Corona in Zahlen Die Auswirkungen der Pandemie im Land Bremen

Das Coronavirus bestimmt derzeit das Leben der Menschen im Land Bremen. Todesopfer, ein hoher Bedarf an medizinischem Material und notwendige Finanzhilfen sind die Folgen. Ein Blick auf die Zahlen.
19.04.2020, 05:00
Lesedauer: 6 Min
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Von Sabine Doll und Jean-Pierre Fellmer

Seit Wochen beschäftigt das Coronavirus die Welt – und damit auch Bremen. Jetzt gibt es erste Lockerungen der Maßnahmen, mit denen die Ausbreitung von Sars-CoV-2 eingedämmt und Menschen vor einer Infektion mit dem Virus geschützt werden sollen. Eine Zwischenbilanz in Zahlen.

Die Kontaktpersonen

Die wesentliche Strategie, um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen, ist das Nachverfolgen von Infektionsketten. Jeder nachweislich Infizierte wird danach befragt, mit welchen Menschen er oder sie in den letzten 14 Tagen Kontakt hatte. In Bremen übernimmt dies das Gesundheitsamt. Pro Fall könne im Schnitt mit 5 bis 6 Kontaktpersonen gerechnet werden, heißt es aus der Bremer Gesundheitsbehörde. Aber: Nicht alle seien Kontaktpersonen der Kategorie I. Das Robert-Koch-Institut teilt in drei Stufen ein. Bei Kategorie I handelt es sich um Personen mit mindestens 15-minütigem Gesichts-(„face-to-face“)Kontakt etwa bei einem Gespräch. Dazu gehören Menschen aus einem Haushalt.

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Die Infizierten und die Todesfälle

Die Gesundheitsbehörde gibt täglich den Stand zum Infektionsgeschehen im Land Bremen heraus: Stand Samstag waren bislang 582 Menschen mit dem Coronavirus infiziert. Dabei handelt es sich um die von einem Labor bestätigten Fälle. 25 Menschen mit einer Covid-19-Erkrankung sind gestorben. 301 Infizierte sind genesen. Das Gesundheitsamt hat die bisherigen Daten ausgewertet (Stand Donnerstag): Im Median liegt das Alter der Infizierten bei 48 Jahren – bei Männern sind es 49, bei Frauen 48 Jahre. Der Anteil der unter 20-Jährigen in der Gruppe der Infizierten ist mit 3,8 Prozent am kleinsten. 16,8 Prozent sind 20 bis 29 Jahre alt, 28,1 Prozent über 60 Jahre alt. Der Median bei den Todesfällen: 83 Jahre.

Die Virustests

Bislang sind im Land Bremen nach Auskunft der Gesundheitsbehörde mehr als 14.700 Menschen auf das Coronavirus getestet worden. Die deutliche Mehrheit der bisherigen Labornachweise – fast 97 Prozent – ist negativ (Stand Mitte der Woche). Das bedeutet: Das Virus konnte nicht nachgewiesen werden. Präventive Tests, ohne begründeten Verdacht auf eine Infektion, sind nicht vorgesehen. Das liegt unter anderem daran, dass die Testkapazitäten in den Laboren dafür nicht ausreichen.

Die Labore haben technisch aufgerüstet. Allerdings wird es wegen der großen Nachfrage immer schwieriger, an sogenannte Reagenzien (Testlösungen) zu kommen, die für den Labornachweis essenziell sind. Die Kriterien, wer auf das Coronavirus getestet wird, sind mehrfach vom Robert-Koch-Institut (RKI) angepasst worden. Danach werden Menschen getestet, die mögliche Covid-19-Symptome wie Halsschmerzen, Fieber oder Atembeschwerden haben. Ein weiteres Kriterium: Kontakt in den vergangenen 14 Tagen zu einem nachweislich Corona-Infizierten. Bei dem Test, der von einem Arzt angeordnet werden muss, handelt es sich um einen Abstrich aus dem Mund-, Nasen- oder Rachenraum.

Die Corona-Ambulanzen

Aktuell gibt es 4 Corona-Ambulanzen im Land Bremen. Dort werden Abstriche für die Laboruntersuchung auf das Coronavirus vorgenommen. Der erste Standort in der Stadt Bremen wurde am 9. März am Klinikum-Mitte eingerichtet und am 22. März wieder geschlossen – die Ersatz-Ambulanz eröffnete am Folgetag in den Messehallen 5 und 6 auf der Bürgerweide. Sie wird gemeinsam von dem Klinikverbund Gesundheit Nord (Geno) und dem Land Bremen betrieben. Die Corona-Ambulanz am Klinikum-Ost hat ihren Betrieb am 16. März aufgenommen, Betreiber ist die Geno.

In Bremen-Nord ist die Kassenärztliche Vereinigung Bremen (KVHB) für Organisation und Betrieb der am 1. April eröffneten Ambulanz zuständig. Der Standort Bremerhaven wurde am 20. März eröffnet, er wird von der KVHB, dem Klinikum Reinkenheide und der Ameos Klinik betrieben. Nicht nur in den Corona-Ambulanzen werden die Abstriche genommen, auch Kliniken, Arztpraxen und das Gesundheitsamt testen – die Nachweise erfolgen dann in 4 Laboren, drei befinden sich in Bremen und eines in Bremerhaven.

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Die Kapazitäten in den Kliniken

Nach Angaben der Gesundheitsbehörde werden 42 Beatmungsplätze und 50 Intensivplätze (Stand Mitte der Woche) in den Kliniken des Landes ausschließlich für Covid-19-Patienten vorgehalten. Stand Sonnabend müssen 41 Menschen stationär versorgt werden, davon 13 auf Intensivstationen. 9 der intensivmedizinisch behandelten Personen müssen beatmet werden.

Neben diesen speziellen Plätzen für sehr schwer erkrankte Patienten müssen auch Betten auf regulären Stationen vorgehalten werden. Die Gesundheitsbehörde hatte die Kliniken in Bremen aufgefordert, planbare und nicht dringende Operationen zu verschieben, um freie Kapazitäten zu schaffen. „Aktuell gibt es 122 Betten auf Normalstationen nur für Covid-19-Patienten. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum werden damit mehr als 1200 Patienten weniger in Kliniken versorgt“, so Behördensprecher Lukas Fuhrmann. Dies sei näherungsweise die Größe für die „leergezogenen“ Betten.

Die Beatmungsgeräte

Die Kapazitäten zur künstlichen Beatmung in schwer betroffenen Ländern wie Italien oder China haben sich als Nadelöhr gezeigt. Bremen hat – um diese Kapazitäten aufzustocken – wie die anderen Bundesländer Beatmungsgeräte beim Bundesgesundheitsministerium bestellt. Beschaffung und Verteilung werden dort zentral organisiert. „Wir haben einen Bedarf von 176 Beatmungsgeräten gemeldet, geliefert wurden bislang 49 Geräte“, sagt der Sprecher der Gesundheitsbehörde, Lukas Fuhrmann.

Die Kosten für Anschaffungen

Das Land Bremen hat bislang Schutzausrüstung für mehr als 20 Millionen Euro bestellt. „Dieser Betrag ist aber noch nicht vollständig bezahlt, das geschieht erst nach Lieferung“, sagt der Sprecher der Gesundheitsbehörde, Lukas Fuhrmann. Die verteilte Ausrüstung werde Kliniken, Pflegeheimen und anderen Abnehmern in Rechnung gestellt. Pro neu aufgestelltes Intensivbett erhielten die Kliniken aus Bundesmitteln 50.000 Euro. „Die genauen Kosten sind aktuell noch nicht verfügbar. Schon jetzt ist klar, dass die Finanzierung aus Bundesmitteln den Bedarf nicht annähernd deckt“, so der Sprecher.

Die Schutzausrüstung

Mit Beginn der Krise und dem Anstieg der Infektionszahlen hat sich bundesweit gezeigt: Bei der Schutzausrüstung in Kliniken, Arztpraxen, Pflegeeinrichtungen und bei ambulanten Pflegediensten herrscht Mangel. Das hat mehrere Gründe: Ein Großteil der Hersteller befindet sich unter anderem in China, wo die Pandemie ihren Ursprung nahm und die Produktion weggebrochen ist.

Zweitens: Schutzausrüstung wie Kittel, Visiere, chirurgischer Mund-Nasen-Schutz sowie die für Ärzte und Pflegepersonal besonders wichtigen FFP2- und FFP3-Masken sind weltweit gefragt. Drittens: In Deutschland gab es keine Bevorratung. Bremen hat sowohl beim Bund als auch in Eigenregie Schutzausrüstung bestellt: insgesamt mehr als 2,5 Millionen FFP-2-Masken und knapp 3 Millionen Mund-Nasen-Schutzmasken. Geliefert wurden nach Angaben der Gesundheitsbehörde mehr als 300.000 FFP-2-Masken und mehr als 700.000 Mund-Nasen-Schutzmasken. Die Lieferungen vom Bund liefen sehr stockend. „Der überwiegende Teil sind eigene Bestellungen“, sagt Behördensprecher Lukas Fuhrmann.

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Die Finanzhilfen

Der Senat sowie der Haushalts- und Finanzausschuss haben Geld für unterschiedliche Zwecke bereitgestellt. Die Corona-Soforthilfen sind Förderprogramme, um die Auswirkungen auf die Wirtschaft abzumildern. Die erste Förderung beträgt laut Finanzbehörde 10 Millionen und die zweite 25 Millionen Euro. Mit ihnen werden Finanzhilfen des Bundes ergänzt. Sie dienen dazu, Wirtschaftsunternehmen zu stützen. Eine dritte Förderung über 250.000 Euro soll Liefergemeinschaften helfen.

Zusätzlich wurde ein Topf mit knapp 5 Millionen Euro geschaffen, um Mehrbelastungen diverser Stellen und Institutionen aufzufangen. Etwa, um studentische Hilfskräfte zu bezahlen, die bei der Bearbeitung von Soforthilfe-Anträgen helfen, um freischaffende Künstler zu unterstützen oder ein Soforthilfeprogramm für den Sport. Ein weiteres Sofortprogramm umfasst 4 Millionen Euro und soll die digitale Lehre vorantreiben sowie den Studierendenservice an den bremischen Hochschulen helfen. Um Studierende während der Einschränkungen zu finanzieren, wurde der Darlehensfonds um 440.000 Euro aufgestockt. Außerdem hat der Senat 770 000 Euro freigegeben, um die fehlenden Einnahmen aus Kita-Beiträgen im April zu kompensieren.

Wie viel Geld der Soforthilfen am Ende abgerufen wird, sei derzeit noch nicht klar, sagt Simon Hammann, Referent des ­Finanzsenators. Zusätzlich seien Kosten zu erwarten, die sich derzeit noch nicht messen ließen. Dazu gehörten etwa fehlende Steuereinnahmen durch eine schwächere Konjunktur.

Die Folgen für die Wirtschaft

Derzeit liegen 5600 Anzeigen von Betrieben auf Kurzarbeit vor, die größtenteils im März eingegangen seien, teilt die Wirtschaftsbehörde mit. 80 Prozent der Anträge (Stand vergangener Mittwoch) seien abgearbeitet. Hierfür wurde die Anzahl der Bearbeiter von 17 auf 170 erhöht. Aussagekräftige Zahlen zu Insolvenzen in Bremen gibt es laut Behörde nicht.

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Die Corona-Verstöße

Vom 18. März bis zum 13. April hat es laut Innenbehörde 282 Strafanzeigen gegeben und außerdem wurden 227 Ordnungswidrigkeiten wegen Verstößen gegen das Infektionsschutzgesetz erfasst. Bis vergangenen Dienstag seien 7950 Euro an Bußgeldern verhängt worden.

Bereits Anfang April hatte der Senat einen Bußgeldkatalog veröffentlicht, der konkret benennt, was Verstöße gegen die Corona-Verfügungen kosten. Schon zuvor waren diese Delikte geahndet worden. Bei Menschenansammlungen im öffentlichen Raum drohen Bußgelder zwischen 50 und 150 Euro pro Beteiligtem. Wer zum Beispiel Bars, Teestuben, Sportanlagen oder Kinos für die Öffentlichkeit zugänglich macht, muss mit Bußgeldern zwischen 500 und 2500 Euro rechnen. Kunden, Besucher oder Gäste werden gesondert zur Kasse gebeten, in der Regel mit 150 Euro.

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