Rennen um einen Corona-Impfstoff

Bremer Virologe: „Schon ein Jahr ist sehr optimistisch“

Der Bremer Virologe und Uni-Professor Andreas Dotzauer geht nicht davon aus, dass schon Ende 2020, wie einige Firmen ankündigen, ein Impfstoff bereit steht. Warum, erklärt er im Interview.
21.05.2020, 17:22
Lesedauer: 2 Min
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Bremer Virologe: „Schon ein Jahr ist sehr optimistisch“
Von Sabine Doll
Bremer Virologe: „Schon ein Jahr ist sehr optimistisch“

Das Rennen um den Impfstoff: Wer findet das erste Corona-Mittel?

Sebastian Gollnow/dpa

Herr Dotzauer, etwa 120 Impfstoffprojekte sollen derzeit weltweit laufen – ist es allein angesichts dieser Menge absehbar, dass es bald einen Durchbruch gibt?

Andreas Dotzauer: Es handelt sich um verschiedene Ansätze, die verfolgt werden. Das liegt auch daran, dass man nicht wirklich weiß, was eine vernünftige Immunantwort hervorrufen wird, die dann auch schützend wirkt. Je mehr Labore dies daher probieren, desto größer sind natürlich die Chancen, dass ein Kandidat dabei ist, der schnell wirksam sein könnte.

Kann schon Ende 2020 ein Impfstoff zur Verfügung stehen, wie es zum Beispiel auch eine Mainzer Firma ankündigt?

Das ist eine Frage, ob bis dahin wirklich alle Tests abgeschlossen sind. Auch wenn es ein Eilverfahren bei der Zulassung wird, kann man nicht auf bestimmte Standards, die überprüft werden müssen, verzichten. Es muss zum Beispiel die Wirksamkeit getestet werden, dafür sind Tierversuche notwendig. Dann geht es natürlich um die Sicherheitsaspekte – und das ist unabhängig vom Ansatz. Deshalb halte ich es für sehr optimistisch, die Zeit unter einem Jahr anzusetzen; schon ein Jahr ist sehr optimistisch, deshalb wird es wahrscheinlich nicht funktionieren.

Andreas Dotzauer leitet das Laboratorium für Virusforschung an der Uni Bremen.

Andreas Dotzauer leitet das Laboratorium für Virusforschung an der Uni Bremen.

Foto: FR

Wenn es einen Impfstoff gibt, das Virus sich aber verändert – ist dann alles für die Katz, oder kann der Impfstoff wie bei der Grippe immer wieder angepasst werden?

Man könnte anpassen, aber was jetzt entwickelt wird, wäre umsonst. Es gibt verschiedene Varianten des Virus, und natürlich mutieren Viren. Dieses Coronavirus scheint zwar nicht besonders mutationsfreudig zu sein, aber ich wage nicht vorherzusagen, wie es in einem Jahr aussieht. Der jetzige Ansatz bei der Impfstoffentwicklung ist schon ganz gut, aber es gibt keine Garantie, dass es nicht zu Mutationen kommt.

Könnte auch noch alles anders kommen und das Virus verschwindet doch über den Sommer – wie es bei einem ähnlichen Sars-Virus Anfang der 2000er-Jahre der Fall war?

Ich glaube nicht, dass dies passiert. Die Box ist geöffnet, das Virus ist da, es ist weltweit verbreitet und wird bleiben. Man wird es wohl nur durch Impfaktionen eliminieren können. Diese müssten aber weltweit stattfinden, ansonsten wird es immer irgendwo einen Herd geben, aus dem es sich verbreiten kann.

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Wie lange kann es dauern, bis große Teile der Bevölkerung in Deutschland durchgeimpft sind und eine sogenannte Herdenimmunität als Schutz der Gemeinschaft aufgebaut ist?

Das wird lange dauern, ich sehe aber vor allem eine andere Schwierigkeit: Die Impfwilligkeit der Bevölkerung, die Vorbehalte in Deutschland gegenüber dem Impfen sind groß. Das wird das Hauptproblem sein, wenn der Impfstoff da ist. Bei diesem Virus liegt die Herdenimmunität mit etwa 70 Prozent sehr niedrig, aber ich habe meine Zweifel, dass man sie erreichen kann ohne eine Impfpflicht.

Das Gespräch führte Sabine Doll.

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Zur Person

Andreas Dotzauer (59)

leitet das Laboratorium für Virusforschung an der Uni Bremen. Er beschäftigt sich unter anderem mit der Aufklärung von Mechanismen bei der ­Entstehung von Viruserkrankungen.

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