Syrisches „Funun“-Festival vom 12. bis 19. August

Die kulturellen Schätze Syriens

Unter den rund 6000 Syrern, die 2015 einen Asylantrag in Bremen stellten, sind überdurchschnittlich viele Intellektuelle und Kulturschaffende. Um die ganze Bandbreite syrischer Kultur zu zeigen, finden Kultur-Veranstaltungen statt.
14.07.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Sigrid Schuer
Die kulturellen Schätze Syriens

Rajab Ibrahim gehört zu den Gründern des Vereins Seku.

Roland Scheitz

Unter den rund 6000 Syrern, die 2015 einen Asylantrag in Bremen stellten, sind überdurchschnittlich viele Intellektuelle und Kulturschaffende. Um die ganze Bandbreite syrischer Kultur zu zeigen, finden Kultur-Veranstaltungen statt.

„Wir sind nicht im Krieg geboren. Wir sind keine Krieger“, betont Rajab Ibrahim. „Mit unserem kürzlich gegründeten Verein Seku, Syrischer Exil-Kultur-Verein, wollen wir dazu beitragen, dass die Menschen Syrien nicht nur mit Kriegsnachrichten in Verbindung bringen“, fügt der aus Syrien stammende Geschäftsmann, der in Bremen lebt, hinzu. Ziel des Vereins sei es, die ganze Bandbreite syrischer Kultur zu zeigen: Musik, Malerei und Literatur. Denn unter den rund 6000 Syrern, die 2015 einen Asylantrag in Bremen stellten, sind überdurchschnittlich viele Intellektuelle und Kulturschaffende.

Seit Beginn des Bürgerkriegs sind rund eine Million Syrer nach Deutschland gekommen. Ibrahim und die Gründungsmitglieder des Vereins, unter denen sich auch der inzwischen emeritierte Professor für Wirtschafts-Arabistik Alexander Flores von der Hochschule Bremen, die Wirtschafts-Arabistin Jasmina Heritani, Libuse Cerna, Vorsitzende des Bremer Rates für Integration sowie der im Ostertor lebende Bauunternehmer und Bremer Ehrenbürger Klaus Hübotter befinden, haben aus diesem Grund das „Funun Festival – Syrische Kultur in Bremen“ ins Leben gerufen.

Funun kommt aus dem Arabischen und steht für Künste. In der Woche vom 12. bis 19. August sind an verschiedenen Orten Kultur-Veranstaltungen aus Syrien zu erleben, das vor dem verheerenden Bürgerkrieg als kulturelles Zentrum der arabischen Welt galt. Die Schirmherrschaft des Festivals übernimmt Bürgermeister und Kultursenator Carsten Sieling.

Lesen Sie auch

Mit einer Crowdfunding-Kampagne wird unter www.bremen.de/schotterweg und www.startnext.com um finanzielle Unterstützung geworben. Hier können Interessierte auch vorab Karten erwerben. Dabei haben sie die Chance, einen von 20 Musikworkshop-Plätzen und zehn Karten für die Abschlussparty mit Künstlern und Organisatoren zu gewinnen. Sehr zur Freude von Rajab Ibrahim hat die Karin-und-Uwe-Hollweg-Stiftung bereits 10 000 Euro gespendet. Als Kooperationspartner konnte das Organisationsteam das Institut français an der Contrescarpe ins Boot holen. Am Montag, 15. August, um 17 Uhr wird mit einer Vernissage eine Ausstellung mit Werken und Kalligraphien von Ahmad Salma eröffnet. Der syrische Künstler wurde 1975 als Kind palästinensischer Flüchtlinge in Damaskus geboren. Der studierte Modedesigner wandte sich 2002 der Kunst zu.

Salma lebt seit 2012 in der Nähe von Hannover und gibt auch Kunst-Workshops für junge Flüchtlinge. Er interpretiert die alte, arabische Kunstform der Kalligraphie neu: „Aus seinen Buchstaben erwachsen Trommler und Flamenco-Tänzer, Reiter und Derwischtänzer, aber auch Moscheen und Tiere oder die Landkarten von Palästina und Syrien“, erläutert die Deutsch-Syrerin Jasmina Heritani, Vorsitzende des syrischen Exil-Kultur-Vereins. Die Botschaft des Künstlers: „Genug des Tötens“. Am 15. August folgt um 18 Uhr eine weitere Vernissage zur Ausstellung mit Fotos von Ahmed Selah. Und um 19 Uhr wird der Film „Haunted – Bleiben oder nicht“ gezeigt. Mit der Regisseurin Liwaa Yazji diskutiert im Anschluss Libuse Cerna. Liwaa Yazji wurde 1977 in Moskau geboren und lebt heute in Beirut. Mit „Haunted - Bleiben oder nicht“ hat die Autorin, Dramaturgin und Regisseurin ihr Filmdebüt vorgelegt. In ihrem Film porträtiert sie Menschen in Syrien, die vor die Entscheidung gestellt werden, zu fliehen oder zu bleiben.

Am Dienstag, 16. August, veranstaltet Ahmad Salma von 16 bis 18 Uhr im Institut français in englischer Sprache einen Workshop in Kunst und Kalligraphie. Tags darauf liest Salam Kawabiki um 19 Uhr auf Arabisch in deutscher Übersetzung aus dem Werk „Die Wesenszüge der Despotie“ von Abdel Rahman al-Kawakibi (1849-1902). Der aus dem mittlerweile zerstörten Aleppo stammende Journalist und Literat gilt als ein Vordenker der arabischen Aufklärung.

Kawakibi wollte den Islam modernisieren und politische und soziale Reformen durchsetzen. Er richtete sich gegen die Tyrannei des osmanischen Sultans, die er für Rückschrittlichkeit, Korruption und Analphabetismus verantwortlich machte, so Jasmina Heritani. Seine Devise: „Gott hat den Menschen frei geschaffen, damit er sich von seinem Verstand führen lässt“, erinnert an Kants aufklärerisches Credo: „Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Sein Urenkel Salam Kawakibi, der ebenfalls aus Aleppo stammt, gilt als einer der führenden syrischen Intellektuellen und lebt nun im Pariser Exil.

Höhepunkte dürften Konzerte sein

Am Donnerstag, 18. August, 19 Uhr, liest die 1974 in Damaskus geborene, regierungskritische Autorin Rosa Yassin Hassan aus ihrem Buch „Wächter der Lüfte“. Ihr gelang vor vier Jahren die Flucht aus Syrien nach Hamburg. Auch in der Villa Ichon am Goetheplatz stellen ab Sonnabend, 13. August, syrische Künstler ihre Werke aus. Die Vernissage ist um 16 Uhr. Um 18 Uhr halten Professor Alexander Flores und Issam Ballouz einen Vortrag über das „Syrian Heritage Archive Project“. Unterstützt vom Auswärtigen Amt in Berlin soll ein umfassendes digitales Register syrischer Kulturgüter entstehen, die inzwischen weitgehend vernichtet sind.

Höhepunkte des „Funun“-Festivals dürften die Konzerte sein. So tritt das „Expat Philharmonic Orchestra“ (EPO) auf, eine auf Initiative von in Deutschland lebenden syrischen Musikern gegründete Musikgruppe. Der Klangkörper interpretiert Musik aus Orient und Okzident von der Barockzeit bis in die Gegenwart. Das Orchester ist am Sonntag, 14. August, um 20 Uhr in der Glocke unter der Leitung von Martin Lentz zu erleben, seit 2012 Chef des Jugendsinfonieorchesters Bremen-Mitte.

Besonders berührend verspricht das Konzert zu werden, das Aeham Ahmad am Dienstag, 16. August, um 20 Uhr in der Kulturambulanz auf dem Gelände des Klinikums Bremen-Ost gibt. Der palästinensisch-syrische Pianist wurde durch seine Auftritte im Flüchtlingslager Jarmuk, das über Monate hinweg belagert wurde, international bekannt. Auch Ahmad betont wie eingangs Rajab Ibrahim, „dass es noch ein anderes Syrien gibt als das Syrien des Krieges“. „Ein Hauch von Damaskus“ bringt die Band „Broukar“ zum Abschluss am Freitag, 19. August, um 18 Uhr in den Sendesaal, Bürgermeister Spitta-Allee 45. Die vier Musiker spielen traditionelle Maqam-Musik. Dazu tritt der Derwisch-Tänzer Ahmad Alkhatib auf.

Das Festival können Interessierte mit einer crowdfunding-Kampagne im Internet unter der Adresse www.bremen.de/schotterweg und unter www.startnext.com finanziell unterstützen. Auch Tickets können dort bestellt werden.
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+