Größte Arktisexpedition Ein Jahr eingefroren

Im Herbst 2019 startet die bislang größte Arktisexpedition: Unter der Leitung von AWI-Atmosphärenphysiker Markus Rex soll das Forschungsschiff "Polarstern" ein Jahr lang quer durch das Eis driften.
27.06.2018, 22:26
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Ein Jahr eingefroren
Von Nico Schnurr

Zwischen Grönland und dem Nordpol, draußen auf dem Eis, gibt es einen Punkt, an dem sich die Dinge für Markus Rex entscheiden werden. Die Arktis teilt sich dort in zwei Hauptströmungen. Eismassen, die von Sibirien gen Grönland driften, schieben sich vorbei an Schichten, die jahrelang weit vor der Nordküste Alaskas Runden drehen. Wer in diesen sogenannten Beaufortwirbel gerät, sitzt fest.

Eingefroren auf Eisschollen, die umherkreisen wie die Zeiger einer Uhr. Keine Küste in Sicht, ringsum nichts als Eis, hunderte Kilometer Weiß. Zu den Aufgaben von Markus Rex gehört, das zu verhindern. Der Atmosphärenphysiker des Bremerhavener Alfred-Wegener-Instituts (AWI) wird die bislang größte Arktisexpedition leiten.

Ein Jahr lang soll der deutsche Forschungseisbrecher „Polarstern“ bei der sogenannten Mosaic-Expedition durch die Arktis driften, um deren Einfluss auf den Klimawandel zu untersuchen. Im Herbst 2019 will Rex vom norwegischen Tromso aus die Ostsibirische See ansteuern. Dort soll das Schiff einfrieren, um mit der natürlichen Eisdrift im arktischen Winter auf die Framstraße Richtung Grönland und Spitzbergen zu gelangen. Nur wenn die „Polarstern“ diese Abzweigung nimmt, wird sie es im Herbst darauf wieder aus dem Eis schaffen.

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Markus Rex weiß, wie sich das Meereis der Arktis bewegt. Lange hat er gesucht nach dem perfekten Punkt, um die Motoren auszuschalten und das Schiff auf Schollen treiben zu lassen. Statistiken haben ihm geholfen. Sie verringern das Risiko, in die falsche Strömung zu geraten. Aber ausschließen können sie es nicht. „Sobald wir einmal fest im Eis liegen, ist das nicht mehr planbar“, sagt Rex. „Wir sind dann der Arktis ausgeliefert und darauf angewiesen, dass das Eis uns trägt.“

Es gibt nicht mehr viele Regionen auf der Erde, die einem ohne Hilfe der Natur verschlossen bleiben. Die zentrale Arktis ist so eine Gegend. Im Winter friert die Decke über dem Ozean zu, eine meterdicke Schicht, die auch Eisbrecher nicht durchstoßen können. Fortbewegen kann man sich aber selbst bei minus 50 Grad während der Polarnacht noch.

Man muss sich bloß von der natürlichen Bewegung des Meeres tragen lassen. Vor 125 Jahren hat der norwegische Polarpionier Fridtjof Nansen das auf seiner Driftexpedition erstmals versucht. Ab dem kommenden Jahr will ein Forscherteam aus 17 Nationen das auf der Mosaic-Expedition wiederholen, die über 120 Millionen Euro kosten wird.

Arktischer Winter ist ein Rätsel

„Die Arktis ist das Epizentrum der Erderwärmung“, sagt Markus Rex. Nirgendwo wandelt sich das Klima so rasant wie in der Arktis, das wissen die Forscher. An der AWI-Forschungsstation in Spitzbergen etwa haben die Wissenschaftler gemessen, dass die Temperaturen in den vergangenen 20 Jahren um sechs Grad gestiegen sind. Warum das so ist, wissen sie kaum.

Der arktische Winter ist für sie ein ziemliches Rätsel. Bislang haben die Forscher versucht, den Klimawandel allein mit den Daten aus den Sommermonaten zu untersuchen. So wirklich funktioniert hat das nicht. Um das zu ändern, wollen sie nun den Winter in der Arktis verstehen. „Das klingt jetzt wahrscheinlich so, als hätten hauptsächlich Eisbären Interesse an unserer Forschung“, sagt Rex. Natürlich sieht er das anders. „Was in der Arktis passiert, bleibt nicht dort.“

Rex hält den Klimawandel in der Arktis für ein Frühwarnsystem. Er glaubt, man wird das Wettergeschehen in Europa erst dann besser vorhersehen können, wenn man die Situation am Nordpol versteht. „Wir brauchen die Daten dieser Expedition dringend, um die Auswirkungen des weltweiten Klimawandels genauer zu verstehen“, sagt auch Bundesforschungsministerin Anja Karliczek.

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Vielleicht waren neue Fakten über die Erderwärmung nie so wichtig wie momentan, wo nicht nur im Weißen Haus ein Klimaleugner regiert. Der Wandel finde für Leute im Westen bisher nur in den Zeitungen statt, sagt Rex. Man bräuchte schon ein Elefantengedächtnis, um sich daran zu erinnern, wie sich das Wetter hier verändert habe. Für die Menschen in der Arktis sei das anders, sagt Rex.

Seit Anfang der 1990er-Jahre reise er in die Region, oft an die gleichen Stellen. Den Fjord nahe der Forschungsstation in Spitzbergen habe man früher nur auf Karten erkannt, alles zugefroren. „Damals haben wir Skitouren über den Fjord gemacht, heute sind es Bootsausflüge“, sagt Rex. „Zweifel daran, dass sich das Klima wandelt, kann man nur in Mitteleuropa haben, in der Arktis spürt man das längst.“

"Wir wissen einfach noch zu viel nicht"

Zwischen Grönland und dem Nordpol, draußen auf dem Eis, wo Markus Rex aufpassen muss, dass die „Polarstern“ nicht in den Beaufortwirbel gerät und fest gefroren auf Eisscholen ewig Kreise zieht, ist vielleicht schon bald alles anders. Eine neue Handelsroute könnte hier entstehen. Wenn sich das Klima weiter erwärmen und die Arktis im Sommer eisfrei werden sollte, dann dürfte der Schiffsverkehr zwischen Asien und Europa irgendwann nicht mehr über den Suezkanal laufen, sondern dort entlang. Wann es soweit ist? Die Prognosen der Wissenschaftler reichen von sehr bald, also 2030, bis niemals. Und eigentlich sagt das auch schon alles über den aktuellen Stand der Forschung, findet Markus Rex. „Wir wissen einfach noch zu viel nicht.“ Nach einem Jahr, eingefroren im Eis, sollte das anders aussehen.

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