Mehrere Bremer Straßenzüge sind nach NS-Sympathisanten benannt

Debatte um heikle Straßennamen

Bremen. Wenn eine Straße umbenannt werden soll, wird es oft schwierig und langwierig. In Bremen und Bremerhaven stehen mehrere Straßen in der Diskussion, weil ihre Namensgeber dem Nationalsozialismus besonders nahe standen.
19.12.2012, 05:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Corinna Tonner
Debatte um heikle Straßennamen

Auch in Brinkum, wo dieses Foto entstand, gibt es eine Diskussion darüber. ob die dortige Agnes-Miegel-Straße ihren Namen behalten soll.

Udo Meissner

Bremen. Wenn eine Straße umbenannt werden soll, wird es oft schwierig und langwierig. In Bremen und Bremerhaven stehen mehrere Straßen in der Diskussion, weil ihre Namensgeber dem Nationalsozialismus besonders nahe standen.

Es sind die Ortsämter und Beiräte in Schwachhausen und Obervieland und der Magistrat in Bremerhaven, die sich mit unliebsamen Namenspatronen beschäftigen müssen. "Natürlich ist niemand darüber glücklich, dass wir diese Problematik haben", sagt die Ortsamtsleiterin von Schwachhausen, Karin Mathes. "Aber wir können eine Straße auch nicht einfach umbenennen. Wir setzen auf breite Bürgerbeteiligung", betont Mathes.

Es sind die gewählten Beiräte, die laut Gesetz das Recht haben, Straßennamen in ihrem Stadtteil zu vergeben. In Schwachhausen steht die Hedwig-Heyl-Straße in der Kritik. Heyl (1850 bis 1934) wurde in Bremen als Tochter von Eduard Crüsemann geboren, der den Norddeutschen Lloyd mitbegründete. Die Tochter gründete den deutschen Hausfrauenbund, sprach von ihrer "inneren Verwandtschaft" zu Hitlers Zielen und hielt eine "scharfe Behandlung der Judenfrage" für richtig. Bis zu einer Umbenennung der Straße würden aber auf jeden Fall mehrere Jahre vergehen, vermutet Ortsamtsleiterin Mathes: "Zunächst muss der Beirat, der noch viele andere Themen zu bearbeiten hat, sich damit befassen und eine Mehrheit dafür stimmen. Dann werden die Anwohner angeschrieben und zur Diskussion eingeladen. Viele Anwohner schreckt dann der bürokratische Aufwand ab." Das Beste wäre laut Mathes, wenn die Anwohner sich für eine Umbenennung einsetzen würden: "Wenn die Initiative aus der Straße selbst käme, wäre es am einfachsten."

Doch davon ist in den Stadtteilen bisher wenig zu spüren. In Obervieland geht es um die Agnes-Miegel-Straße. Die Dichterin (1879 bis 1964) schrieb glorifizierende Gedichte und "Weiheverse" für "Den Schirmer des Volkes". 1933 gehörte sie zu den Schriftstellern, die das "Gelöbnis treuester Gefolgschaft" für Hitler unterschrieben. 1944 wurde sie von diesem und Joseph Goebbels in der "Gottesbegnadetenliste" unter den sechs wichtigsten deutschen Schriftstellern aufgezählt.

Im November 2011 wurde die Namensgeberin, nach der bundesweit Straßen und Plätze benannt sind, zum Thema in Obervieland. Ortsamtsleiter Ingo Funck erläutert: "Wir bekamen eine Anfrage aus der Senatskanzlei, ob es Hinweise darauf gibt, dass die Anwohner den Namen ändern möchten. Der Beirat hat daraufhin festgestellt, dass es solche Hinweise nicht gibt." Dabei möchte er die Anwohner nicht missverstanden wissen: "Niemand möchte ins falsche Licht gerückt werden oder sich nachsagen lassen, er fände die Nazis gut." Aber das Interesse an einer Umbenennung sei einfach nicht allzu groß. "Wenn der Wunsch da wäre, würden wir es machen", so Funck.

In Bremerhaven geht der Magistrat die Sache systematisch an. Anlass war die öffentliche Debatte über den Namensgeber der Frenssenstraße, den Schriftsteller Gustav Frenssen (1863 bis 1945). Frenssen bejahte ab 1938 die Ausgrenzung der Juden und trat für die Euthanasie ein. Zurzeit werden von einer Expertenkommission aus Historikern und anderen Fachleuten alle 250 "personenbezogenen" Straßennamen untersucht. Magistratssprecher Helmut Stapel erläutert: "Das Material wird gesichtet, und dann entscheidet das Gremium, welche Namen unbelastet sind. Diese werden dann beiseite gelegt und man wird sich mit den problematischen Fällen eingehender befassen." Das Ergebnis der Untersuchung soll Mitte des kommenden Jahres vorliegen. Im Fokus stehen neben Gustav Frenssen nach Angaben des Stadtarchivars Hartmut Bickelmann auch der ehemalige Oberbürgermeister Walter Delius und der Nobelpreisträger Adolf Butenandt. "Das Verhältnis beider Personen zum Nationalsozialismus konnte bisher nicht eindeutig geklärt werden", so Bickelmann.

Der Leiter des Staatsarchivs Bremen, Konrad Elmshäuser, rät zu Besonnenheit. "Natürlich dürfen wir keine Verbrecher als Namensgeber akzeptieren." Doch Elmshäuser warnt vor allzu starker Schwarz-Weiß-Malerei: "Wenn wir mit Straßennamen nur noch gute, allerbeste Menschen in allen Punkten verherrlichen wollen – wo wollen wir die denn finden?" Die "Konditionierung des öffentlichen Raumes auf Ecken- und Kantenlosigkeit" findet er nicht nur positiv, denn so werden unliebsame Teile der Geschichte immer mehr aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt.

Lesen Sie auch

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+