Interview mit der Bremer Bildungssenatorin

Claudia Bogedan (SPD): „Wir sind auf alles vorbereitet“

Wiedereinstiegspläne, zwei Termine für das Abitur und Homeschooling als Ersatz für den Unterricht im Klassenzimmer: Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD) spricht über die Auswirkungen der Corona-Krise.
11.04.2020, 07:03
Lesedauer: 4 Min
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Claudia Bogedan (SPD): „Wir sind auf alles vorbereitet“
Von Lisa-Maria Röhling
Claudia Bogedan (SPD): „Wir sind auf alles vorbereitet“

Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD) geht von einem schrittweisen Start für die Schulen aus.

Karsten Klama
Frau Bogedan, auch nach den Osterferien werden Schulen und Kitas in Bremen geschlossen bleiben. Das ist für Eltern und Kinder eine große Herausforderung. Wie wird Ihr Ressort sie unterstützen?

Claudia Bogedan: Unsere Mission lautet: Rechtssicherheit schaffen, damit keiner Sorge haben muss, dass eine Schülerin oder ein Schüler einen Nachteil aus dieser Situation hat.

Aber wie soll diese Rechtssicherheit hergestellt werden, wenn Eltern auf einmal das, was eigentlich Experten mit ihren Kindern bearbeiten, im Homeoffice aufarbeiten müssen?

Das ist nicht die Erwartungshaltung. Schülerinnen und Schüler sind mit Material versorgt worden, damit die Lernprozesse nicht abreißen. Aber der Unterrichtsbetrieb ist eingestellt. Die Leistungen, die zu Hause erbracht werden, werden sicherlich positiv gewürdigt, aber das ist nichts, was faktisch in eine Notengebung einfließen kann. Das ist nicht nur eine Frage der Rechtssicherheit, sondern auch eine Frage der sozialen Gerechtigkeit.

Inwiefern?

Wir können in diesen Tagen keinen gerechten Zugang zu Bildungsangeboten ermöglichen, weil die Ausgangsbedingungen zu Hause sehr unterschiedlich sind, manche Kinder haben nicht einmal einen Schreibtisch geschweige denn einen Computer. Da müssen wir an Lösungen arbeiten. Bisher sind nur zwei Wochen Unterricht ausgefallen, letztlich müssen uns die Virologen und Gesundheitsexperten sagen, wie und wann man wieder in den Kita- und Schulalltag zurückkehren kann. Wir sind aber auf alles vorbereitet.

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Gibt es schon Details zu solchen Wiedereinstiegsplänen?

Das liegt nicht nur in unserer Hand. Wir werden auf Beschlüsse der Kultusministerkonfernze sowie der Ministerpräsidenten und der Kanzlerin eingehen. Wir stellen uns vor, dass der Start zunächst schrittweise und in Kleingruppen stattfinden und die Notbetreuung weiterhin sichergestellt wird. Wir wollen uns in den Schulen zunächst auf die Kinder fokussieren, die diese Unterstützung besonders benötigen. Die anderen werden mit Zusatzmaterialien über Itslearning oder über Lernpakete der Schulen versorgt.

Das Lernen zu Hause ist etwas holprig gestartet, das ohnehin fragile Projekt digitale Schule ist ziemlich auf die Probe gestellt worden. Was tut Ihr Ressort, um die Strukturen zu festigen?

Wir sind das einzige Bundesland, das eine etablierte, landesweite Lernplattform hat, mit der wir alle Schülerinnen, Schüler und Lehrkräfte datengeschützt erreichen können. Jetzt gilt es, Lerninhalte noch besser aufzuarbeiten. Digitales Lernen ist für uns auch eine Chance, individuell zu fördern und damit die Inklusion wesentlich voranzutreiben.

Welche Rolle können dabei die Mittel des Digitalpakts Schule spielen?

Der Bund unterstützt Hardware- und nicht didaktische Lösungen, wir sind aber in Kontakt, um die Mittel entsprechend umzuwidmen. Die wichtigste Frage ist eigentlich, wie Lerninhalte in digitale Arbeitsprozesse übertagen werden können. Mit der Umwandlung eines Schulbuches in ein PDF ist das nicht getan, da ist noch Luft nach oben.

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Bremer Schulen sind in Sachen Digitalisierung sehr unterschiedlich aufgestellt, die Nutzung von Itslearning ist für Lehrkräfte weitgehend freiwillig. Könnte sich das nach Corona ändern?

Corona zeigt, dass die Sorgen, Ängste und Vorurteile, die manche Lehrkräfte gegenüber digitalem Lernen hatten, jetzt weitgehend abgebaut wurden. Aber ich würde in einer solchen Krise nicht darauf setzen, dass Homeschooling, auch wenn alle Lehrkräfte verpflichtet würden, digitale Infrastrukturen zu nutzen und mitziehen, als Ersatz für Schule funktioniert.

Experten warnen, dass durch den Schulausfall die Schere zwischen Arm und Reich weiter aufgehen wird. Wie sollen Schulen und Kitas das nach der Krise abfedern?

Wir arbeiten gerade daran, zusätzliche Lernangebote für benachteiligte Kinder zu schaffen, um die Folgen der Corona-Krise abzufedern. Das wäre mit außerschulischen Angeboten in Kleingruppen möglich, falls es in den kommenden Wochen Lockerungen der Maßnahmen gibt und der Unterricht schrittweise wieder hochgefahren wird.

Gerade für die Abiturienten ist die jetzige Phase sehr belastend. Die Prüfungen finden statt, allerdings fordern einige Schülerinnen und Schüler ein sogenanntes Durchschnittsabitur ohne Abschlusstests. Was spricht dagegen?

Es gibt kein Abitur ohne Prüfungen. So lange Gesundheitsexperten keine Einschränkungen fordern, können wir nicht einfach alles absagen. Das ist kein Bremer Weg, sondern eine Vereinbarung aller 16 Bundesländer. Wir reagieren mit einem zweiten Termin darauf, dass die Verunsicherung und die emotionale Belastung für Abiturientinnen und Abiturienten in der jetzigen Phase noch höher als sonst ist.

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Einige Eltern machen sich Sorgen, weil ihre Kinder zu Risikogruppen gehören. Wie können diese Familien mit der Situation umgehen?

Es herrscht kein Zwang zur Prüfungsteilnahme, das sage ich ganz deutlich. Mit ärztlichem Attest gibt es die Möglichkeit, den angedachten Nachschreibtermin im Juni wahrzunehmen. Wenn das nicht geht, gab es auch schon vor Corona die Möglichkeit, individuelle Lösungen für jede Schülerin und jeden Schüler zu finden. Keiner soll einen Nachteil aus dieser Situation haben.

Auch bei den übrigen Schülerinnen und Schülern herrscht Unsicherheit, mutmaßlich werden sie noch mehr Unterricht verpassen. Kann es am Ende des Schuljahres überhaupt faire Noten geben?

Wir müssen Angebote machen, um Stoff nachzuholen, weil die Lernmöglichkeiten im Moment zu unterschiedlich sind, um eine Vergleichbarkeit zu schaffen. Immerhin kann in Bremen niemand sitzen bleiben, da haben wir einen Vorteil. Aber eins ist klar: Wir müssen uns von bestimmten Inhalten und Themen in diesem Schulhalbjahr verabschieden. Daran, wie das in den folgenden Schuljahren aufgefangen werden kann, arbeiten wir gerade.

Trotz Corona dreht sich die Welt weiter, im neuen Schuljahr werden mehr Schülerinnen und Schüler erwartet, auch in den Kitas werden mutmaßlich wieder zahlreiche Plätze fehlen. Kommt Ihre Behörde mit dem Ausbau noch hinterher?

Wir haben durchaus Sorge, dass wir an bestimmten Punkten wegen Corona zu Lieferengpässen kommen. Aber momentan ist das meiste im Zeitplan.

Das Gespräch führte Lisa-Maria Röhling.

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Info

Zur Person

Claudia Bogedan (SPD)

ist seit 2015 Senatorin für Kinder und Bildung. Zuvor war die studierte Sozialwissenschaftlerin unter anderem Referatsleiterin bei der Hans-Böckler-Stiftung in Düsseldorf.

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