Verkehrsprobleme in der Überseestadt Bremen Durchstich zwischen Hafen- und Nordstraße ist noch nicht vom Tisch

Anwohner, Beirat und Bürgerschaft sind sich einig: Ein Durchstich von der Hafenstraße zur Nordstraße wäre keine Verbesserung für den Verkehrsfluss in der Überseestadt. Der Gutachter sieht dies anders.
25.05.2018, 18:20
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Durchstich zwischen Hafen- und Nordstraße ist noch nicht vom Tisch
Von Anne Gerling

Der Gutachter bleibt dabei: Ein „Durchstich“ von der Hafenstraße zur Nordstraße würde seiner Ansicht nach helfen, die Verkehrssituation in der Überseestadt zu entspannen. Der im Integrierten Verkehrskonzept für die Überseestadt als „S. 8“ geführte Durchstich ist deshalb eine von sechs Kernmaßnahmen, die der Experte in seinem nun nochmals überarbeiteten Konzept empfiehlt. „Wir wissen aber, dass das Heimatviertel dieser Maßnahme – nachvollziehbar – nicht wohlwollend gegenübersteht und auch die Politik sich dagegen positioniert hat“, sagt dazu Grit Gerber, Referatsleiterin Verkehrsprojekte beim Senator für Umwelt, Bau und Verkehr.

Am Donnerstagabend war sie im Fachausschuss „Überseestadt, Wirtschaft und Arbeit“ des Waller Beirats zu Besuch, um dort das nach 33 im Beteiligungsverfahren eingegangenen Stellungnahmen mit insgesamt 220 Einzelaspekten nochmals überarbeitete Gutachten vorzustellen.

Demnach werden nun als zentrale Maßnahmen eine verbesserte Busanbindung, mehr Fußgänger-Überwege über die Hafenrandstraße, ein dichteres Radwegenetz und die verlässliche Fährverbindung von der Waterfront zur Weichen Kante empfohlen. Die Gretchenfrage aber bleibt die nach den Querverbindungen für Autos und Lkw zwischen der Überseestadt und Alt-Walle, denn zu den Stoßzeiten steht der Verkehr praktisch still. Der Gutachter habe Alternativen wie das Überseetor oder die Emder Straße geprüft, sagt Grit Gerber. Die größte Entlastung aber könnte seiner Meinung nach mit dem Hafenstraßen-Durchstich erzielt werden.

Im gut besuchten Sitzungssaal des Ortsamtes sorgte diese Sichtweise für Empörung – und zwar nicht nur bei den zahlreich erschienenen Vertretern der Bürgerinitiative „Heimatviertel Waller Wied“. Sie kämpfen seit Monaten engagiert gegen den Durchstich, der ihrem kleinen Wohnquartier viel Lärm und Gestank brächte. Mit dieser Ansicht stehen sie längst nicht allein da: Im November hat sich der Waller Beirat entschieden gegen den Durchstich positioniert und Ende April hatten sich in einer von der Linksfraktion angestoßenen Bürgerschaftsdebatte auch die verkehrspolitischen Sprecher aller Fraktionen gegen die Maßnahme ausgesprochen.

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Sie frage sich, was man eigentlich noch tun müsse, um den Durchstich vom Tisch zu bekommen, sagte dementsprechend nun im Ortsamt die Bürgerschaftsabgeordnete Claudia Bernhard (Die Linke): „Die Politik kann offenbar machen was sie will. Die Verwaltung gibt den Weg vor.“

Ob dem tatsächlich so ist, wird sich demnächst zeigen: Am 13. und 14. Juni sollen die Deputationen für Wirtschaft, Arbeit und Häfen beziehungsweise Bau und Verkehr darüber entscheiden, wie es mit dem Integrierten Verkehrskonzept nun weitergeht. Grit Gerbers Team ist derzeit dabei, dafür eine mit allen Seiten abgestimmte Vorlage auf den Weg zu bringen. Beim sogenannten Senatorenfrühstück immer dienstags sei der Durchstich dementsprechend auch Thema, sagen Gerber und Jan Casper-Damberg vom Referat „Gewerbe- und Regionalplanung“ im Wirtschaftsressort. „Ziel ist, dass wir im Sommer die Marschrichtung festgelegt haben“, sagt Grit Gerber. Im nächsten Schritt könnten sodann die entsprechenden Mittel bereitgestellt werden.

Für ihre Entscheidungsfindung gab Erik Wankerl im Namen der Bürgerinitiative den Verantwortlichen nun eine klare Forderung mit auf den Weg, nämlich: „S. 8 darf kein Teil des Integrierten Verkehrskonzepts werden.“ Die Bewohner des Heimatviertels, die in den vergangenen Monaten immer wieder das Gespräch mit der Wirtschaftsförderung Bremen (WFB) als einem der beiden Gutachten-Auftraggeber neben dem Verkehrsressort gesucht hatten, bemängeln fehlende Transparenz. Bis heute nämlich seien ihnen weder die Bewertungskriterien für die Einzelmaßnahmen erklärt noch ein endgültiges Konzept vorgelegt worden. „Solange die Konzeptgrundlage fehlt – die Fertigstellung des Ringschlusses A 281, mit der nicht vor sechs bis acht Jahren gerechnet wird, – machen Detailmaßnahmen keinen Sinn und richten nur Schaden an. Nachhaltig ist etwas anderes. Nicht ohne Grund sprachen sich die verkehrspolitischen Sprecher aller Fraktionen deutlich gegen die Maßnahme S. 8 aus. Wir sind gespannt auf die Konsequenzen und wer sich hier durchsetzt. Unsere Erfahrungen mit der Verwaltung stimmen und allerdings wenig optimistisch.“

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In der teilweise hoch emotionalen Diskussion contra Durchstich versuchte der grüne Bürgerschaftsabgeordnete Robert Bücking, eine Lanze für die Verwaltung zu brechen. „Die machen ihren Job, und sie machen ihn gut“, sagt er, betont aber gleichzeitig: „Die Straßenbahn ist das Ziel, das wir uns dringend vornehmen müssen.“ Denn nur mit einem besseren öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) und eventuell einer Brücke nach Woltmershausen könne die Überseestadt vor dem Verkehrsinfarkt – und dem damit verbundenen Imageverlust – bewahrt werden.

„Wenn man Bewohner an anderer Stelle in der Überseestadt vor Lärm schützen will, dann muss das auch für das Waller Wied gelten. Je mehr Straßen man baut, umso mehr Verkehr wird dort hindurchfließen“, unterstrich Beiratssprecher Wolfgang Golinski (SPD) unter Applaus. Er hätte sich gewünscht, dass man sich konkret mit Maßnahmen zur Verbesserung des ÖPNV beschäftigt hätte. Ein neuer Knoten an der Ecke Hafenstraße/Nordstraße brächte neuen Verkehr auch ins Kerngebiet von Walle, ist Golinski sich sicher. Dort wolle die Ortspolitik den Verkehr aber gerade beruhigen. Für den Beiratssprecher ist der Fall deshalb klar: „Wenn der Gutachter daran festhält, dann halten wir auch an unserem Positionspapier fest.“ Der Fachausschuss bekräftigte geschlossen den Entschluss, in dem der Durchstich entschieden abgelehnt wird.

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