität. Er ist sich nicht zu schade auch mal mit anzupacken. Diese Eigenschaft machte er sich im ersten Jahr als Ratskellermeister, 1989, zunutze. Statt in seinem Büro direkt hinter den Stadtmusikanten – „das beste der Stadt“ – fand man ihn meistens in den Kellergewölben. Pakete schleppen. „Ich war der zweitjüngste Mitarbeiter. Es war mir wichtig, dass die Kollegen sich respektiert fühlten.“

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Seine eigentliche Aufgabe ist eine andere: Der gute Ruf des Ratskellers, liegt in seinen Händen. „Es muss das Ziel jedes Weinbauern sein, dass sein Wein bei uns geführt wird“ – das ist sein Anspruch. Für diesen Ruf kämpft er. In den ersten Jahren seines Wirkens wehrte er sich erfolgreich dagegen, dass nichtdeutsche Weine Einzug in den Ratskeller erhielten. Nicht falsch verstehen: Krötz hat nichts gegen ausländische Weine, im Gegenteil, Bordeaux-Wein etwa trinkt er sehr gerne, doch ihm geht es um das Image.

3000 Weine im Jahr

Zudem glaubte er an die Stärke des deutschen Weines. In seinen ersten Jahren kaufte er zahlreiche Weine von damals unbekannten Weinbauern ein, weil sie gut waren. Heutzutage bekomme selbst er kaum noch Weine von diesen Winzern, weil der Rebensaft vergriffen sei, berichtet er stolz. Damit er auch heutzutage immer noch die besten findet, probiert er gut 3000 Weine im Jahr. Ob ein Wein Potenzial hat, sei ihm meist nach wenigen Sekunden klar.

„Man muss diszipliniert sein“, sagt Krötz. Er spucke bei einer Weinprobe jedes Glas wieder aus. Das ist nicht nur ein Segen für seine Leber, sondern auch für seinen Geschmackssinn. Er könne es sich nicht leisten seine Sensorik zu verlieren. Man müsse sich auf sein Urteil verlassen können. „Wir haben das Wappen der Stadt Bremen auf unserer Visitenkarte. Wir sind Genussbotschafter der Stadt. Entsprechend müssen wir uns auch benehmen.“ Der Stolz, für den Ratskeller arbeiten zu dürfen, und die Verpflichtung, diesen entsprechend zu vertreten, gehen für ihn einher.

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Wer nun denkt, Bremens Chefwinzer sei ein steifer Mann, liegt falsch. Wenn er mal Dampf ablassen muss, legt er zu Hause Creedence Clearwater oder Led Zeppelin auf, und auch im Beruf gilt für ihn: Ein gesittetes Auftreten verbietet Lockerheit nicht. Zumal das nicht zum Wein passen würde. „Wein ist ein Freudenspender. Mit einem guten Wein nimmt man die Besonderheiten des Lebens auf“, sagt er. Es ist ihm wichtig, diese Lebensfreude weiterzugeben. Dass etwa Führungen wegen der Pandemie kaum möglich sind, betrübt ihn. Er hofft, dass er vor seinem Ruhestand noch wieder andere Zeiten erlebt.

Zwei Jahre sind es bis dahin. Doch daran denkt er noch nicht. „Es gibt noch viel zu tun“, sagt der Kellermeister, der Abwerbe-Angebote stets ablehnte, weil er und seine Frau sich in Bremen wohlfühlen. Man merkt ihm an: Er ist noch nicht fertig mit seiner Arbeit und auch nach 31 Jahren im Beruf hat er kein Quäntchen Faszination für den Rebensaft verloren. Ein guter weißer Fisch, den er in Bremen schätzen lernte, mit Kartoffeln und einer leichten Buttersoße, dazu ein Riesling – „das ist Weltklasse“, entspringt es ihm bei dem Gedanken daran.

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