Gestiegene Nachfrage Cannabis auf Rezept ist begehrt

Deutlich mehr Patienten als erwartet wollen sich Cannabis als Medikament verschreiben lassen. Weil medizinisches Cannbis importiert werden muss, führt das teilweise zu Lieferproblemen in Apotheken.
15.01.2018, 06:30
Lesedauer: 4 Min
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Cannabis auf Rezept ist begehrt
Von Sabine Doll

Seit zehn Monaten ist die illegale Droge Cannabis als Medikament auf Rezept erhältlich: Bundesweit sind bei den Krankenkassen bereits mehr als 13.000 Anträge auf Kostenübernahme eingegangen, auch in Bremen und Niedersachsen wollen sich immer mehr Patienten Cannabis verschreiben lassen. „Es sind deutlich mehr Anträge, als wir erwartet haben“, bestätigt der Sprecher der Bremer Handelskrankenkasse (HKK), Holm Ay, dem WESER-KURIER auf Nachfrage.

Seit März vergangenen Jahres sind danach bei der Kasse 142 Anträge eingegangen, von denen 80 genehmigt und 60 abgelehnt wurden, zwei Anträge sind noch in Bearbeitung. Gründe für Ablehnungen seien vor allem, dass keine schwerwiegende Erkrankung vorlag, dass andere Therapien noch nicht ausgeschöpft oder die Unterlagen nicht vollständig waren. Cannabis auf Rezept bekommen etwa Patienten mit schweren chronischen Schmerzen. Je nach Dosis und in welcher Form Cannabis genutzt wird, variieren die Kosten: „Der Preis von Cannabisblüten liegt abhängig von der Dosierung zwischen 600 und 2500 Euro pro Monat“, so HKK-Sprecher Ay.

Cannabis-Anbaugebiete ab 2019 wohl auch in Deutschland

Bevor Cannabis als Medikament zugelassen wurde, hatten nur etwa 1100 Patienten in Deutschland eine Ausnahmegenehmigung von dem zuständigen Bundesamt für den Konsum. „Der Gesetzentwurf hatte bundesweit mit nur rund 700 Patienten gerechnet, die Cannabis als Medikament benötigen“, sagt Carsten Sievers, Sprecher der AOK Niedersachsen. „Allein bei uns sind aber in den ersten zehn Monaten schon 850 Anträge eingereicht worden, 299 davon wurden genehmigt, 342 abgelehnt, 146 waren unvollständig, und 63 Anträge sind noch in Bearbeitung.“

Der Run auf Kassen und Apotheken hat Folgen: Zeitweise komme es zu Lieferschwierigkeiten, weil medizinisches Cannabis zurzeit noch aus Kanada und den Niederlanden importiert werden muss. „Versorgungsengpässe gibt es zwar nicht, aber punktuell kann es vorkommen, dass Apotheken vereinzelt auf eine Lieferung warten müssen“, sagt die Geschäftsführerin der Bremer Apothekerkammer, Isabel Justus. Die gestiegene Nachfrage und Lieferprobleme haben inzwischen auch die Gesundheitsbehörden auf den Plan gerufen: Bremens Gesundheitssenatorin Eva Quante-Brandt (SPD) hat sich nach Auskunft ihrer Sprecherin über die Lage informiert, Hinweise auf große Lieferschwierigkeiten gebe es für aber Bremen nicht. Die Sprecherin des niedersächsischen Gesundheitsministeriums, Naila Eid, berichtet dagegen: Das bundesweit entstandene Lieferproblem betreffe auch Apotheken in Niedersachsen.

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Ab 2019 soll auch in Deutschland Cannabis angebaut werden, allerdings sei es fraglich, ob dieser Zeitplan eingehalten werde, sagt die Sprecherin der Techniker Krankenkasse in Bremen, Inga Heinrich. „Erst Mitte vergangenen Jahres hat es eine Ausschreibung für die neue Cannabisagentur des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte gegeben. Deshalb wird es voraussichtlich aufgrund der bundesweit gestiegenen Nachfrage auch weiterhin immer wieder Lieferprobleme bei Händlern und Importeuren geben.“ Eine konkrete Auswertung für Bremen kann die TK noch nicht vorlegen, „wir gehen aber von 25 Anträgen in unserem Bundesland aus“, sagt der Leiter der Kasse in Bremen, Sören Schmidt-Bodenstein. Bundesweit habe die TK 64 Prozent der Anträge genehmigt.

Bei der AOK Bremen/Bremerhaven sind 31 Anträge auf Kostenübernahmen eingegangen, 14 wurden nach Angaben ihres Sprechers, Jörn Hons, bewilligt. 13 Anträge wurden abgelehnt, über vier weitere sei noch nicht entschieden. Ablehnungen hätten nichts mit der gestiegenen Nachfrage zu tun, beteuern die Krankenkassen. „Wir gehen nicht leichtfertig mit Cannabis auf Rezept um. Die individuelle Anwendung und der Nutzen für den einzelnen Patienten muss aus unserer Sicht weiterhin sorgfältig geprüft werden.“

Bremen als Vorreiter

Jenseits der Debatte um Cannabis auf Rezept wollen Grüne und SPD in Bremen die schrittweise Liberalisierung im Umgang mit der illegalen Droge im kleinsten Bundesland vorantreiben. Ein gemeinsamer Antrag mit Thüringen für die legale Abgabe von Cannabis im Rahmen von Modellprojekten war im Sommer im Bundesrat gescheitert. „Jetzt wollen wir das ausschöpfen, was auf Landesebene möglich ist“, sagt der Sprecher der Grünen-Fraktion, Matthias Makosch. Ziel sei es, die dadurch frei werdenden Mittel in die Prävention, insbesondere für Jugendliche, zu investieren und den Cannabis-Konsum zu entkriminalisieren.

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Wesentliche Punkte eines gemeinsamen Antrags für die Bürgerschaft: Erwerb und Besitz von Cannabis zum Eigengebrauch soll bis zu einer bestimmten Menge grundsätzlich straffrei bleiben. Diese Grenze liegt derzeit bei sechs Gramm, die Grünen wollen sie auf 15 Gramm anheben. Soweit will die SPD-Fraktion nicht gehen. „Das ist schwer vermittelbar, wir halten einen Grenzwert von zehn Gramm für sinnvoll, weil wir uns damit an anderen Bundesländern orientieren“, sagt die gesundheitspolitische Sprecherin der Sozialdemokraten in der Bürgerschaft, Stephanie Dehne. Außerdem sollen Erwachsene in Bremen künftig bis zu vier Cannabis-Pflanzen zum Eigengebrauch anbauen können.

Bremen wäre das erste Bundesland, in dem die Cannabis-Ernte zu Hause erlaubt ist. Auch die Beurteilung der Fahrtüchtigkeit von Cannabis-Konsumenten soll neu geregelt werden. Die Grünen wollen den jetzt gültigen Grenzwert, ab dem der Führerschein entzogen werden kann, anheben. Dieser Punkt ist zwischen den Fraktionen aber noch strittig.

Die SPD will über den gemeinsamen Antrag auf einer Fraktionssitzung in den nächsten Wochen abstimmen. „Ziel ist es, ihn danach so schnell wie möglich in die Bürgerschaft zu bringen“, sagt Dehne. „Ich stehe voll dahinter.“

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