Stadt im Wandel Diskussion über Bremens Zukunft

Bremen und Bremerhaven wollen an ihrem Image feilen, um zu wachsen und die Wirtschaftskraft zu stärken. Deshalb hat die Handelskammer zu einer Diskussion eingeladen.
05.03.2018, 20:54
Lesedauer: 3 Min
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Diskussion über Bremens Zukunft
Von Jürgen Hinrichs

Das große, einigende Gesprächsthema über alle Fraktionsgrenzen hinweg, das ist an diesem Abend die Grippe. Wer sie schon hatte, wie schlimm es war, bei wem sie im Anflug ist – das ganze Elend dieses Winters. So tauscht man sich am Montag aus, bedauert sich und die anderen und kommt am Ende doch noch auf einen ganz anderen Punkt, den eigentlichen Anlass der Zusammenkunft im Schütting: Wie können Bremen und Bremerhaven so wachsen, dass die beiden Städte eines Landes mehr Einwohner bekommen, ihre Wirtschaftskraft stärken, die Infrastruktur verbessern und mit einem neuen Profil so etwas werden wie Kopenhagen zum Beispiel? „Wir wollen das kleine Kopenhagen an der Nordsee werden“, sagt Niels Schnorrenberger, Chef der Wirtschaftsförderung in Bremerhaven. Er vertritt seinen Oberbürgermeister Melf Grantz, auch Christian Weber, Präsident der Bremischen Bürgerschaft, ist nicht erschienen. Die Grippe vielleicht?

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Schnorrenberger wirbt für mehr Eigensinn und Selbstbewusstsein. Er weiß nach 25 Jahren an der Spitze seiner Behörde ganz genau, dass es damit in Bremerhaven eher schlecht bestellt ist: „Wir fühlen uns wie ein Stiefkind, tatsächlich sind wir aber ein Einzelkind mit entsprechenden Privilegien.“ Bremerhaven habe sich in den vergangenen 15 Jahren sehr gut entwickelt, die Arbeitslosigkeit fast halbiert, mehr Jobs geschaffen, einen Bauboom erlebt und mit den Havenwelten einen Magneten geschaffen, der im Jahr 1,3 Millionen Besucher in die Stadt bringe. Das aber reiche nicht, er spüre schon wieder Lethargie. „Wir müssen unkonventionell werden, uns abheben von anderen, kurzum: eine Vision entwickeln.“

Maus, Fuchs und Löwe

Ein Ziel, wie es mit anderen Worten auch Bürgermeister Carsten Sieling (SPD) formuliert. „Hinter allem, was wir gerade in der Zukunftskommission beraten, steckt der Anspruch, mit guten Nachrichten das Image von Bremen zu stärken.“ Ein Image, das er mit der zuletzt oft kolportierten „grauen Maus“ aktuell als zu negativ bewertet sieht. „Ich bin eher für Fuchs oder Löwe.“

Sieling wird konkret und gesteht ein Versäumnis ein, nicht sein eigenes, er war damals noch nicht Bürgermeister, aber das seines Vorgängers, der SPD und des Senats: „Beim Wohnungsbau waren wir in der ersten Hälfte dieses Jahrzehnts nicht ehrgeizig genug.“ Erst nach einer Studie, die einen Bedarf von 1400 Wohnungen pro Jahr prognostiziert habe, sei in der Zielsetzung etwas passiert. „Ende 2015 haben wir bereits 2000 Einheiten angepeilt. Jetzt sind es in der mittelfristigen Finanzplanung noch einmal 100 mehr.“ Der Handelskammer, die zu dem Abend eingeladen hat, ist das noch zu wenig. Sie fordert 2500 Wohnungen pro Jahr. „Nur wachsende Städte können ihr Potenzial richtig entfalten“, betont zur Begrüßung Kammer-Präses Harald Emigholz.

„Bremen ist so beliebt wie nie“, hebt Sieling hervor und bezieht sich auf die neuen Zahlen der Tourismuswirtschaft. Doch Gäste sind das eine; besser noch, es kommen Menschen, um zu bleiben. „Wir müssen eine Schwarmstadt werden.“ Was das heißt: Junge Menschen anziehen, Studierende, die Bremen einen neuen Geist einhauchen, so unkonventionell, wie Schnorrenberger sich das für Bremerhaven wünscht. „Dort kennen wir bisher nur Fischschwärme“, witzelt der Wirtschaftsförderer.

Aggressiv gegen das Umland

Später am Abend sitzen auf dem Podium die Fraktionsvorsitzenden von SPD, CDU, Grünen, Linken und der FDP zusammen. „Wir haben es in der Vergangenheit versäumt, Ziele zu formulieren“, sagt Thomas Röwekamp (CDU). Im Wettbewerb mit den Umlandgemeinden zum Beispiel, den Röwekamp sich aggressiver wünscht: „Wachstum soll bei uns stattfinden.“ Der Fraktionschef nimmt noch einmal seinen Vorschlag auf, den Neustädter Hafen zu bebauen: „Dort muss man sich eben entscheiden, ob man auf 100 Hektar 800 Arbeitsplätze haben will oder 15 000 Bewohner.“ Schnorrenberger springt ihm bei: „Darüber kann man doch reden.“ Er habe sich gewundert, wie schnell die Diskussion wieder beendet war.

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„Wir müssen nicht nur über neue Wohnbauflächen reden, wir müssen sie auch schaffen“, erklärt Röwekamp. Ein Seitenhieb gegen seinen Kollegen von der SPD. Björn Tschöpe hatte vorher betont, das A und O einer wachsenden Stadt sei die Bereitstellung von Flächen für Wohnen und Gewerbe: „Das ist entscheidend.“ Nur dass der Fraktionsvorsitzende mit einem Koalitionspartner regiert, der die Prioritäten deutlich anders setzt: Möglichst viel bauen, aber dort, wo bereits gesiedelt wurde. Nachverdichtung, lautet das Stichwort. Maike Schaefer (Grüne) schüttelt deshalb mit dem Kopf, als der Moderator in der Flächenfrage einen Konsens unterstellt. „Den gibt es nicht“, sagt die Fraktionschefin. Statt von der wachsenden spricht sie lieber von der nachwachsenden Stadt. Mit einer hohen Lebensqualität, pfiffigem Wohnen und Gewerbeflächen, die smart sind. „Dann bleiben die Leute auch in Bremen.“

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