Bunker Valentin in Farge Ein erster Rundgang im Denkort

Ab Dienstag wird sich der Denkort Bunker Valentin in Farge den präsentieren: Mit einer Ausstellung auf 280 Quadratmetern, der Eintritt ist frei. Eine Besichtigung kurz vor der Eröffnung.
07.11.2015, 00:00
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Von Volker Kölling

Lichtproben im Informationszentrum, Feinjustierung an den Videobeamern – und überall räumen Bauarbeiter den letzten Schutt und ihre Gerüste weg. Im 280 Quadratmeter großen Ausstellungsraum müssen noch ein paar Tafeln und Exponate ihren Platz finden. Die Audioguides für die mehr als 20 Stationen auf dem gut einen Kilometer langen Rundweg sind gerade eingetroffen. Zeit für einen Testlauf mit Blick darauf, wie sich der Denkort Bunker Valentin ab kommendem Dienstag den Besuchern präsentieren will.

Das weiße Hinweisschild an der Rekumer Straße wird immer noch von einem Radwegeschild verdeckt. Wer Ausschau gehalten hat, hat den grauen Betonklotz zwischen den Häusern von der Hauptstraße schon entdeckt und biegt von Bremen kommend links in die Straße Rekumer Siel ab.

Reisebusse sollen auch weiterhin durch das Haupttor bis zum Parkplatz des Seminar- und Verwaltungshauses fahren. Eigentlich soll dieses Tor aber geschlossen bleiben. Was wie ein Pförtnerhaus aussieht, ist für den Denkort ohne Funktion. Wer mit dem Auto kommt, parkt rechts vor dem Tor am Zaun und läuft dann am Tor und am Mahnmal vorbei. Eine senkrecht stehende Stele am Tor verrät die Öffnungszeiten: Dienstags bis freitags von 10 bis 16 Uhr. An Feiertagen ist geschlossen. Der Eintritt ist kostenlos.

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Direkt am Mahnmal erahnt der Besucher zum ersten Mal, wie die Ergebnisse der Spurensuche an den Stationen präsentiert werden: Angekippt liegt dort ein Foto aus dem Jahr 1983, das die Einweihung des Mahnmals zeigt. Direkt daneben erläutert ein sehr knapper Text in Deutsch und Englisch in weißer Schrift auf anthrazitfarbenem Stein, was der Besucher hier sieht. Eine Platte im Farbton Petrol, was Türkis ziemlich nahe kommt, gibt daneben einige weitere Infos.

Bis zur nächsten Station sind es nur zwanzig Meter – nun steht man praktisch zum ersten Mal mit dem Rücken zum Bunker. In der Senke stand die Kantine. Ein Foto zeigt die langen Schlangen von Zwangsarbeitern vor einer Baracke. Hier wurden die Arbeitskommandos eingeteilt, hier gab es die dünne Bunkersuppe, hier führten die Bewacher am Abend die Bestrafungen durch. Eine senkrechte Stele zeigt eine 3D-Zeichnung, die den Verlauf des Rundwegs erläutert.

Von hier sind es noch zweihundert Meter bis zum neuen Haupteingang des Informationszentrums. Auch dort ist der Eintritt frei, Bücher und Filme kann man hier kaufen, wenn man tiefer in die Bunkerkunde einsteigen will. Noch wichtiger für den Besuch: Am Tresen gibt es die Audioguides, auf die man nicht verzichten sollte. Ist man ganz konsequent, geht man mit den smartphone-großen Geräten wieder zurück zur ersten Station – und hört plötzlich die Stimmen der Überlebenden, die auf dem Foto von der Mahnmaleröffnung zu sehen sind. Ihr Schicksal haben die Historiker in der Präsentation des Denkortes bewusst nach vorne gestellt.

Trotzdem zeigt schon die Station drei auf halbem Weg zum Infozentrum auch Fotos von der technischen Dokumentation des Bunkerbaus: Johann Seubert hat seinerzeit als Kreisbildberichterstatter der NSDAP im Auftrag der Marinebauleitung und der AG Weser fotografiert, wie Dachelemente für den Weitertransport von Arbeitern in der gestreiften Sträflingsuniform vorbereitet wurden. Die fünf Fotos wurden damals als „geheim“ klassifiziert.

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Man muss mit seinem Audioguide wieder durch das Infozentrum in den nicht geheizten Teil des Bunkers gehen, um die nächste Station des Rundgangs zu erreichen: Der „Bunker als Werft“ wird hier mit Blick in den Bereich erklärt, der bis vor kurzem noch Materiallager der Marine war. Hier wollen die Historiker mit dem Mythos aufräumen, der Bunker sei von langer Hand geplant worden. Ein Zitat eines Nazi-Bauleiters belegt, dass man eigentlich keine unterirdische Schiffbautätigkeit wollte. Der Bunkerbau von Mai 1943 bis April 1945 mit über 1600 Toten und einem Heer von mehr als 10 000 Zwangsarbeitern war ein Panikprojekt, weil die Luftabwehr nicht mehr gegen die alliierten Bomberflotten ankam.

Steine auf dem Boden weisen den Besuchergruppen den Weg in die Galerie, von wo aus man erstmals die Längsachse des Bunkers sieht – und seine tatsächlichen Dimensionen begreift. Eine fast verfallene Lore steht hier. Sie ist ein Fund aus dem Hafenbecken. Daneben liegt der Rest einer Fliegerbombe aus der Nachkriegszeit, als die Briten den Bunker als Trainingsziel nutzten. Besucher gucken aber unwillkürlich in Richtung Bunkerdecke: „Am 27. März 1945 durchschlugen zwei britische Fliegerbomben die Betondecke von Bunker Valentin“, berichtet der Audioguide. Der Bunker hätte als Schutz für eine U-Boot-Werft nicht einmal funktioniert.

Es geht wieder raus aus dem Komplex in das herbstliche Rekum. Die nächsten Stelen erläutern den Blick in die Schleusenkammern. Dann geht es um die Arbeitsorganisation und die riesigen Betonmischanlagen: „Menschenfresser“ wurde sie genannt. Immer mehr Überlebende bekommen jetzt eine Stimme.

Am Betonmischer endet momentan noch der barrierefreie Weg vor einer Stahltreppe den Deich hoch. Oben angekommen steht man vor der Rundweg-Station „Baustelle Nord“. Rund um den Bunker erstreckte sich in den Baujahren auch ein riesiges Gewerbegebiet: Firmen aus dem ganzen Reich kämpften hier um ihren Profit: Genannt sind unter anderem Hochtief, die Luchterhand AG, Krupp-Rheinhausen, die Thyssen AG, MAN und Siemens.

Auf dem Weg am Zaun entlang und an der Weser lernt man über den Audioguide und die Gedenktafeln am Boden weitere Zwangsarbeiter kennen: Klaas Touber steuerte ein Bild und seine Schreibmaschine auch zur Ausstellung bei – in Texten und Gemälden hat er versucht, das Trauma Bunker zu verarbeiten. Man lernt Stanislav Masney kennen, der den Aufstand im Warschauer Ghetto überlebt hat und den irischen Seemann Harry Callan.

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An der Kopfseite zur Weser geht es weiter. Die Ingenieure stehen jetzt im Fokus, die noch lange nach dem Krieg sich und ihre technischen Leistungen beim Bunkerbau rühmten. Das wirkt heute zynisch. Die Ausstellung vergisst nicht, die Namen der Konstrukteure dieser nutzlosen, grauen Festung zu nennen. Mit dem Hinweis, dass etwa einem Arnold Agatz in Bremerhaven immer noch eine Straße gewidmet sei.

Der Blick auf die Uhr: Für den etwas über einen Kilometer langen Rundgang sollte man mindestens eine Stunde Zeit einkalkulieren. Im Infozentrum kann man sich danach aufwärmen, Filme und Fotos ansehen – und Fragen stellen zu dem, was man zuvor gesehen hat.

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